„In der Stille liegt unsere Kraft” – Warum ein Münchener Israeli jeden Monat Protestmärsche organisiert

„In der Stille liegt unsere Kraft” – Warum ein Münchener Israeli jeden Monat Protestmärsche organisiert

Der CSI-Vorsitzende Luca Hezel (r.) und Redaktionsleiterin Dana Nowak haben Guy Katz in München besucht. Foto: privat

Bis zum 7. Oktober 2023 lebte Guy Katz ein recht normales Leben in München. Doch seit dem brutalen Überfall der Hamas auf Israel an diesem Tag hat sich für den gebürtigen Israeli alles verändert. Einen Großteil seiner Kraft und freien Zeit steckt er nun ehrenamtlich in Projekte gegen Antisemitismus.

Von Dana Nowak

„Ich bin mit Katjuscha-Raketen der Hisbollah aufgewachsen“, erzählt Guy Katz gegenüber Christen an der Seite Israles (CSI) bei einem Treffen in München. 1982 wurde er in Israel geboren, wo er bis zu seinem achten Lebensjahr nahe der libanesischen Grenze lebte. Aus beruflichen Gründen – der Vater war Diplomat – zog die Familie für vier Jahre nach München. Guy leistete dann in Israel seinen Militärdienst. Für sein Studium zog es ihn mit 22 Jahren aber wieder in die Bundesrepublik. Vorrübergehend sollte das sein, am Ende ist er geblieben. Heute ist Guy Experte für interkulturelle Verhandlungen mit Fokus Deutschland und Israel, Unternehmer sowie Professor für Internationales Management an der Fakultät für Tourismus in München.

„Ich war immer wirtschaftlich aktiv, nie politisch“, erzählt Guy. Doch seit dem 7. Oktober 2023 ist für ihn alles anders. „Meine Frau hat mich an dem Morgen geweckt. Wir waren so geschockt. Die ganze Zeit trafen von Familie und Freunden aus Israel furchtbare Nachrichten auf dem Handy ein. Irgendwann kam der Offizier in mir durch. Ich habe beim Militär gelernt zu führen und mit gutem Beispiel voranzugehen. Das ist mir immer im Kopf geblieben, ob als Unternehmer oder als Professor an der Uni.“

Durch seine gute Vernetzung mit Israelis weltweit erfuhr Guy von dem Solidaritätslauf „Run for Their Lives“, der von Israelis in Kalifornien kurz nach dem Hamas-Angriff ins Leben gerufen worden war. Ziel war es, jede Woche einmal für die von den Terroristen Entführten auf die Straße zu gehen. Schnell weitete sich die Initiative auf zahlreiche Städte in den USA aus. Guy wollte unbedingt in Deutschland etwas für die Geiseln bewegen und so brachten er und die befreundete Israelin Jil den Solidaritätslauf nach Deutschland und damit nach Europa. Die Arbeit begann in München und wurde schon bald von anderen deutschen Städten aufgegriffen.

Am 12. November gab es in der bayerischen Landeshauptstadt den ersten Lauf. Rund 120 Teilnehmer kamen. „Man muss weder jüdisch noch israelisch sein, um zu wissen, dass einfach nicht geht, was da am 7. Oktober passiert ist – diese Entführungen, diese Massaker, die Vergewaltigungen. Menschen aus 25 Nationen sind verschleppt worden.“

„Es geht um Menschlichkeit“

Wichtig war Guy von Anfang an, dass die Solidaritätsläufe nicht politisch sind. „Es sollte einfach um Menschlichkeit gehen.“ Im ersten Jahr lief die Münchener Gruppe jeden Sonntag. „Das war richtig viel Aufwand: Die Leute anschreiben, auf Sozialen Medien aktiv sein, Polizei und Behörden kontaktieren. Ich habe ja noch mein Unternehmen, meine Professur, meine Familie mit zwei kleinen Kindern.“

Geplant waren die Läufe ursprünglich als Spaziergang von 18 Minuten, doch das sei vielen Teilnehmern zu kurz gewesen, erzählt Guy. „In München gehen wir zwischen 30 und 40 Minuten, immer eine unterschiedliche Strecke. Wir gehen still – nicht schweigend, aber leise. Bei pro-palästinensischen Demonstrationen wird oft geschrien. Wir finden, in der Stille liegt unsere Kraft. Wir provozieren nicht, wir wollen anders sein. Der Höhepunkt, wenn man das so nennen kann, war dann der Lauf am 6. Oktober 2024. Da war auch CSI beteiligt und München hatte es mittlerweile geschafft, zur größten Run for Their Lives-Gruppe der Welt zu werden. Damals waren immer noch etwa 100 Geiseln in Gefangenschaft.“

