SIMCHA – Neue Lebensfreude für Hinterbliebene

SIMCHA – Neue Lebensfreude für Hinterbliebene

Amichai (li.), der Gründer von SIMCHA, mit Ehrenamtlichen und Anemone Rüger, CSI. Alle Fotos: privat

Simcha bedeutet „Freude“ – das Letzte, was man von Eltern erwarten würde, die ihren Sohn auf tragische Weise verloren haben. Doch Amichai und Ravit Ressler haben sich bewusst dafür entschieden, die Lebensfreude ihres Sohnes als Vermächtnis zu verstehen und mit anderen zu teilen.

Von Anemone Rüger

„Dvir, unser Ältester, war kurz davor, seinen regulären Wehrdienst zu beenden, als der 7. Oktober passierte“, erzählt Vater Amichai. „Er war mit seiner Einheit auf einer kleinen Basis in der Nähe von Ein Habsor stationiert. Wir haben vier Tage nichts von ihm gehört. Ich habe nichts gegessen und nichts getrunken“, erinnert sich Ravit. Erst später erfuhren Dvirs Eltern, was an jenem tragischen Tag passiert war.

„Als am Morgen die ersten Sirenen ertönten, ist Dvir von Tür zu Tür gegangen, um sicherzugehen, dass alle im Schutzraum sind“, berichtet Amichai. „Dann hat er sich selbst von innen vor die Tür gestellt und eine Stunde lang die Klinke hochgedrückt, um die Tür zu blockieren.“ Immer wieder versuchten die Terroristen, die aus dem Gazastreifen auf die Basis vorgedrungen waren, in den Schutzraum zu kommen. Irgendwann gaben sie auf und warfen eine Handgranate gegen die Tür.

„Dvir war sofort tot“, so Amichai. „Er hat ganz vorn die Stellung gehalten. Damit hat er seinen Kameraden das Leben gerettet.“ Dabei hatte er an jenem Wochenende, an dem Simchat Tora gefeiert wurde, nicht einmal Dienst. Aber als er sah, wie niedergeschlagen sein äthiopischer Kamerad war, der seine Familie vermisste, bot er ihm an zu tauschen.

„Als die Nachricht kam, dass unser Dvir ermordet wurde, wollte ich nicht mehr leben“, sagt Mutter Ravit. „Er ist unser Großer, der Älteste von vier Kindern. Aber irgendwann hat mich Amichai aufgerüttelt: ‚Wir müssen weiterleben! Dvir hat sein Leben gegeben, damit andere leben können. Er hat immer dafür gesorgt, dass es anderen gutgeht und dass sie Freude am Leben haben. Wir haben am Grab unseres Sohnes versprochen, dass wir seine Sache weitertragen: anderen Gutes zu tun. Das ist sein Vermächtnis an uns.’“

Dvir gab sein Leben für seine Freunde. In seinem Andenken riefen Amichai und Ravit Ressler das Programm „SIMCHA – Extreme Joy“ ins Leben.

Und so kam vor gut einem Jahr das Projekt „SIMCHA – Extreme Joy“ zustande. Zusammen mit Alon, einem guten CSI-Freund aus der Gastronomie, und einem engagierten Freundeskreis lädt Amichai nun einmal im Monat Angehörige von Terror-Opfern oder Gefallenen zu einem Tagesausflug per Jeep mit professioneller Verköstigung ein. An einem heißen israelischen Novembertag dürfen wir mit dabei sein: diesmal im Norden.

Nach einem Frühstück in freier Natur verteilt Amichai die Gäste auf die 15 Jeeps seiner Freunde. Ein Guide erklärt die historische Bedeutung der Berge von Gilboa, wo Saul und Jonatan fielen. Ich sitze mit Dan und Sara im Auto. Sara trägt Kopftuch, Dan Kippa. Eine traditionell-religiöse Familie also. Dan ist sehr angespannt und ich muss mich anstrengen, seine schnellen, abgehackten Sätze zu verstehen. Langsam kommen wir doch ins Gespräch. Ich taste mich vorsichtig vorwärts, was man fragen kann.

