Hunger, Deportation und das bittere Glück zu überleben – Holocaust-Überlebende erzählen

Hunger, Deportation und das bittere Glück zu überleben – Holocaust-Überlebende erzählen

ZweCSI Mitarbeiterinnen mit einer alten Dame und Blumen
Die CSI-Mitarbeiterinnen Raquel (li.) und Anemone (re.) bringen Holocaust-Überlebenden Blumensträuße als Zeichen, dass sie nicht vergessen sind. Alle Fotos: CSI

Im Rahmen der Blumen-Aktion, bei der Christen an der Seite Israels (CSI) bunte Blumensträuße als Zeichen der Liebe an Holocaust-Überlebende in Deutschland verteilt, besuchen wir auch das Altenheim der Henry und Emma Budge-Stiftung sowie das Altenheim der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Wieder hören wir herzzerreißende Lebensgeschichten.

Von Anemone Rüger

Für Claude ist es nicht einfach, einen Blumenstrauß anzunehmen. Für ihn ist es viel wichtiger, dass die Christen heute ihre Stimme erheben und ihre jüdischen Nachbarn nicht wieder im Stich lassen, wie damals, als er klein war und sie fliehen mussten und sein Großvater, der im Ersten Weltkrieg als großer Patriot fürs deutsche Vaterland gekämpft hatte, von seinen eigenen Soldaten ermordet wurde.

„Ich möchte kein Mitleid. Ich möchte einfach Mensch sein!“, bricht es aus Claude heraus. „Geht zu den Christen! Sie müssen eure Botschaft hören!“

Leonid: Allein mit dem Bruder übriggeblieben

Leonid ist mit seinem Rollator gekommen und hat sich zu uns an den Tisch gesetzt. Wir müssen uns anstrengen, ihn zu verstehen. Neben seinem rumänischen Akzent macht sich das stolze Alter bemerkbar – er ist 1929 geboren! Auch seine Kindheit war von Flucht und Elend gekennzeichnet. Von Rumänien ging es nach Moldawien und als dort die mit Hitlerdeutschland verbündeten rumänischen Truppen einmarschierten, musste die sechsköpfige Familie wieder weg.

„Wir hatten eine offizielle Ausreisegenehmigung in die Sowjetunion“, erzählt Leonid. „Das war damals im Hitler-Stalin-Pakt vereinbart worden. Volksdeutsche nach Deutschland, ausreisewillige Juden in die Sowjetunion. Aber das hat uns letztendlich nicht viel geholfen. Am Bahnhof wurden wir zusammen mit vielen anderen in Viehwaggons gesteckt. ‚Die Juden fahren zu den Bolschewiken‘ haben sie außen dran geschrieben. An der Grenze wurden wir überfallen. Ich weiß nicht, wer es war – die rumänische Besatzung oder örtliche Banditen. Sie haben uns komplett ausgeraubt.“

Leonid kommen die Tränen, und wir möchten mit ihm weinen und ihm seine schweren Erinnerungen erleichtern. „Opas Brüder waren nach Amerika ausgewandert. Sie hatten ihm ein paar Dollar geschickt. Die hat er gegeben, um unser Leben zu retten. Mama haben sie ihren goldenen Ehering genommen und meinem Bruder haben sie die Schuhe gestohlen und er musste barfuß gehen.“ „Aber wir hatten Glück“, sagt Leonid, als er sich wieder gefangen hat. „Die Passagiere im nächsten Waggon haben versucht, sich zu wehren. Da haben die Kriminellen fünf von ihnen erschossen.“

Im großen Sowjetreich verschlug es die Familie von Ort zu Ort. „Papa wurde dann eingezogen“, fährt Leonid fort. „Aber da die Sowjets den rumänischen Juden nicht vertraut haben, haben sie ihn zur sogenannten ‚Arbeitsarmee‘ geschickt. Diese Lager, die für die Kriegsproduktion arbeiten mussten, waren nicht viel besser als ein KZ. Wir sind irgendwann mit Mama in Usbekistan angekommen. Aber sie konnte keine der Landessprachen – weder Russisch noch Usbekisch. So hat sie keine Arbeit gefunden, und wir hatten nichts zum Leben.“

Zwei Frauen und ein alter Mann
Leonid ist berührt von der Blumengeste und verspricht, beim nächsten Besuch seine Geschichte zu Ende zu erzählen.

Dann erzählt Leonid übergangslos von einem Kinderheim. Nach einer Weile frage ich nach. Es ist eine so unendlich traurige Geschichte, dass es schwer ist, sie zu erzählen und schwer, sie zu hören. „Es gab fast nichts zu essen dort. Alle sind krank geworden – an Unterernährung und durch die hygienischen Bedingungen. Es gab keinerlei ärztliche Versorgung. Mama ist dort nach wenigen Monaten gestorben. Zwei meiner Geschwister auch. Nur ich und mein Bruder waren noch übrig. Wir haben gehört, dass es ein Kinderheim gibt. Da sind wir dann hingegangen. Dann haben wir erfahren, dass Papa in der Stadt in einem Lazarett liegt. Er hat durch die unmenschlichen Bedingungen in dem sowjetischen Arbeitslager Tuberkulose bekommen. Dann ist er auch gestorben. Wir haben verzweifelt nach Verwandten gesucht. Schließlich haben wir noch eine Schwester von Papa gefunden, die in Moldawien überlebt hatte.“

Leonid verspricht uns, beim nächsten Besuch zu erzählen, wie es nach dem Krieg weiterging. Dass wir wiederkommen müssen, ist uns sofort klar, als wir ihm nachschauen, wie er – getröstet durch unseren Besuch – mit seinem Blumenstrauß auf der Ablagefläche seines Rollators den Weg zu seinem Zimmer antritt.

