Israel ist mehr als der Nahostkonflikt – Ein Gespräch über Israel als Thema in deutschen Schul-Lehrplänen

Israel ist mehr als der Nahostkonflikt – Ein Gespräch über Israel als Thema in deutschen Schul-Lehrplänen

Wie wird das jeweils andere Land in Schulbüchern behandelt? Mit dieser Frage befasst sich die Deutsch-Israelische Schulbuchkommission. Foto: Alexander Grey | Unsplash

Wissen um Geschichte, Zusammenhänge und aktuelle Bezüge entscheidet darüber, ob man in der Lage ist, sich ein eigenes, fundiertes Bild von einem Sachverhalt zu machen oder nur unhinterfragt andere Meinungen übernehmen kann. Das gilt insbesondere für komplexe Themen – wie Israel. CSI hat mit Frank Langner, Schulleiter am Friedrich-Ebert-Gymnasium in Bonn und Mitglied der Deutsch-Israelischen Schulbuchkommission, über Lehrpläne und die Herausforderungen einer ausgewogenen Wissensvermittlung an Schulen gesprochen. Die Fragen stellte Dana Nowak.

Dana Nowak: Herr Langner, Sie sind Mitglied der Deutsch-Israelischen Schulbuchkommission. Was macht diese Kommission?

Frank Langner: Diese spezielle Schulbuchkommission setzt sich aus deutschen und israelischen Vertretern zusammen. Sie hat drei Sektionen: Geschichte, Erdkunde und Sozialkunde. Ich gehöre der Sozialkundesektion an. Jede Sektion hat untersucht, wie das jeweils andere Land das Partnerland in den Schulbüchern behandelt.

Was war der Anlass für die Einrichtung einer solchen Kommission? Gab es Probleme mit Schulbüchern?

Das ist jetzt die zweite deutsch-israelische Schulbuchkommission. Die erste hat ihren Abschlussbericht in den 80er Jahren veröffentlicht. Es ist immer sinnvoll, nach einer gewissen Zeit zu prüfen: Hat sich etwas verändert? Oder sind die Befunde noch dieselben? Es kam aber immer wieder auch Kritik an Schulbuchverlagen auf für die Art und Weise, wie sie Israel darstellen. Insofern gab es auch einen aktuellen Anlass, zu prüfen, ob man hier Vorschläge machen kann. Die Kommission wurde von den beiden Regierungen eingerichtet.

Das ist ja unglaublich viel Material, was so eine Kommission sichten muss …

Ja, aber das ist letztendlich doch überschaubar. Es fallen viele Bücher heraus, weil sie Israel gar nicht thematisieren, zumindest im Bereich Sozialkunde. In den Geschichtsbüchern spielt in den entsprechenden Jahrgangsstufen natürlich die Schoah überall eine Rolle. Am Ende bleiben wenige Bücher. Viele davon behandeln nur einen kleinen Ausschnitt, da geht es dann oft gar nicht um Israel allgemein, sondern um ein Thema, zum Beispiel um Friedenssicherung in der Welt. In diesem Zusammenhang tauchen dann die Atommächte und damit auch Israel auf. Die Kapitel zu Israel werden von jedem Kommissionsmitglied gesichtet, dann werden erste Eindrücke festgehalten.

Spannend wird es, wenn man mit der anderen Seite zusammensitzt. Wird sie die Einschätzung teilen? In Sozialkunde waren die Unterschiede nicht so groß. Aber in Erdkunde war die Sensibilität auf israelischer Seite oftmals höher als auf der deutschen. Dort gibt es viel Kartenmaterial und es tauchte immer wieder die Frage auf, wie bestimmte Regionen benannt werden sollen. Soll da jetzt Palästina stehen oder beispielsweise Begriffe, die aus dem biblischen Israel stammen?

Die zweite Schulbuchkommission kam 2015 zu dem Ergebnis, dass Israel hauptsächlich im Kontext des Nahostkonflikts präsentiert wird und die Darstellung teilweise unausgewogen ist. Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?

Ein typisches Beispiel findet sich in dem Lehrbuch für Sozialwissenschaften „Dialog Sowi“ für Nordrhein-Westfalen. Da wird in einem Kapitel der Nahostkonflikt behandelt und eine Konfliktanalyse betrieben. Das ist natürlich nie nur schlecht gemacht. Gut gelungen ist die detaillierte Aufzählung der Konfliktfelder, wie die Fragen nach Wasser oder dem sogenannten Rückkehrrecht für Palästinenser. Am Ende lernen die Schüler Israel dennoch nur im Nahostkonflikt kennen. Als Schulbuchkommission hätten wir uns insgesamt mehr thematische Breite und eine gewisse Tiefe gewünscht.

