Roman Haller hat den Holocaust überlebt und danach sein ganzes Leben in Deutschland verbracht. Heute macht sich der 81-Jährige Sorgen um sein Land. Christen an der Seite Israels (CSI) hat ihn in München besucht.
Von Dana Nowak
Dass Roman Haller lebt, ist ein Wunder. Den genauen Tag seiner Geburt kennt er nicht. Es muss zwischen dem 7. Und 10. Mai 1944 gewesen sein. Er erblickte das Licht der Welt kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges in einem Waldstück bei Tarnopol, in der heutigen Ukraine. Seine Eltern und zehn weitere Juden hielten sich dort versteckt. Ein Baby brachte mit seinem möglichen Weinen die ganze Gruppe in Gefahr und so wurde abgestimmt, ob es leben durfte. Und Roman Haller durfte leben.
„Ich bin Gott dankbar für dieses Leben, es hat mir nichts gefehlt. Ich hatte Glück“, erzählt Roman Haller 81 Jahre später in seiner Wohnung in München. Vor einem Jahr ist er in Rente gegangen, aber aktiv ist er immer noch. Er hält Vorträge an Schulen über den Holocaust und schreibt Briefe an Redaktionen und Politiker. Roman Haller schreibt, was ihn beunruhigt. Er kennt sein Land gut – das Deutschland nach dem Krieg, das Wirtschaftswunder, Deutschland im Kalten Krieg und nach der Wiedervereinigung und das Deutschland heute. Und um dieses macht er sich Sorgen.
„Ich beobachte Dinge, bei denen ich mich frage, wo steuern wir hin? Vor einigen Monaten bin ich von einer proisraelischen Demonstration hier in München zu meinem Wagen gegangen. Auf dem Weg kam ich an einer Pro-Palästina-Demonstration vorbei. Ich habe mich dazugestellt, um zu sehen, ob man ins Gespräch kommt. Ich habe mich nicht getraut zu sagen, dass ich Jude bin. Einer der Teilnehmer sprach mich an und sagte: ,Was wollt ihr Ungläubigen eigentlich? Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir in der Mehrheit sind und dann wird hier die Scharia eingeführt.’ Da ist mir ehrlich gesagt der Mund offen stehengeblieben. Ich sehe hier Dinge auf uns zukommen, die mich beunruhigen. Und ich sehe, dass wir unglaublich naiv sind.“

Nicht nur im Blick auf die Entwicklungen im eigenen Land, auch gegenüber der Hamas-Regierung im Gazastreifen sei Deutschland naiv. „Europa hat Milliarden in den Gazastreifen gesteckt in der Hoffnung, da wird Infrastruktur aufgebaut, da werden Schulen aufgebaut, da wird in das Land investiert. Doch was wurde gemacht? Die Hamas hat Tunnel, Waffen und Raketen gebaut. Sie hat die Gelder benutzt, um Familien der sogenannten Märtyrer zu finanzieren. Am Ende hat alles zum 7. Oktober geführt.“
Wirklich erklären kann sich Roman Haller diese Naivität nicht. „Wir haben fast 80 Jahre in Frieden gelebt. Vielleicht führt dieses Wohlgefühl der Sicherheit dazu, naiv zu werden. Und vielleicht ist man auch naiv, weil der Mensch einfach an das Gute glauben will.“ Jeder mache Fehler, das Schlimme sei jedoch, dass daraus nicht gelernt werde. „Nach Gaza werden bis zum heutigen Tag immer noch Gelder überwiesen, obwohl bekannt ist, dass die UNRWA von Hamas-Leuten unterwandert ist, die Gelder abzweigen.“
Den Beitrag der Medien sieht Haller kritisch. „Nehmen Sie die fast täglichen Berichte über den Gazastreifen. Mir tun die Menschen dort leid, die unschuldig sind. Aber wie wird hier berichtet? Die Zusammenhänge werden nicht mehr erklärt, der 7. Oktober kaum noch erwähnt. Man hört so gut wie nichts über die Geiseln. Diese Unausgewogenheit in der Berichterstattung schürt Antisemitismus.“
Roman Hallers Plan B
Und so macht sich Roman Haller nicht nur als deutscher Bürger Sorgen, sondern auch als Jude. „Ich möchte nicht, dass mir dasselbe passiert wie den Juden damals, die gedacht haben, es wird schon nicht so schlimm werden.“ Deshalb hat auch er einen Plan B. „Ich habe früher immer gesagt, ich werde das Land verlassen, wenn ich mich nicht mehr von Justiz und Polizei beschützt fühle. Eigentlich ist es so weit. Ich müsste die Koffer schon gepackt haben. Und doch setzt man die Latte immer höher. Man geht diesen Schritt nicht so leicht. Aber wir haben auch eine Wohnung in Israel, da können wir jederzeit hin.“
Persönlich hat Roman Haller in Deutschland noch keinen Antisemitismus erlebt. Wenn er draußen unterwegs ist, ist er nicht als Jude erkennbar – er trägt keine Kippa oder jüdische Symbole. Aber an seinem Türpfosten hängt eine Mesusa, eine Kapsel, die Verse aus der Tora enthält. „Hier in diesem Haus wohnt noch eine Jüdin. Sie hat jetzt ihre Mesusa von der Tür entfernt. Ich habe mir gesagt, am selben Tag, an dem ich das Gefühl habe, die Mesusa entfernen zu müssen, bin ich weg. Ich bin nicht bereit, mein Jüdischsein aus Angst zu verstecken.“
„Der 7. Oktober war ein Holocaust“
Dann holt Roman Haller ein Buch hervor: „Unfassbare Wunder | Gespräche mit Holocaust-Überlebenden in Deutschland, Österreich und Israel“. Auch seine (Über)- Lebensgeschichte ist dort festgehalten. „Schon damals, nach dem Jahr 2015, habe ich davon gesprochen, dass es irgendwann wieder eine Art von Holocaust geben wird. Was wir am 7. Oktober erlebt haben, war ein Holocaust, wenn auch nicht zahlenmäßig so wie der Holocaust, den wir kennen. Aber an Brutalität hat er das überboten, was in der Nazizeit passiert ist.“