Da die Zahl der antisemitischen Vorfälle auch in Deutschland seit dem 7. Oktober rasant gestiegen ist, stand „Run for Their Lives“ beim 1. Jahrestag des Massakers für zwei Themen: für die Geiseln und gegen Antisemitismus. „Daraus ist schließlich das Bündnis ‚München gegen Antisemitismus‘ entstanden. Ich habe dann beschlossen, den Lauf nur noch jeden ersten Sonntag im Monat stattfinden zu lassen. Ich konnte einfach nicht mehr. Jil, die mir geholfen hatte, ist nach Israel ausgewandert und ich war mit der Arbeit allein. Außerdem kamen nicht mehr so viele Leute. Aber der 6. Oktober 2024 war historisch – das war mit mehr als 8000 Teilnehmern die bundesweit größte Demonstration gegen Antisemitismus.“

Prominente Unterstützung

„Zu unseren großen Unterstützern gehören Uschi und Dieter Glas. Zusammen hatten wir die Vision, ‚München gegen Antisemitismus‘ wie einen Leuchtturm gegen Antisemitismus in die westliche Welt strahlen zu lassen“, erzählt Guy. Und so soll es auch in diesem Jahr in München wieder eine Großdemonstration geben – gegen Antisemitismus, für die Geiseln und im Gedenken an die Opfer des Hamas-Überfalls. Stattfinden wird sie am Sonntag, den 5. Oktober, auf dem Königsplatz – einem Ort, den die NSDAP während der Nazizeit für Propagandaveranstaltungen und Machtdemonstrationen nutzte. „Damals gab es dort Aufmärsche mit mehr als 20.000 Nazi-Soldaten. Für mich ist das sehr symbolisch, wenn auf diesem Platz Menschen für Juden stehen, anstatt wie damals gegen Juden.“

Seit Monaten ist Guy mit der Organisation der Großkundgebung beschäftigt und arbeitet daran, Politiker und einflussreiche Personen zu gewinnen. „Was wir in der Zeit, die wir für den Kampf gegen Antisemitismus brauchen, alles Gutes bewegen könnten“, meint Guy und schüttelt nachdenklich den Kopf.

Dass der Einsatz gegen Antisemitismus mehr als Zeit und Kraft kostet, erlebt er unmittelbar. „Ich schreibe für Focus Online als Israel-Experte. Die Beiträge erreichen Millionen von Menschen. Mein LinkedIn-Konto habe ich natürlich für Geschäftszwecke, aber ich habe dort die gelbe Schleife in Solidarität mit den Geiseln bei meinem Profilbild hinterlegt und ab und zu poste ich etwas gegen Antisemitismus. Zwei Kunden haben daraufhin die Geschäftsbeziehungen abgebrochen. Und wer weiß, wer mich sonst noch nicht eingeladen hat, weil ich mich gegen Antisemitismus positioniere. Ich kenne viele Juden, die viel Reichweite hätten, aber öffentlich keine Stellung beziehen, weil sie keine Geschäfte verlieren wollen. Ich kann das verstehen, aber ich persönlich kann nicht schweigen.“

Er habe sehr viele Jahre in Deutschland gebraucht, um von einem Israeli zu einem Juden zu werden, erzählt Guy. „Der 7. Oktober hat dieses Bewusstsein verstärkt. Jüdischsein ist nicht, ob du in die Synagoge gehst; es ist eine Identität, es ist die Tatsache, dass meine vier Großeltern Holocaust-Überlebende sind, dass wir diese Geschichten weitertragen – noch aus Pharao-Zeiten, jedes Jahr. Dafür musst du nicht religiös sein.“

Von der Gesellschaft in Deutschland erhofft sich Guy, dass sie Antisemitismus nicht schweigend hinnimmt. „Es ist wichtig, überall gegen Antisemitismus aufzustehen, online und offline – in der Familie, der Nachbarschaft am Arbeitsplatz. Wenn 80 Millionen Deutsche das machen würden, das würde schon sehr viel helfen.“

Alle Informationen rund um die Kundgebung in München am 5. Oktober gibt es unter www.dachgegenhass.com

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 142. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

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