Wie überlebt der Glaube in den dunkelsten Tiefen der Verzweiflung? Wie kann jemand – in einem Tunnel 50 Meter unter der Erde angekettet und gefangen gehalten – dort seinen Glauben entdecken? Ehemalige israelische Geiseln der Hamas haben genau das erfahren. Ihre Zeugnisse zeigen einen Glauben und eine Widerstandsfähigkeit, die an die Erfahrungen biblischer Helden wie König David, Daniel, Esther und Paulus erinnern.
Von Marie-Louise Weissenböck
Die israelischen Geiseln, die von der Hamas im Gazastreifen gefangen gehalten wurden, hatten viele Gründe zu hoffen, dass eine höhere Macht über sie wachte, während sie unvorstellbaren Hunger, Schläge, Misshandlungen, körperliche und seelische Folter, Verhöre, sexuelle Übergriffe und Demütigungen erdulden mussten. Ihnen wurde alles genommen: ihre Freiheit, ihre Würde. Doch inmitten dieser Grausamkeiten gab es etwas, das ihre Entführer ihnen nicht nehmen konnten, auch wenn sie es immer wieder versuchten – ihren Glauben an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.
Als die Geiseln nach ihrer Freilassung begannen, über ihre individuellen Erfahrungen zu sprechen, gab es bei vielen einen gemeinsamen „Glaubensfaden“, der sich durch ihre Berichte zog.
Am 7. Oktober 2023 war Bar Kupershtein als Leiter eines Sicherheitsteams beim Nova-Musikfestival eingesetzt. Als Raketen auf die Feiernden niederprasselten, Terroristen aus Gaza auf das Gelände stürmten und 364 Menschen massakrierten, versuchte er als ausgebildeter Sanitäter bis zuletzt junge Festivalbesucher zu retten. Er wurde nach Gaza verschleppt und dort gefangen gehalten. Nach mehr als zwei Jahren in Gefangenschaft wurde er am 13. Oktober 2025 zusammen mit den anderen 19 noch lebenden Geiseln im Austausch gegen etwa 2000 palästinensische Terroristen und Häftlinge freigelassen.
In seinem ersten Interview nach der Freilassung mit internationalen Medien, von dem unter anderem die Presseagentur Reuters berichtete, schilderte der 23-Jährige, wie er nach den ersten Wochen seiner Geiselhaft in die Tunnel der Hamas gebracht wurde. Er habe es geschafft, dort ohne Sonnenlicht, mit ganz wenig Nahrung und regelmäßigen Schlägen zu überleben, indem er sich an seinen Glauben klammerte: An das Wissen, dass er die ganze Zeit in Gottes Händen war.
Weiter berichtete er, wie man ihn und fünf weitere Geiseln in einem Raum festhielt, der nicht größer als eine Matratze war. „Wir waren füreinander da, wir haben uns gegenseitig unterstützt, so schwer es auch war – besonders wenn wir geschlagen wurden. Ich erinnere mich, dass wir uns nach den Schlägen einfach umarmten und uns gegenseitig sagten, dass wir uns nicht unterkriegen lassen würden“, berichtete er. Während ihrer Gefangenschaft lernten sie Arabisch, und die Wachen versuchten immer wieder, sie zum Islam zu bekehren, was Bar und die anderen Geiseln jedoch zurückwiesen. Jeden Freitagabend bestanden sie darauf, die jüdischen Segenssprüche für den Schabbat-Abend zu sprechen.

Einer der schlimmsten Tage war, so Bar, als ein Hamas-Wachmann drohte, drei der Geiseln zu töten, und die Gefangenen aufforderte zu entscheiden, wer sterben sollte – eine Drohung, die er letztendlich nicht wahrmachte. „Ich erinnere mich nur daran, dass ich zu Gott gebetet und ihn angefleht habe: ‚Rette mich, ich bin jetzt in deinen Händen.‘ Das war ein Satz, den ich in Gefangenschaft oft gesagt habe.“ Später erfuhr er, dass auch seine Mutter Julie dies zu einem der Hamas-Terroristen gesagt hatte, der sie telefonisch kontaktiert hatte, während ihr Sohn gefangen gehalten und bedroht wurde. „Mein Sohn ist nicht in deinen Händen, er ist in Gottes Händen. Und auch du bist in Gottes Händen“, hatte sie ihm auf seine Drohungen erwidert.
Seitdem ist dieser Spruch zum Familienmotto geworden: „Immer in Gottes Händen.“ Als Bar nach seiner Freilassung von Israels Verteidigungsminister Israel Katz besucht wurde, legte er dem Politiker ein Armband in die Hand, auf dem auf Hebräisch stand: „Immer in den Händen des Schöpfers“.
Ein Chanukka-Wunder im Tunnel
Der heute 23-jährige Omer Shem Tov wurde 505 Tage lang in den Tunneln unter dem Gazastreifen festgehalten. In der Times of India berichtete er später von einem wundersamen Geschehen: In Gefangenschaft hatte er eine kleine Flasche Traubensaft, die er für den Kiddusch, den Schabbat-Segen, verwendete. Diese Flasche wurde über fünf Monate nicht leer und verdarb auch nicht. Er verglich das mit dem Chanukka-Wunder, bei dem das Öl, das für einen Tag gedacht war, acht Tage lang reichte.