Ivett: Auf dem Weg nach Auschwitz befreit

Ivett begrüßt uns in ihrem schicken blauen Pulli so fröhlich, dass man nicht auf die Idee kommt, sie hätte irgendetwas Schweres in ihrem Leben mitgemacht. Ganz sicher sind wir nicht auf diese Geschichte vorbereitet und schon nach ein paar Sätzen den Tränen nahe. Aber Ivett schüttelt den Kopf. „Ich bin so stolz auf euch! Ich bin euch so dankbar – dass ihr euch für uns interessiert! Das bedeutet uns so viel!“

Ivetts Kindheit beginnt 1935 in der Slowakei. Der Krieg beginnt für sie 1938, als Ungarn die Südslowakei besetzt und die Familie beschließt, in der Hoffnung auf ein ruhigeres Leben zu einem Onkel nach Budapest zu gehen. Eine gewissen Zeit lang ist die Familie dort noch sicher, der Vater kann seinen Beruf als Juwelier ausüben. „Dann sind eines Tages, im September 1940, ungarische Polizisten in unsere Wohnung eingebrochen und haben Papa mitgenommen“, erzählt Ivett. „Sie brauchten Juweliere für die Kriegsindustrie. Einmal haben wir noch eine Postkarte von Papa bekommen. Aber wir haben ihn nie wiedergesehen.“

Als der Krieg 1944 mit voller Wucht auch in Ungarn ankommt, wird das Haus der Familie über Nacht zur Ghetto-Unterkunft. Aus dem ganzen Umland werden Juden ins neu errichtete Ghetto deportiert. Ivetts Familie muss sich die Wohnung plötzlich mit 17 weiteren Gefangenen teilen. „Es gab nur einmal Suppe und Brot am Tag“, erzählt sie. „Überall lagen Leichen auf den Straßen. Ende 1944 sind die Deutschen in Ungarn einmarschiert und die Deportationen haben angefangen. Mama und ich sind in einem Viehwaggon ins KZ Ricse in Ungarn gebracht worden.“

Immer wieder gibt es Selektionen, bei denen Ivett erst von ihrem fünf Jahre älteren Bruder Roland und später auch von ihrer Mutter getrennt wird. Ivett musste zusammen mit den Kindern ihres Alters alte Teppiche als Brennmaterial zerschneiden. Dann kommt die nächste Deportation, Kälte, Hunger, Schikanen. Bei einer der Torturen, als die ausgemergelten Gefangenen mit erhobenen Händen an der Donau auf und ab laufen müssen, werden ihr Onkel und dessen Frau, die der Familie Zuflucht geboten hatten, erschossen und in die bald blutrote Donau geworfen – ein Bild, das Ivett bis heute nicht vergessen kann.

Holocaust-Überlebende in einer Synagoge
Ivett zeigt uns die Synagoge des Altenheims. Sie ist dankbar für ihr Leben, obwohl sie unendlich Schweres erlebt hat.

Eine Weile wird Ivett mit ihrer Mutter von einem deutschen Soldaten versteckt und versorgt, aber dann kommt ein weiterer Transport, der Mutter und Tochter wieder trennt. „Am 27. Januar haben sie uns mit dem letzten Transport von Ungarn nach Auschwitz geschickt“, berichtet Ivett. „Aber die Nummer auf dem Arm haben wir nicht mehr bekommen – die sowjetische Armee kam dem zuvor. So sind wir in letzter Minute gerettet worden.“ Zusammen mit 400 für das Vernichtungslager bestimmten Kindern wird Ivett stattdessen in ein Kinderheim in Seged gebracht. Dort arbeitet ihre Mutter als Köchin. So finden sie sich wieder.

Und ihr Bruder? „Nein“, sagt Ivett traurig. „Er hat es nicht geschafft. Wir haben ihn noch schwerkrank in einem Krankenhaus in Seged gefunden, aber er war schon zu krank und ausgemergelt. Er ist bald darauf gestorben.“

Aber Ivett ist dankbar – dass sie überlebt hat, dass sie mit Tibor, einem Auschwitz-Überlebenden, eine Familie gründen konnte, dass sie zwei Söhne und vier Enkel hat, dass wir extra für sie gekommen sind und dass sie uns gleich noch die schöne Synagoge des Altenheimes zeigen kann. Seit ihr Mann nicht mehr da ist, widmet sie sich ganz den Aktivitäten des Heims und ist überall zur Stelle, wo jemand gebraucht wird; und wenn es keine Arbeit gibt, erfindet sie welche. „Kommt wieder, bitte!“, sagt Ivett zum Abschied und es fällt uns gar nicht so leicht, uns loszureißen.

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