Was Roman Haller in diesen Zeiten besonders irritiert, ist das Schweigen der Masse. Er ist sich sicher, dass Zehntausende in Deutschland, und gerade viele Christen, an der Seite Israels stehen. „Aber ehrlich gesagt sind sie für meinen Geschmack zu leise. Sie gehen nicht auf die Straße und demonstrieren. Die Gesellschaft muss aufwachen und verstehen, dass Israel auch für Europa kämpft, denn der Iran und der radikale Islam sind eine Gefahr für die gesamte westliche Welt.“
„Israel ist unser Halt“
Dass es den jüdischen Staat gibt, ist für Roman Haller mehr als wichtig: „Ich weiß nicht, wie mein Leben in Deutschland ohne einen Staat Israel wäre. Israel ist unser Halt.“ Im Alter von 16 Jahren war er mit einer Jugendgruppe das erste Mal in Israel. „Es hat mich fasziniert – diese Aufbruchsstimmung, der Zusammenhalt. Aber irgendwie kam dann immer wieder in Deutschland der nächste Schritt – das Studium, dann habe ich hier meine erste Frau kennengelernt, wir haben Kinder bekommen und das Leben ging vonstatten.“
Am Ende ist Haller geblieben und Israel wurde sein Plan B. Bei seinen Eltern war es ähnlich. Auch sie wollten nach dem Holocaust nicht im Land der Täter bleiben. Der deutsche Major Eduard Rügemer und dessen polnische Haushälterin Irena Gut hatten Ida und Lazar Haller sowie zehn weiteren Juden das Leben gerettet. Nach dem Krieg kamen die Eltern nach München, in ein Lager für sogenannte Displaced Persons – Menschen, die aus ihrer Heimat herausgerissen worden waren und nicht mehr zurückkonnten. Ihr eigentliches Ziel war Amerika. Aber das war nicht so einfach, wie Roman Haller erzählt.

Das beantragte Visum kam nach zwei Jahren. „Plötzlich hieß es, dass sich die Familie innerhalb einer Woche in Hamburg auf dem Schiff einzufinden hatte. Das ging meinen Eltern zu schnell, sie hatten eine Wohnung, Vater hatte Arbeit. Man wollte unbedingt weg, aber nicht so plötzlich. Also ließen wir von einem Arzt eine Reiseunfähigkeitsbescheinigung ausstellen. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht mehr, wie oft dieser Arzt noch kommen musste. Es gab immer einen anderen Grund und letztlich sind sie ihr ganzes Leben lang geblieben.“
Auf der Suche nach den Rettern
Während der ersten Jahre in Deutschland waren die Eltern beständig auf der Suche nach ihren Rettern. „Irena haben wir zunächst nicht gefunden, aber den Major. Der lebte in Nürnberg, allein, und kam dann zu uns nach München. Für mich war er wie ein Opa. Ich habe diesen Mann geliebt. Ich hatte ja keine Großeltern, alle waren von den Nazis ermordet worden. Irena haben wir erst Anfang der 80er Jahre gefunden. Sie wurde daraufhin in Yad Vashem geehrt.“ Auch Rügemer wurde posthum in der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet.
Die Geschichte seiner Eltern und die Umstände seiner Geburt hat Roman Haller nach und nach im Laufe der Jahre erfahren. „Meine Mutter hat nie darüber geredet, sie konnte es nicht. Sie hatte so oft Albträume. Als Kind bin ich oft davon aufgewacht. Mein Vater hat wiederum ständig davon gesprochen. Ich konnte das irgendwann nicht mehr mit anhören – konnte es einfach nicht ertragen, ständig zu hören, was meinen Eltern angetan worden ist. Später hätte ich gerne mehr erfahren, aber irgendwann war es dafür zu spät. Doch Irena konnte mir noch viel erzählen.“
Ob er an Gott glaubt? Ja, denn mit ihm hat er eine besondere Geschichte. „Ich glaube an Gott, bin aber nicht besonders religiös. Früher bin ich nur zu den hohen Feiertagen in die Synagoge gegangen. Aber dann wurde meine Frau krebskrank und da habe ich einen Deal mit dem lieben Herrgott gemacht. Ich bat ihn darum, meine Frau wieder gesund zu machen, dafür wollte ich jeden Samstag in die Synagoge gehen. Er hat sich daran gehalten. Meine Frau ist gesund geworden und wie das unter Gentlemen so ist, muss man sich natürlich auch an sein Versprechen halten und das mache ich.“
Zur Person
Roman Haller war Unternehmer, 17 Jahre lang Direktor der Nachfolgeorganisation der Claims Conference, Präsident der jüdischen Organisation B’nai B’rith von Deutschland und Österreich, Präsident der Krebshilfe für Israel sowie Vize-Präsident des Keren Hayesod München. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er Eva Haller, Mitbegründerin und ehrenamtliche Präsidentin der Europäischen Janusz Korczak Akademie. Die Geschichte der Rettung seiner Eltern durch Irena Gut gibt der Spielfilm „Irenas Geheimnis“ wieder. In seinem Buch „Davidstern und Lederhose. Eine Kindheit in der Nachkriegszeit“ erzählt Roman Haller seine Lebensgeschichte. Sie wurde zudem von dem Verein Zeugen der Zeitzeugen in diesem auf YouTube veröffentlichten Interview dokumentiert.
Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 142. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.