„Dies ist nur eine von vielen Geschichten, die mir gezeigt haben, wie gut Gott ist, wie sehr er dort bei mir war.“ In einem Interview mit CBN ergänzte er: „Während meiner Gefangenschaft habe ich jedes Gebet gespürt, das ihr für mich gesprochen habt, und selbst in der Dunkelheit hatte ich Licht.“
Kraft aus Glauben und Gebet
Einige ehemalige Geiseln berichteten bei CBN nach ihrer Freilassung, wie sie in der Zeit ihrer Gefangenschaft einen ganz neuen Zugang zu ihrem Glauben fanden. So auch Eli Sharabi, 53, der 491 Tage lang in Gaza festgehalten wurde. Obwohl er zuvor nie religiös gewesen war, brachte ihn die Gefangenschaft zum Beten. „Ich bin kein religiöser Mensch, aber vom ersten Tag meiner Entführung an sprach ich jeden Morgen das ‚Schma Israel‘, welches ich zuvor noch nie in meinem Leben gebetet hatte. Die Kraft des Glaubens ist unglaublich. Es gibt etwas, das über dich wacht.“ Das Schma ist eines der heiligsten Gebete des Judentums und steht im 5. Buch Mose: „Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist eins.“
Auch der 65-jährige Keith Siegel begann während seiner 482 Tage in Gefangenschaft zu beten. Er begann über das wenige Essen, das er bekam, Segenssprüche zu sprechen, was er zuvor nie getan hatte, und rezitierte zum ersten Mal das Schma-Gebet. „Selbst in den Tunneln fand ich Wege, seine Gegenwart zu spüren“, sagte er und dankte Gott immer wieder für sein Überleben. Nach seiner Freilassung fragte ihn seine Tochter, was er sich für ihr erstes gemeinsames Schabbat-Essen wünsche. Seine Antwort überraschte sie: „Weißt du, was ich mir am meisten wünsche? Eine Kippa und einen Kiddusch-Becher.“
Jüdische Feiertage in Gefangenschaft
Die weiblichen Beobachtungsoffiziere der israelischen Streitkräfte Agam Berger (482 Tage in Gefangenschaft) und Liri Albag (477 Tage in Gefangenschaft) waren von ihrem Wachtposten beim Kibbutz Nahal Oz gemeinsam mit fünf anderen jungen Frauen in den Gazastreifen verschleppt worden. Während sie im Haus eines Terroristen gefangen gehalten wurden, erfuhren sie durch das israelische Fernsehen das hebräische Datum. Das half ihnen dabei, die jüdischen Feiertage zu berechnen, die sie so einhalten konnten. Obwohl die beiden Frauen kaum Nahrung bekamen, fasteten sie an Jom Kippur und Tisha Be‘Av.
Agam Berger traf während der Zeit in Gaza eine tiefgreifende spirituelle Entscheidung, als sie begann, auch den Schabbat zu halten. Sie bat ihre Entführer während ihrer Geiselhaft um ein Siddur (jüdisches Gebetbuch). Einer von ihnen lachte über ihre Bitte. Aber sie betete zu Gott und zwei Tage später kam er mit einem Siddur zurück, den er in Chan Yunis gefunden hatte. „Dein Gott liebt dich“, sagte er zu ihr. Das Gebetbuch war vermutlich von einem Soldaten der israelischen Streitkräfte zurückgelassen worden.
„Wir haben Pessach gefeiert und ich habe kein gesäuertes Brot gegessen. Ich habe um Maismehl gebeten und sie haben es mir gebracht. Irgendwie schätzten sie mich mehr, weil ich religiös war.“ Agam sagte, dass ihr das Einhalten des Schabbats Kraft gegeben habe: „Ich weigerte mich einfach, am Schabbat Feuer zu machen.“ Nach ihrer Freilassung schrieb sie auf eine Tafel: „Ich habe mich für den Weg des Glaubens entschieden und auf dem Weg des Glaubens bin ich zurückgekehrt.“
Psalmen als Anker
Im israelischen TV-Magazin Fokus Jerusalem berichtete unter anderem der israelische Soldat Matan Angrest, 21, dass er dreimal täglich mit einem Gebetbuch betete. Um dieses Buch hatte er seine Entführer gebeten und es tatsächlich von einem hochrangigen Hamas-Funktionär erhalten. Matan bezeugte, wie ihm die Gebete halfen, Gefangenschaft und Folter zu ertragen.
Der 25-jährige Matan Zangauker erzählte seinen Verwandten, er habe unter der Erde ein abgenutztes Buch der Psalmen (Tehillim) gefunden und täglich daraus gebetet. An einem Ort mit wenig Luft und fast keinem Tageslicht wurde der gleichmäßige Rhythmus dieser Verse erst zur Routine, dann zu einem Anker.
Omer Wenkert, heute 23 Jahre alt, wurde 505 Tage lang gefangen gehalten. Er berichtete später bei CBN, wie er und die anderen Geiseln mit Handschellen gefesselt und mit verbundenen Augen saßen und auf ihre Freilassung warteten. Sie begannen, einen Vers aus Psalm 121 zu singen: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen: Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, dem Schöpfer des Himmels und der Erde.“
Es ist berührend zu hören, wie diese Menschen in ihren dunkelsten Stunden Kraft im Glauben an ihren lebendigen Gott fanden. Sie sind mit ihrem Zeugnis eine Inspiration für ihr Volk Israel, das noch immer mit dem Trauma des 7. Oktober 2023 und dem Krieg ringt. Man wünscht auch ihm, dass es seine Kraft im Gott Abrahams, Issaks und Jakobs findet.
Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 143. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.