Geschichten, die erzählt werden wollen – zu Besuch bei Holocaust-Überlebenden in Jerusalem

Geschichten, die erzählt werden wollen – zu Besuch bei Holocaust-Überlebenden in Jerusalem

Eine Gruppe Frauen mit Blumensträußen
Bunte Blumen für Holocaust-Überlebende öffnen die Türen zu Herzen und schmerzvollen Geschichten . Alle Fotos: privat

Eine Begegnung mit Deutschen – und dann auch noch Blumen geschenkt bekommen? Diese Erfahrung berührt Holocaust-Überlebende immer wieder, wo immer wir sie im Rahmen unserer CSI-Blumenstrauß-Aktion besuchen, um ihnen ein Zeichen der Liebe und der Wertschätzung zu geben. Anfang Januar war Tatjana Ernst mit einer kleinen Gruppe bei Überlebenden in Jerusalem.

Von Tatjana Ernst, Jerusalem

Wir betreten das Altersheim Beit Moses in Jerusalem. Hier sind wir verabredet, um zehn Holocaust-Überlebende zu besuchen und ihnen im Rahmen der Blumenaktion von Christen an der Seite Israels (CSI) ein Zeichen der Liebe zu überbringen. Dieses Heim wurde speziell für Überlebende der Schoah gegründet und beherbergte einst 170 Bewohner. Heute leben dort nur noch etwa 30 Überlebende, überwiegend aus den Niederlanden und Deutschland.

Orna, die Sozialarbeiterin des Hauses, empfängt uns herzlich mit Getränken und Kuchen. Zu Beginn berichtet sie sehr bewegt davon, wie schwer die vergangenen zwei Kriegsjahre für Israel und das Heim waren. Sie erzählt uns, dass auch sie am 7. Oktober 2023 ein Familienmitglied in Nahal Oz verloren hat. Diese Zeit war für sie äußerst belastend, zugleich seien die Überlebenden für sie eine große Ermutigung und ein beeindruckendes Vorbild an Resilienz – hatten sie doch Unbeschreibliches erlebt.

Begegnung in Beit Moses, einem Wohnheim für Holocaust-Überlebende in Jerusalem.

Wir stellen uns kurz vor. Die Überlebenden zeigten großes Interesse daran zu erfahren, aus welchen Städten wir genau kommen. Ich erklärte ihnen, dass wir nur eine kleine Delegation seien, jedoch viele Christen aus Deutschland hinter uns stehen, die für sie beten und an sie denken. Mit großer Freude nehmen sie die Blumen und Karten entgegen, die wir verteilen.

Eine Freundin spielt auf der Geige bekannte Stücke, darunter das Lied „ Yerushalayim Shel Zahav” (“Jerusalem aus Gold”), was eine sehr besondere Atmosphäre schafft. Danach durfte jeder von uns einen Überlebenden in sein Zimmer begleiten und persönliche Gespräche führen. Viele wollten ihre Geschichte mit uns teilen.

Besonders Elisheva war es ein großes Anliegen, ihre Lebensgeschichte zu erzählen und ihren Dank auszudrücken. Sie wurde 1943 in den Niederlanden geboren. Ihre gesamte Familie wurde von niederländischen Christen versteckt. Leider wurde das Versteck von den Nazis entdeckt. Als die Nazis die jüdische Familie im Versteck fanden, sagte der christliche Familienvater zu ihnen: „Ihr habt ein Herz aus Stein, ich habe ein weiches Herz.“ Daraufhin entgegneten sie ihm: „Wenn du so ein gutes Herz hast, dann kannst du auch den Leidensweg der Juden mitgehen.“ Er bezahlte für seine Überzeugung und seinen Mut mit seinem Leben.

Elisheva war damals noch ein Baby. Als die Nazis fragten, zu wem das Kind gehöre, behauptete die holländische Frau, es sei ihr eigenes und rettete so Elishevas Leben. Wie durch ein Wunder überlebten später auch beide Elternteile von Elisheva. Auch ihr Mann erlebte als Kleinkind in Ungarn ein Wunder: Sein Zug nach Auschwitz wurde umgeleitet, da Arbeitskräfte für eine deutsche Firma gebraucht wurden.

Einfach da sein und zuhören: Es bedeutet den betagten Überlebenden viel, noch einmal jemandem ihre leidvolle Geschichte erzählen zu können.

Eine Holocaust-Überlebende erzählten uns, dass dies ihre erste persönliche Begegnung mit Deutschen überhaupt gewesen sei. Es wurden viele Telefonnummern ausgetauscht, so dass sicherlich weitere Begegnungen folgen werden.

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