Sara ist sehr zugänglich und freut sich, dass wir da sind. „Wir haben fünf Kinder“, erzählt sie. „Matanja, der gefallen ist, war unser Jüngster.“ „Er war wahnsinnig hilfsbereit“, ergänzt Dan. „Er war gern draußen. Er hat auch gern Ausflüge mit dem Jeep gemacht, so wie wir heute. Er hat sich selbst Gitarre- und Flötespielen beigebracht und auch angefangen zu tischlern.“ Matanja fiel 22-jährig an der Libanongrenze, als eine Hisbollah-Rakete seinen Stützpunkt traf. Das Foto von Matanja darf ich nur mal anschauen, weiterschicken will es Dan nicht. „Ich möchte, dass er bei uns bleibt.“

Beim nächsten Stopp in Givat Yonatan lerne ich Lilach kennen. Auch sie trägt Rock und Kopftuch. Lilach ist mit ihrem Sohn Aharon da. „Wir sind aus dem Norden, aus der Nähe von Kirjat Schmonah“, erklärt mir Aharon. „Wir arbeiten in der Landwirtschaft, bauen Pekannüsse und Oliven an.“ „Ich habe elf Kinder“, erzählt Lilach. „Der fünfte ist gefallen, hier oben im Norden, als der Krieg mit der Hisbollah begann. Er wurde von einer Handgranate getroffen. Ephraim hieß er. Er wurde nur 26 Jahre alt.“

Jeden Monat werden Hinterbliebene von Terror-Opfern auf einen Jeep-Ausflug eingeladen – für viele ein erster Schritt zurück ins Leben.

Im Verlauf des Ausflugs gibt es eine Station, wo sich alle in Gruppen aufteilen und eingeladen sind, ihren Schmerz zu teilen. Die Eltern erzählen, wie sie den 7. Oktober erlebt haben; wie ihre Kinder eingezogen wurden, wie sie immer ein Ohr an den Nachrichten hatten; wie eines Tages oder nachts das gefürchtete Klopfen an der Tür kam; wie sie zerbrachen und wie sie langsam wieder lernen zu leben – um ihrer anderen Kinder willen und um das Vermächtnis der Lebensfreude ihrer gefallenen Söhne weiterzutragen.

Ein Vater verteilt Datteln aus seinem Garten in einer Tonschüssel, die er selbst getöpfert hat – seine Art, den Schmerz in etwas Schönes zu verwandeln. Am Schluss ergreift in meiner Gruppe überraschenderweise ein Ehepaar das Wort, das die roten Mitarbeiter-T-Shirts trägt. Jetzt erst erfahren wir, dass sie die jüngsten „Mitglieder“ dieser Schicksalsgemeinschaft sind. Erst vor wenigen Monaten haben sie ihr Kind beerdigt. Und sind sofort bei Amichai und Ravit mit eingestiegen, um anderen zu helfen.

Unerwarteter Trost aus Deutschland

„Ich sage jeden Morgen mein Dankgebet“, sagt Amichai zum Abschluss. „Und euch möchte ich sagen: Danke, dass ihr uns helft, jeden Morgen aufzustehen! Als ich am Grab von meinem Sohn stand, habe ich ihm geschworen, seine Lebensfreude weiterzutragen und anderen zu helfen.“

Auch wir dürfen eine Botschaft überbringen: Dass viele tausend Christen in Deutschland an der Seite Israels stehen. Und dass wir hier sind, um ihnen das persönlich zu sagen. Die Angehörigen sind nicht nur bewegt. Sie sind überwältigt. Eine Mutter umarmt mich und weint einfach – vor Dankbarkeit. Hier an diesem Ort, vielleicht am tiefsten Punkt ihres Lebens, jemanden an ihrer Seite zu wissen, ist etwas, womit sie nicht gerechnet haben.

Das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 und der darauffolgende Krieg haben tiefe Wunden verursacht, die Zeit, Liebe und Kreativität brauchen, um zu heilen. Viele Angehörige sprechen bei einem Ausflug mit SIMCHA zum ersten Mal über ihren Verlust. Mit Ihren Spenden und Gebeten können wir diese verwundeten Herzen erreichen und verbinden!

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 144. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

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