„Gottes Stille bedeutet nicht seine Abwesenheit“ – Der Exodus-Code

„Gottes Stille bedeutet nicht seine Abwesenheit“ – Der Exodus-Code

Der Exodus | Horace William Petherick. Foto: public domain

Das Buch Exodus (2. Mose) beginnt mit einem Volk, das in die Tiefen der staatlich sanktionierten Sklaverei gefallen ist und später befreit wird. Doch hinter dieser grandiosen Erzählung verbirgt sich ein Geheimnis, das schon vielen Generationen zuvor auf dem Sterbebett weitergegeben wurde: ein „geheimer Satz”, der als Leuchtfeuer der Hoffnung für ein Volk von Gefangenen dient.

Von David Nekrutman, Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung CSI

Joseph

Auf seinem Sterbebett macht Joseph seinen Brüdern eine überraschende Erklärung: „Ich sterbe. Aber Gott wird euch gewiss beistehen (pakod yifkod) und euch aus diesem Land herausführen.” (1. Mose 50,24) Josephs Worte hätten rein staatsmännischer Natur sein können. Er hätte die Ängste seiner Brüder beschwichtigen können, indem er sagte: „Ich sorge für euch. Ich werde einen Nachfolger ernennen, der sich um euch kümmert und eure Rückkehr nach Hause arrangiert.“

Das hätte Joseph „managen“ können. Stattdessen umgeht Joseph menschliche Strategien vollständig. Er stellt den Aufenthalt seiner Brüder in Ägypten in einen übernatürlichen Zeitplan hinein, der nicht von den Launen der Pharaonen bestimmt wird, sondern von einem einzigen Wort: pakad. Dieses Wort ist höchst bedeutungsvoll, es ist eine Art „Code-Wort“.

Die DNA des Bundes

Um Josephs Entscheidung zu verstehen, müssen wir zunächst einmal zurückschauen. Die Wurzel, der Wortstamm, pakad kann vieles bedeuten, aber ihr erstes Auftreten in der Tora ist grundlegend: „Und der Ewige achtete auf Sara (pakad) …“ (1. Mose 21,1) In diesem Zusammenhang beschreibt pakad eine innige Hinwendung Gottes. Gott „achtet“ auf Sara – und schenkt ihr den lang ersehnten Sohn. Mit derselben Wurzel spricht Joseph zu seinen Brüdern vom zukünftigen Auszug aus Ägypten und der daran anschließenden nationalen Geburt Israels. Das heißt: Wie Gott auf Sara „geachtet“ hat, so wird er später auf Israel achten, auf sein Volk, und es befreien.

In beiden Fällen entsteht die Erlösung in Situationen der Unmöglichkeit. So wie ein Mutterleib, der zu alt ist und kein Leben mehr hervorbringen kann, so kann ein Volk von Sklaven nicht ein Imperium zu Fall bringen und zu einer eigenen, freien Nation werden. Beides ist menschlich gesehen unmöglich, nicht aber bei Gott. Joseph stellt die Befreiung der Brüder beziehungsweise ihrer Nachkommen als eine übernatürliche Erlösung dar – und beweist damit, dass Gottes Bund mit ihnen genau dort greift, wo menschliches Handeln an seine Grenzen stößt.

Das Passwort der Erlösung

Springen wir nun von Joseph und seinen Brüdern zum Buch Exodus. Gott erscheint Mose am brennenden Dornbusch und gibt ihm das „geheime Passwort“, das er den Ältesten übermitteln soll: „Sag ihnen … ‚Ich habe achtsam auf euch geachtet (pakod, pakadeti) …‘“ (2. Mose 3,16) – zweimal pakad. Als die Israeliten diesen Code hörten, verstanden sie sofort. Sara stand ihnen vor Augen, ebenso Joseph und seine Ankündigung, dass der Moment kommen würde, wo Gott sein Volk aus Ägypten befreit. Glaube entstand in ihren Herzen und sie neigten ehrfürchtig ihre Köpfe. In den Worten Gottes an Mose schallte das Echo von Josephs Verheißung und Sarahs Wunder zu ihnen herüber.

Den Code leben

Zwischen dem angekündigten Pakad von Joseph und dem Pakad von Mose lagen Jahrhunderte. Jahrhunderte, in denen scheinbar nichts geschah; Jahrhunderte, in denen Stille herrschte. Dennoch blieb das Versprechen bestehen. Gott war da, Gott wirkte, Gott bereitete vor. Vertraue auf die Stille des Prozesses. Gottes Stille bedeutet nicht seine Abwesenheit, sie bedeutet auch nicht Passivität oder Interesselosigkeit. Gottes Stille ist der Raum, in dem sich sein übernatürlicher Zeitplan in perfektem Tempo entfaltet.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 144. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

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