Während der Westen über Hilfszahlungen debattiert und Israel strategisch auf die neuen Machthaber reagiert, droht Syrien nach dem Ende des Assad-Regimes erneut in Gewalt und ideologischen Extremismus abzurutschen. Dina Ehrhardt, Leiterin von Junge Christen an der Seite Israels (JCSI), hat mit dem freischaffenden Journalisten Tom David Frey über die neue Situation in Syrien gesprochen.
Dina Ehrhardt: Tom, was hast du als in Deutschland lebender Schweizer mit Syrien zu tun?
Tom David Frey: Auf den ersten Blick wenig. Auf den zweiten Blick ist Syrien ein Key-Player, den es zu verstehen gilt, wenn man die Region begreifen möchte. Mein Interesse wurde nicht erst durch den politischen Machtwechsel im vergangenen Jahr geweckt, sondern besteht bereits seit vielen Jahren. Schon als Kind war ich weniger an Rittern als an der levantinischen Welt interessiert. Dabei merkte ich schnell, dass die gesamte Region unglaublich reich an Geschichte und letzten Endes die Wertewiege des Westens ist. Eigentlich ist Syrien, wie viele Länder in der Region, ein gebeuteltes Land, das viel Potential hat, jedoch im Sumpf des Krieges feststeckt.
Du betonst immer wieder, wie wichtig es ist, die Entstehungsgeschichte Syriens zu kennen, um die aktuelle Lage dort zu verstehen. Warum?
Weil Nachrichten erst einmal mit Vorsicht zu genießen sind, wenn man sich umfassend informieren möchte – Geschichtsbücher sind dafür oft die bessere Quelle. Das Problem ist, dass wir den Nahen Osten immer durch die europäische „Nationalstaat“-Brille betrachten. Dieses Konzept wurde von den Briten und Franzosen nach dem ersten Weltkrieg eingeführt, als sie die Region willkürlich mit Bleistift und Lineal unter sich aufteilten, ohne auf die kulturellen und ethnischen Unterschiede der Gruppierungen einzugehen.
Dadurch wurden Clangebiete in der Mitte auseinandergerissen oder Gruppierungen wie die Sunniten, Schiiten, Juden, Christen, Drusen, Bahai, Alawiten und Alewiten zusammengebracht, die gar nicht zusammenpassen. Das heißt konkret, wer die unterschiedlichen Player der Geschichte Syriens nicht kennt, wird am Ende falsche Schlüsse daraus ziehen und Lösungen anbieten, die für die Menschen vor Ort nicht praktikabel sind.
Warum hältst du es denn für so wichtig, dass wir uns möglichst umfassend über Syrien informieren?
Weil es inzwischen jeden etwas angeht. Seit 2015 fahren wir in Deutschland eine völlig fahrlässige Politik der offenen Grenzen und haben uns dadurch eine unglaubliche Menge an Syrern ins Land geholt. Wenn wir nur die Tagesschau oder andere Nachrichtensendungen anschauen, können wir nicht davon ausgehen, dass wir umfassend genug informiert sind. Da die Migrationsthematik eine Herausforderung ist, die die Politik unseres eigenen Landes aktuell maßgeblich prägt, halte ich es für wichtig, dass man möglichst viele unterschiedliche Informationsquellen heranzieht.
Syriens früherem Machthaber Baschar al-Assad werden schlimme Kriegsverbrechen wie Folter, Morde und Entführungen vorgeworfen. Warum ist er so brutal gegen sein eigenes Volk vorgegangen?
Darin steckt schon ein Denkfehler: „Das syrische Volk“ gibt es im Grunde genommen nicht, sondern nur Gruppierungen, die zusammengewürfelt in ein Land gesteckt wurden – siehe oben. Obwohl der Nahe Osten beispielsweise im Mittelalter weitaus fortschrittlicher war als Europa, ist er inzwischen generell eine von Gewalt geprägte Region, so auch Syrien. Auf der einen Seite hat sicherlich viel von dem gewaltvollen Kurs seines Vaters auf Assad abgefärbt.