Bilder sagen mehr als Worte und das sind schon sehr aussagekräftige Bilder hier in diesem Buch …

Ja, die Autoren haben sich hier überlegt: Wie bekomme ich die Aufmerksamkeit der Kinder. Daraus ist das David-Goliath-Motiv entstanden. Israel erscheint militärisch stark und martialisch, die palästinensische Seite dagegen ganz anders. Ich glaube nicht, dass die nachgeschobene Analyse geeignet ist, um den ersten emotionalen Eindruck aufzulösen, der sich bei den Kindern verfestigt hat. Das Bild von Israel als Goliath und den Palästinensern als David taucht oft in den Medien auf – man kann diese Betrachtungsweise nicht ignorieren und muss sich ihr widmen.

Das Bild von Israel als Goliath und den Palästinensern als David tauchte auch in deutschen Schulbüchern auf.

Aber methodisch kann man das schon hinterfragen: Muss eine solche Gegenüberstellung gleich zu Beginn eines Kapitels stehen? Wäre es nicht sinnvoller, sie erst später einzusetzen, wenn bereits Hintergrundwissen vorhanden ist? Die spannende Frage ist immer: Gelingt es Autoren, einen neutralen Standpunkt einzunehmen? Gerade in der politischen Bildung ist entscheidend, dass Multiperspektivität gelingt. Die Schüler sollen unterschiedliche Sichtweisen kennenlernen und selbstständig abwägen können. Für uns war stets die Frage: Wird diese Multiperspektivität erreicht – oder schimmert die persönliche Haltung der Autoren durch?

Was haben denn die israelischen Kollegen an deutschen Schulbüchern kritisiert?

Vor allem die starke Fokussierung auf den Nahostkonflikt. Die Schoah wird breit thematisiert und gelegentlich finden sich auch die Staatsgründung Israels und die kriegerischen Auseinandersetzungen drumherum in Schulbüchern, aber insgesamt fehlt es an thematischer Vielfalt und an Tiefe.

Und umgekehrt – was haben die deutschen Vertreter an israelischen Schulbüchern bemängelt?

Im Bereich Sozialkunde ist die Perspektive auf Deutschland positiv – es wird als demokratischer Staat mit einer gewissen Empathie gegenüber Israel gesehen. Allerdings wird das politische System der Bundesrepublik kaum behandelt. Auch das Thema Migration, das beide Länder stark prägt, spielt praktisch keine Rolle. Im Bereich Erdkunde bieten sich hingegen interessante Anknüpfungspunkte, weil viele junge Israelis gerne nach Berlin fahren. Da geht es dann oft auch um Stadtgeographie.

Die Kommission hat vor zehn Jahren viele Empfehlungen ausgesprochen. Wurden diese umgesetzt?

Es gab Ende 2025 eine Zehnjahrestagung, für die Stichproben ausgewertet wurden. Gerade was die Offenlegung von Quellen anbelangt, gibt es mehr Klarheit. Auch wird intensiver über die Bildauswahl nachgedacht. Ich glaube, so eine Gegenüberstellung, wie wir sie in dem oben benannten Buch „Dialog Sowi“ hatten, findet sich so nicht mehr in aktuellen Schulbüchern. Es wird auch mehr darauf geachtet, eine gewisse Multiperspektivität herzustellen. Vieles hat sich aber auch nicht geändert, zum Beispiel die thematische Breite. Nach wie vor wird Israel nicht unter wirtschaftlicher oder zivilgesellschaftlicher Perspektive betrachtet.

Ihre Befunde und Empfehlungen hat die Kommission in diesem im Handel erhältlichen Büchlein zusammengefasst. Foto: Dana Nowak

Woran liegt das? An den Schulbüchern oder eher an den Lehrplänen?

Ein Blick in die Curricula zeigt: Es ist in vielen Bundesländern nicht ausgeschlossen, solche Themen aufzugreifen. Hier stellt sich die Frage, ob das nicht von der Bildungspolitik forciert werden sollte. Der Grund, dass Deutschland und Israel so eng verbunden sind, ist letztlich die Schoah. Und die wird von den Kindern zunehmend historisiert. Die Herausforderung besteht darin, die Gegenwartsbezüge lebendig zu halten.

Nun gab es am 7. Oktober 2023 den Überfall der Hamas auf Israel. Wie ist Ihre Schule damit umgegangen?

Das Thema war sofort präsent – nicht zuletzt, weil Bonn eine internationale Stadt ist und viele unserer Schüler palästinensische Wurzeln haben. Deswegen haben wir für die Ober- und Mittel- stufe Material bereitgestellt. Im Kollegium gab es unterschiedliche Bewertungen, aber auch Ängste. Wie werden die Schüler auf das Thema reagieren? Kann ich die Sichtweise beider Seiten adäquat darstellen? In der Schülerschaft hat sich eher die palästinensische Sichtweise artikuliert.

Wir hatten auch eine Informationsveranstaltung mit einem deutsch-israelischen Journalisten aus Berlin. Der hat versucht zu erklären, warum sich Israel verhält, wie es sich verhält und welchen historischen Vorlauf der 7. Oktober hatte. In der abschließenden Diskussion hat sich gezeigt, dass die Schüler sehr stark von den Sozialen Medien geprägt sind, wo es viele Berichte gibt, die keine Quellen nennen, man nicht genau weiß, wie sie entstanden sind und ob sie authentisch sind.

