Kolumne: Auf ein Wort – Aufarbeiten, erinnern, gedenken

Kolumne: Auf ein Wort – Aufarbeiten, erinnern, gedenken

Dr. Tobias Krämer leitet den Bereich Theologie und Gemeinde bei Christen an der Seite Israels. Foto: CSI

Januar 2025. Ich bin in einer Gedenkveranstaltung, die der Befreiung des KZ Auschwitz gewidmet ist. Vertreter aus Politik, Kirchen und dem Judentum sind da. Holocaust-Überlebende berichten von ihren grauenvollen Erfahrungen, ihre Kinder erzählen von der Zeit danach. Eine Ausstellung mit Zeichnungen aus dem KZ-Alltag wird eröffnet. All das geht zu Herzen.

Von Dr.Tobias Krämer

Immer wieder stellt sich die Frage, wie man mit der Vergangenheit umgehen soll. Ich unterscheide drei Varianten. Da ist zunächst die Aufarbeitung. Dabei geht es darum, all das Böse, das geschehen ist, festzustellen und zu dokumentieren. Es soll nicht in Vergessenheit geraten, es muss ans Licht gebracht werden. Aufarbeitung war in der frühen Nachkriegszeit ein großes Thema. Heute ist dieser Prozess weitgehend abgeschlossen.

Die zweite Variante ist das Erinnern. Da wir als Nachkriegsgenerationen keine eigenen Erinnerungen haben, sind wir auf die Erinnerungen der Betroffenen angewiesen. Man kann Bücher lesen, Filme anschauen (zum Beispiel Schindlers Liste), Gedenkstätten besuchen oder an Gedenkveranstaltungen teilnehmen. An die Grausamkeiten des Holocaust zu erinnern, ist das Mindeste, was wir tun können. Das sind wir den Opfern schuldig.

Die dritte und tiefste Variante ist das Gedenken. Beim Gedenken geht es nicht in erster Linie um die Opfer – es geht um uns selbst. Gedenken heißt, sich mit dem Vergangenen auseinanderzusetzen, ja sich ihm auszusetzen. Gedenken führt zu Betroffenheit und macht uns so zu Betroffenen. Wir fühlen mit den Opfern mit, wir nehmen Anteil an ihrem Ergehen, die Vergangenheit ragt mahnend in unsere Gegenwart hinein.

Das erreicht unsere Herzen und schärft den Blick. Gedenken ist Herzensbildung. Durch das Gedenken entsteht etwas in uns: eine neue Wachheit, ein Gespür für das Böse in all seinen Gestalten und der Wille, ihm entgegenzutreten. Gedenken verändert uns. Das ist der Sinn des Gedenkens. So kann der Blick in die Vergangenheit zur Chance auf eine gute Zukunft werden.

Chazak u‘varuch – seien Sie stark und gesegnet!

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 140. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

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