Hafiz al-Assad hatte zuvor die Macht in Syrien und ließ zehntausende Menschen hinter Gitter sperren oder sogar töten, wenn sie mit seiner Politik nicht einverstanden waren. Zum anderen dürften Assad die Bilder des toten Gaddafi in Libyen 2011 nicht aus dem Kopf gegangen sein. Er war sich dessen bewusst, was passieren würde, wenn er im Arabischen Frühling flüchten würde, anstatt ihn zu bekämpfen. Wenn man bedenkt, dass Assad selbst Alawit ist, also aus Sicht der dominierenden Sunniten einer häretischen Gruppe angehört, die unter islamischer Herrschaft schon immer einer gewissen Bedrohung ausgesetzt war, kann man verstehen, welche Angst er vor der sunnitischen Mehrheit im Land gehabt haben muss. Durch die Konsolidierung seiner Macht und sein brutales Regime stellte er sicher, dass seine Volksgruppe überlebte und er an der Macht blieb. Dabei hat er alle Gruppen perfekt gegeneinander ausgespielt. Er band die Minderheiten an sich, die im Gegenzug an der schweren Verfolgung der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit beteiligt waren.
Unterstützt wurde Baschar al-Assad von Russland und dem Iran, die beide nicht gerade bekannt dafür sind, die Menschenrechts-Charta hochzuhalten. Auch der Westen hat keine reine Weste, da er Assads Umgang mit Minderheiten befürwortete und deshalb die Gräueltaten von Assad stillschweigend hinnahm. Hinzu kam, dass der damalige US-Präsident Barack Obama nicht durchgriff, nachdem Assad die angebliche „rote Linie“, Giftgas gegen die eigene Bevölkerung einzusetzen, überschritten hatte. Das muss Assad das Gefühl gegeben haben, dass er mit allem durchkäme – was bis zu seinem Sturz Ende 2024 auch so war. Damit ist Assad der größte Kriegsverbrecher dieses Jahrhunderts. Interessanterweise wird er nicht mit Haftbefehl vom Internationalen Strafgerichtshof gesucht, im Gegensatz zu den israelischen Politikern Benjamin Netanjahu und Yoav Gallant.
Aus manchen Berichterstattungen bekommt man das Gefühl, als würde jetzt eine neue Zeit in Syrien anbrechen und alles besser werden. Politiker sprechen sogar von „Rückführung“ der geflüchteten Syrer. Wie schätzt du die neuen Machthaber in Damaskus ein?
Machen wir uns nichts vor: Die neuen Machthaber sind Dschihadisten, eine Abspaltung von Al-Qaida, die den Islamischen Staat und die Taliban zum Vorbild nehmen. Obwohl sie Al-Qaida offiziell abgeschworen haben, bleibt ihre Ideologie unverändert. Ihr Anführer, Ahmed al-Scharaa (früherer Kampfname Abu Muhammad al-Dscholani), plant die Einführung der Scharia, was besonders für Minderheiten schwere Zeiten bedeutet. Sein Imagewandel vom Kämpfer im Militärparka zum Staatsmann im Anzug ist strategisch. Er hat aus den Fehlern des IS gelernt, vermeidet direkte Angriffe auf den Westen und bietet an, Flüchtlingsströme zu kontrollieren.
Ein kluger Schachzug, da er dadurch von vielen im Westen fälschlicherweise als Reformer wahrgenommen wird. Und das, obwohl es relativ eindeutig ist, dass jemand kein Reformer sein kann, dessen Kämpfer Homosexuelle erniedrigten und töteten sowie Minderheiten aufgrund ihres Glaubens und ihrer Ethnie abschlachteten. Der Westen möchte seine Flüchtlingskrise lösen, da diese viele innenpolitische Probleme verursacht und für den Anstieg der Kriminalitätsrate in Europa sorgt, wodurch wiederum radikale Parteien Zulauf bekommen.

Die Debatte über die Rückführungen wird sehr undifferenziert und unehrlich geführt, ohne die komplexen Hintergründe zu berücksichtigen. Die einen möchten alle Flüchtlinge zurückschicken, während andere davon überzeugt sind, dass dies auf keinen Fall tragbar wäre. Dabei ginge das durchaus, da Sunniten in Syrien nicht mehr unmittelbar bedroht sind. Minderheiten wie die Drusen, Alawiten und Christen sind nun jedoch stark gefährdet.
Die EU überlegt, Syrien beim Wiederaufbau mit Millionen-Beträgen zu unterstützen. Kann dadurch echte Hilfe geleistet werden?
