Krieg im Hochformat – Wie Soziale Medien unsere Haltung zu Israel und Gaza beeinflussen

Krieg im Hochformat – Wie Soziale Medien unsere Haltung zu Israel und Gaza beeinflussen

Dina (l.) und Anna bei der Produktion einer Aufklärungskampagne für die Sozialen Medien im Dezember 2023. Foto: Klaus Werner | CSI

Es fühlt sich an wie ein Wettrennen um die Herzen Jugendlicher: der „Krieg“ in den Sozialen Medien um die Deutungshoheit des Israel-Gaza-Krieges, den Israel schon lange verloren hat. Nur wenige Wochen nach dem 7. Oktober 2023 schien die Welt die brutalen Bodycam-Aufnahmen der Terroristen vom Massaker an unschuldigen Menschen vergessen zu haben. Ein Team von Junge Christen an der Seite Israels (JCSI) unter der Leitung von Anna Frey und Dina Ehrhardt reagierte mit einer Aufklärungskampagne in den Sozialen Medien. Zwei Jahre später ziehen sie Bilanz.

Ein Kommentar von Dina Ehrhardt und Anna Frey

„Der Auslöser für unsere Aufklärungskampagne war ein Video, das mir am Freitag nach dem 7. Oktober in den Instagram-Feed gespielt wurde“, erzählt Dina. „Ich kannte es bereits aus einer israelischen Telegram-Gruppe. Es zeigte, wie israelische Marinesoldaten im Zuge der Verteidigung versuchten, Terroristen am Meereszugang Israels zu stoppen.

Nicht einmal eine Woche später ging das Video in den Sozialen Medien viral mit dem Untertitel ‚Israelische Soldaten erschießen schwimmende Zivilisten auf der Flucht aus Gaza’. Das fühlte sich für mich an wie ein Schlag in die Magengrube.“ Dina und Anna starteten daraufhin mithilfe eines zwölfköpfigen Teams eine Informationskampagne, die über drei Monate hinweg lief. Das Ergebnis: acht professionelle Kurzvideos, hunderttausende Aufrufe – und unzählige Hasskommentare.

Emotion statt Evidenz

In einem der Videos setzten wir uns mit der ausgeklügelten PR-Strategie der Hamas auseinander. Es begann mit Bildern der Zerstörung aus Gaza, untermalt mit folgenden Sätzen: „Zerstörte Häuser hinter wehklagenden Palästinensern, Väter mit leblosen Kindern auf den Armen. Das sind Bilder, die wir immer wieder aus dem Gazastreifen zu sehen bekommen, Bilder, die unsere Emotionen ansprechen …“ Das Video bekam überraschenderweise viele Likes von offensichtlichen Palästinenser- und Hamas-Sympathisanten.

Warum dem so war, war uns schnell klar: Anscheinend hatten sich viele der Palästinenser-Unterstützer das Video nicht länger als zehn Sekunden angesehen. Hätten sie nur eine Sekunde weiter geschaut statt nach dem Liken gleich weiterzuscrollen, hätten sie gemerkt, dass das Video genau das Gegenteil ihres eigenen Anliegens zum Ziel hat: nämlich die Entlarvung der Hamas-Propaganda. Das zeigt, wie kurz die Aufmerksamkeitsspanne vieler junger Menschen ist, deren Bedürfnis nach einer „Emotion“ mit den ersten drei Sätzen eines Videos gestillt wurde, so dass sie gar nicht mehr am Kontext der Aussagen interessiert waren.

Der Psychologe und Extremismusforscher Ahmad Mansour beschrieb genau dieses Phänomen während eines Stern TV-Talks: „Es sind Linksradikale aus der Identitätspolitik, […] Islamisten, genauso wie Palästinenser, die nicht in der Lage sind – leider – sich von der Hamas zu distanzieren. […] Und der Treibstoff für alles sind die Sozialen Medien, wo Hass, Hetze und sehr emotionalisierte Bilder tagtäglich hundertfach verbreitet werden.” Dadurch würden die Leute mobilisiert, auf die Straßen zu gehen – was man seit dem 7. Oktober fast täglich sehe.

Für Emotionen liefern Soziale Medien einen 24-Stunden-Service: Wut, Mitleid, Zugehörigkeit, Belohnung. Jugendliche in Identitätskrisen finden dort endlich ein „Wir-Gefühl“. Der Preis: Feindbilder. So verwandelt sich der Israel-Hamas-Krieg zum globalen Spiel um Inhalte: jede Träne monetarisierbar, jede Explosion klickbar, jede Meinung ein Produkt.

Emotionen nach Nachrichten

So fand wohl auch der inzwischen 19-jährige TikToker Guy Christensen (TikTok-Name „Your favorite Guy“), seine Berufung. Nachdem er bereits knapp zwei Jahre über den Israel-Gaza-Krieg „berichtete“, erklärte er in einem Video vom Juli 2025 unter Tränen, dass Israel inzwischen sämtliche Krankenhäuser und Gebäude im Gazastreifen bombardiert habe, und jetzt „Hunderttausende tot“ seien. Er schäme sich für die eigene US-Regierung: „Das ist unser Genozid, nicht nur Israels.”