Es ist schwierig für die Schüler, eine ausgewogene Sichtweise zu bekommen. Wobei es völlig legitim ist, wenn ein Schüler sagt, ich solidarisiere mich mit den Palästinensern. Aber man muss am Gymnasium in der Lage sein, auch die andere Sichtweise sachlich wiedergeben zu können. Wir haben uns redlich bemüht, jemanden zu finden, der aus palästinensischer Perspektive berichtet. Allerdings ist uns das nicht gelungen, denn an einer Schule geht es um Information und nicht um Propaganda. Wenn wiederum nur eine Seite zu Wort kommt, entsteht schnell der Eindruck, die Schule vertrete deutsche staatliche Pro-Israel-Politik.

Wünscht sich beim Thema Israel mehr Breite in deutschen Schulbüchern: Schulleiter Frank Langner. Foto: Dana Nowak

Die Zahl antisemitischer Vorfälle ist nach dem 7. Oktober weltweit und auch in Deutschland massiv gestiegen. Hat sich das auch an Ihrer Schule bemerkbar gemacht?

Es hat sich etwas verändert. Man merkt das beispielsweise an Aufklebern, die sich auf der Schultoilette finden. Es ist aber nicht so, dass wir akute konflikthafte Auseinandersetzungen hatten. Allerdings weiß von den Schülern wohl auch kaum einer, wer an der Schule jüdisch ist, weil wir keinen jüdischen Religionsunterricht hier haben. Von den jüdischen Schülern trägt auch keiner Kippa. Auf unserer jüngsten Tagung zu den Schulbuchempfehlungen hat allerdings eine Lehrerin aus einem jüdischen Gymnasium in Berlin berichtet. Das klang ausgesprochen schwierig, welche Ängste Schüler beispielsweise haben, ihre Religion überhaupt noch zu zeigen. Es wäre vermessen zu sagen, nur weil sich das hier nicht so Bahn gebrochen hat, gäbe es hier keinen Antisemitismus.

Ist das Thema Antisemitismus eigentlich Teil des Lehrplans an deutschen Schulen?

Er wird in verschiedenen Fächern behandelt – etwa in Religion, Philosophie, Sozialwissenschaften und im Literaturunterricht. Ein verbindliches Querschnittscurriculum existiert jedoch nicht.

Nach dem 7. Oktober haben sich vor allem in den Sozialen Medien Hass und Hetze gegen Israel und das Judentum gezeigt, es kursierten viele Falschmeldungen. Reicht aus, was derzeit an Schulen über Israel und den Nahostkonflikt gelehrt wird?

Die Frage ist schwer zu beantworten, weil sie vom Standpunkt abhängt. Aus dem besonderen Verhältnis zwischen Deutschland und Israel heraus betrachtet würde ich sagen, es ist zu wenig, es braucht einen anderen Akzent. Doch jede Ausweitung eines Themas bedeutet, an anderer Stelle zu kürzen – ein grundsätzliches Problem schulischer Bildung. Quantitativ wird sich wenig ändern lassen, entscheidend ist die Qualität. Und da sind wir wieder bei den Empfehlungen der Schulbuchkommission, dass man beim Thema Israel mehr in die Breite geht und nicht nur den Konflikt behandelt. Zum Beispiel könnte man bei der Betrachtung wirtschaftlicher oder zivilgesellschaftlicher Entwicklungen Israel in den Blick nehmen.

Da kommen wir zu der spannenden Frage: Wie können die Empfehlungen ihrer Kommission implementiert werden?

Die Schulbuchverlage greifen Anregungen durchaus auf, aber es wird nicht alles umgesetzt. Das liegt zum Teil auch an den Vorgaben in den Lehrplänen. Hier sollte auf Ebene der Schulministerien einiges passieren. Gerade dem Thema Antisemitismus wird noch nicht so richtig begegnet. Hier könnte die Kultusministerkonferenz (KMK) Impulsgeber sein. Zugleich müssen Ängste im Kollegium ernst genommen werden.

Viele Lehrkräfte befürchten, Diskussionen könnten eskalieren. Dabei verfügen Schulen über qualifizierte Politiklehrkräfte, die Fortbildungen anbieten könnten – oft fehlt schlicht die Zeit. Antisemitismus hängt zwar auch mit der Konfliktlage in Israel zusammen, aber es ist eben auch eine Form, wo Menschen nicht adäquat miteinander umgehen. Hier muss das Bildungssystem in einem demokratischen Staat einen Schwerpunkt setzen. Das wird vernachlässigt, damit gräbt sich Demokratie selbst das Wasser ab. Als Schule haben wir die Möglichkeit, noch einmal alle Kinder zu erreichen. Diese Chance wird leider nicht konsequent genutzt. Hier wünsche ich mir mehr Mut auf bildungspolitischer Ebene, für das so wichtige Thema Antisemitismus einen Schwerpunkt zu setzen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 144. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

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