Kolumne: Auf ein Wort – Zwei Welten

Kolumne: Auf ein Wort – Zwei Welten

Dr. Tobias Krämer leitet den Bereich Theologie und Gemeinde bei Christen an der Seite Israels. Foto: CSI

Vor kurzem erschien ein Buch mit dem Titel: „Was darf Israel?“ Die Autoren sind Philipp Peymann Engel, Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, und Hamed Abdel-Samad, Politikwissenschaftler und Publizist.

Von Dr. Tobias Krämer

Beide sind kluge Köpfe. Engel spricht aus jüdischer Sicht, Abdel-Samad nur bedingt aus muslimischer, da er dem Islam kritisch gegenübersteht und den Islamismus rundweg ablehnt. Dennoch kommen von ihm die härtesten Vorwürfe gegen Israel. Ein intelligenter Mann und ein harter Gegner.

Angesichts des Gaza-Kriegs haben die beiden einen Mailwechsel geführt, der in jenem Buch veröffentlicht wurde. Das Buch ist interessant und zugleich unbefriedigend. Interessant, weil auf hohem Niveau argumentiert wird; unbefriedigend, weil beide oft aneinander vorbeireden. Am Ende des Buches fragt man sich, was man zu Gesicht bekommen hat. Die Antwort: Zwei Gedankenwelten, zwei Argumentationsmuster, zwei Bewertungsschemata, die einander schroff gegenüberstehen. Was nun?

Ich selbst bin jemand, der nach Fakten und Tatsachen sucht. Und ich weiß gut, dass sich an die Fakten subjektive Bewertungen und Interpretationen anhängen. Das subjektive Moment schwingt immer mit. Das habe ich verstanden. Und trotzdem ist es mir zuwider, einfach einem von mehreren „Narrativen“ zu folgen. Schon das Wort mag ich nicht, weil hier tendenziell die Ebene der Wahrheitssuche ausgeblendet wird. Was also bleibt?

Es bleibt das Feststellen dessen, was ist: die Fakten. Ferner muss man feststellen, wie mit den Fakten umgegangen wird: der subjektive Anteil jeder Meinung und jeder Darstellung. Schon dieses zweifache Feststellen hilft. Auf der Ebene der Fakten kann man nichts ändern. Sie stehen. Auf der subjektiven Ebene sind Änderungen möglich, wenn man sich mit dem Gegenüber ernsthaft auseinandersetzt. Natürlich kann man sich nicht immer einigen. Aber in der Regel kann man es schaffen zu verstehen, wie der andere zu seiner Position kommt.

Das ist möglich, auch wenn man sie nicht teilt. Im Falle von Abdel-Samad ging es mir so. Ich verstehe ihn schon. Aber ich teile seine Sicht nicht – aus guten Gründen. Dies festzustellen, ist auch ein Ergebnis. Und vielleicht nicht einmal das schlechteste.

Chazak u‘varuch – seien Sie stark und gesegnet!

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 143. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

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