Der Clip endet mit einem Nazi-Vergleich: „Die Art und Weise […] entspricht derselben Taktik, mit der die Nazis hungernde Juden im Warschauer Ghetto dazu verleiteten in Züge zu steigen, die sie in die Todeslager brachten.“ Und Millionen junger Menschen sehen seine Videos und glauben ihm. Ein Teenager wird zum digitalen Missionar für eine Sache, die er fühlt, aber nicht versteht. Über einen Krieg, den er nur vom Bildschirm kennt, in einem Land, das er vermutlich noch nie betreten hat.

Guy Christensen in der Kuffiyeh und mit einem T-Shirt auf dem steht, dass Jesus ein Palästinenser war. Foto: TikTok, Screenshot CSI

Der pro-israelische Influencer Yechiel Jacobs kommentiert lakonisch: „Get a job.“ („Such dir eine Arbeit.”) Ob Arbeitslosigkeit tatsächlich Radikalisierung fördert, ist wissenschaftlich nicht belegt. Doch der Gedanke ist beunruhigend plausibel. Wer arbeitet, hat keine Zeit, täglich Hasskommentare zu posten, geschweige denn entsprechenden Inhalt zu produzieren oder sich regelmäßig in extra dafür angemieteten Reisebussen zu Anti-Israel-Demos nach Berlin karren zu lassen. Als Ende Oktober in einem sudanesischen Krankenhaus mehr als 400 Menschen massakriert wurden, ging niemand für die Opfer oder gegen die dafür verantwortliche Terrormiliz auf die Straßen …

Klickrate statt Kontext

Laut dem Reuters Institute Digital News Report 2025 informiert sich in Deutschland jeder dritte 18 bis 24-Jährige über die Sozialen Medien als wichtigste Nachrichtenquelle. Dazu gehören vor allem Instagram, YouTube und WhatsApp. Die Folgen haben wir in den letzten zwei Jahren deutlich zu spüren bekommen. Denn was im Social-Media-Feed zählt, ist nicht Kontext, sondern Klickrate, also die Zahl, wie oft ein Beitrag angeschaut wird. Der Algorithmus der Sozialen Medien belohnt Empörung, nicht Einordnung.

Von Emotionalisierung zur Enthemmung

Der Israel-Hamas-Krieg zeigt, wie digitale Emotionalisierung in die Realität diffundiert. Antisemitische Übergriffe in Europa und den USA haben seit 2023 massiv zugenommen. Jüdische Studenten werden attackiert, israelische Touristen sehen in Europa „Boycott-Israel“-Schilder, ein Hostel in Amsterdam verweigert eine Buchung israelischer Gäste.

Die Sozialen Medien sind keine bloße Bühne, sondern Brandbeschleuniger. Jede Story, jeder Hashtag, jedes Meme wird Teil eines moralischen Wettrüstens. Die Hamas versteht das meisterhaft: Sie verkauft Opferrollen wie Markenprodukte. Gerechtigkeit, Widerstand, Ehre – alles visuell perfekt kuratiert.

Wer heute glaubt, Radikalisierung sei ein langsamer Prozess, hat den Algorithmus nie kennengelernt. Das Problem ist nicht die Emotion – sie gehört zur Menschlichkeit. Das Problem ist, dass alles emotionalisiert wird, bis kein Platz mehr für Zweifel bleibt. Zwischen dem berechtigten Aufschrei gegen Antisemitismus und der berechtigten Empörung über zivile Opfer klafft ein Raum, in dem Diskussion kaum noch möglich ist. Dieser Raum schrumpft – Clip für Clip, Kommentar für Kommentar.

Das Combating Terrorism Center in West Point beschreibt in einer Studie von Nicolas Stockhammer (CTC Sentinel, Juli 2025) sechs europäische Einzelfälle zwischen 2023 und 2025, bei denen sich die Radikalisierung „innerhalb weniger Wochen“ über Plattformen wie TikTok und Telegram vollzog. Die Dunkelziffer dürfte größer sein.

Der Mythos „Fake News erkennen“

In Deutschland liebt man es ja, „Fakten zu prüfen“. Aber machen wir uns nichts vor. Als ob ein 15-Jähriger nach fünf Stunden Endlosschleifen-Scrollen plötzlich The Guardian oder die NZZ öffnet, um zu verifizieren, ob die Videos und Informationen so stimmen.

Der Krieg im Nahen Osten wird so zum Spiegel unserer westlichen Ohnmacht: Wir wollen Position beziehen, aber wir scheuen Komplexität. Wir wollen fühlen, aber nicht denken. Doch vielleicht ist genau das die Aufgabe unserer Zeit – die Widersprüche wieder auszuhalten, statt sie zu verdrängen. Vielleicht sollten wir anfangen, die Komplexität nicht mehr zu fürchten. Wer denkt, fühlt und zweifelt, entzieht sich dem Algorithmus. Und vielleicht beginnt darin etwas, das man Hoffnung nennen kann.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 143. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

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