Nein. Experten schätzen, dass rund eine Billion Dollar nötig wären, um Syrien wieder aufzubauen. Dagegen sind die von der deutschen Außenministerin Annalena Baerbock zugesagten 60 Millionen Euro zwar gut gemeint, aber nicht mehr als ein paar Essenslieferungen wert und damit im Grunde genommen verschwendetes Steuergeld. Die Europäer verstehen nicht, dass die Region nicht primär wegen Geldmangels in der Krise ist, sondern wegen tiefer Traumata, Misstrauen und Radikalisierung der Bevölkerung nach über einem Jahrzehnt Bürgerkrieg. Im ganzen Land müsste eine Deradikalisierung stattfinden, damit die einzelnen Gruppen einander wieder vertrauen können. Zeitgleich wäre es allerdings brandgefährlich, jetzt al-Scharaas Forderung nach Entwaffnung der Bevölkerung nachzugeben. Ihre Waffen abzugeben, würde für Minderheiten den Untergang bedeuten.
Was müsste deiner Meinung nach stattdessen getan werden, um echte Hilfe zu leisten?
Wir sollten anfangen, der arabischen Welt auf Augenhöhe zu begegnen und klarstellen, dass wir nicht da sind, um ihre Probleme zu lösen. Trotz der historischen Ungerechtigkeiten, die ihnen widerfahren sind, können sie nicht immer die Opfer bleiben, sondern müssen selbst mit anpacken. Deutschland sollte seine diplomatische Kraft dafür einsetzen, die arabische Welt an ihre Verantwortung heranzuführen.
Ganz egal, ob in Israel mit den Palästinensern oder in Syrien nach dem Bürgerkrieg: Es ist an der Zeit, dass sich die arabische Welt ideologisch in ein neues Jahrhundert aufmacht. Abgesehen von den Islamisten, die das nicht tun werden, gibt es viele Strömungen in der arabischen Gesellschaft, die des Leids durch die vielen Kriege überdrüssig sind. Sie sollten die Ansprechpartner für Deutschland und die EU sein. Statt Gelder ohne klare Strategie zu verteilen und auf die Konten von Terroristen zu überweisen, sollten wir gemeinsam mit den reformbereiten Akteuren Pläne für nachhaltige Veränderungen entwickeln.
Werfen wir noch einen Blick auf Israel: Wie stellt sich der jüdische Staat auf die neue Regierung ein, und welche Interessen verfolgt er dabei?
Israels Interesse bleibt in erster Linie das eigene Überleben. Kurzfristig ist die Situation sogar vorteilhaft, da Israel Syriens Luftwaffe, Marine und Chemiewaffendepots großflächig zerstören konnte. Die mittel- bis langfristigen Auswirkungen könnten jedoch spannend werden. Denn der neue syrische Machthaber, mit jetzt wieder genutztem bürgerlichem Namen Ahmed al-Sharaa, wählte während des Bürgerkriegs den Kampfnamen Abu Muhammad al-Dscholani. Das ist eine Anlehnung an die Golanhöhen, die 1967 nach Syriens Angriffskrieg durch Israel erobert und annektiert wurden, und damit eine indirekte Kampfansage an Israel. Israel profitiert derzeit von der Lage der Drusen im Grenzgebiet, die gewissermaßen zwischen den Stühlen sitzen und als „Häretiker“ durch die neuen Machthaber bedroht werden.
Strategisch gesehen könnte Israel das Territorium der Drusen im Grenzgebiet nun beispielsweise annektieren, was durchaus dem Wunsch mancher Drusen dort entspräche. Spannend bleibt auch die Haltung des Internationalen Strafgerichtshofs, dessen Chefankläger, Karim Khan, kürzlich Syrien besuchte, um sich mit dem neuen dschihadistischen Machthaber zu treffen. Obwohl al-Scharaa nachweislich für brutalste Morde und Kriegsverbrechen verantwortlich ist, wurde gegen ihn kein Haftbefehl erlassen. Diese Details werden bei uns im Westen kaum thematisiert. Wer allerdings darüber spricht, sind beispielsweise die kurdischen Nachrichtennetzwerke, die die Situation in Nahost meistens ganz anders bewerten als die Kollegen vieler westlicher Medien.
Vielen Dank für das Gespräch!
Weitere spannende Einblicke in die Entwicklungen rund um den Nahen Osten gibt es in den Politik-Podcasts von Tom David Frey auf YouTube.
Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 140. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.