Tanzen mit den „Söhnen der Unterdrücker“ – Zu Besuch bei Holocaust-Überlebenden in Jerusalem

Tanzen mit den „Söhnen der Unterdrücker“ – Zu Besuch bei Holocaust-Überlebenden in Jerusalem

CSI-Geschäftsführerin Tanja Bolay übergibt einen Blumenstrauß an eine Holocaust-Überlebende. Die eigens für die Aktion gedruckte Karte erinnert die Überlebenden daran, dass sie für Gott wie eine schöne Krone sind. Alle Fotos: CSI

Holocaust-Überlebende in Israel werden von verschiedenen lokalen Organisationen nun im Alter gut versorgt – unter anderen unterstützt durch Christen an der Seite Israels (CSI). Eine persönliche Begegnung mit Menschen aus Deutschland ist jedoch immer wieder etwas Besonderes – und für einige eine neue und heilsame Erfahrung. Ende Oktober bot sich die Gelegenheit zu einer größeren Veranstaltung mit dem CSI-Vorstand, der gerade für eine Tagung in Jerusalem weilte.

Von Anemone Rüger

Gerade schaffe ich es noch vor Ladenschluss, bei Erez die Blumen für den nächsten Tag zu bezahlen. 60 Blumensträuße. Dem Floristen kommen fast die Tränen, als er sich für unsere Großbestellung bedankt. Sein Geschäft liegt in der Emek-Refaim-Straße, wo seit Monaten Baustellenchaos herrscht für die Nord-Süd-Tangente der neuen Straßenbahn. Wir haben ihn wohl ein bisschen gerettet.

Gastgeber für unser Treffen am nächsten Tag ist die israelische Behörde für die Belange der Holocaust-Überlebenden, zusammen mit dem Friends of Zion Museum. Der Veranstaltungsort ist bewusst gewählt: Hier erfahren israelische Besucher etwas über die nichtjüdischen Unterstützer des jüdischen Volkes. Wir haben eine Botschaft und Blumen im Gepäck – und ein Herz voller Liebe für die Holocaust-Überlebenden, denen wir heute begegnen dürfen.

Ältere Personen sitzen auf einer Bank
Viele Gäste sind eine halbe Stunde vorher da, um nichts zu verpassen. Die Vorfreude auf das Treffen mit der CSI-Delegation ist riesig.

Eine halbe Stunde vor Beginn beginnt sich der Hof schon zu füllen. Hier und da erkennen wir jemanden vom Café Europa wieder. Unser lieber Mejer aus Polen, Aharon der Tänzer. Ein Stockwerk höher ist der Tisch gedeckt mit Häppchen, Obst und Getränken. Harry hat für alle deutschen Gäste ein Geschenk mitgebracht: für die Frauen einen Sonnenhut, für die Männer eine Kippa. Es ist erstaunlich zu sehen, wie viele Gespräche sich auf Deutsch entwickeln – so viele haben Deutsch in ihrer Kindheit aufgeschnappt oder sogar als Muttersprache gesprochen, in Berlin, in Österreich, bis hin zur damals deutschsprachigen Bukowina in der heutigen Ukraine.

Ronit Rozin, die Direktorin der Behörde, begrüßt die CSI-Delegation mit so warmen Worten, als würden wir uns schon immer kennen. Sie blickt von ihren Notizen auf und erzählt, wie tief sie schon im Sommer von dem Besuch der Ehrenamtlichen einer CSI-Hilfsreise berührt war – und wie beeindruckt sie war, dass die Sträuße für die kriegsbedingt in ein Hotel evakuierten Überlebenden mit Blumenvase bestellt worden waren.

Worte, die ins Herz treffen

Luca Hezel spricht für CSI mit den Worten aus Jesaja 60 über die „Söhne der Unterdrücker“, die sich vor dem jüdischen Volk niederbeugen werden, und darüber, dass laut den Propheten das Beste noch vor uns liegt. Darüber, dass wir hier sind, um Israel zu sagen: Du bist nicht allein. Nun kommt der Musiker Schachar Schuman auf die Bühne und bevor er das Publikum mit den nostalgischen Liedern der Gründerjahre mitreißt, will er etwas sagen. „Mich hat schon lange niemand mehr emotional erwischt“, sagt Schachar. „Aber Luca hat es geschafft. Wenn ich nicht jüdisch wäre, würde ich in seine Gemeinde eintreten! Mein Opa war Holocaust-Überlebender aus Berlin … “

Die Lieder ihrer Jugend reißen die Überlebenden mit. Bald tanzt der ganze Saal und die deutschen Gäste werden in die Mitte genommen.

„Kämpft gegen das Feuer des Hasses in Europa, schweigt nicht!“, gibt uns der 95-jährige Mejer mit auf den Weg. „Und was ich euch noch sagen möchte: Ihr tragt keine Schuld für das, was damals geschehen ist. Ihr seid die Nachfolgegeneration. Ihr seid frei.“ Mejer bekommt von Luca den ersten Strauß rote Rosen. Dann singt Schachar und der Saal stimmt ein. Bald kommt Bewegung in die Reihen und die Holocaust-Überlebenden nehmen uns in die Mitte und beginnen zu tanzen. So soll es sein, so wird es sich unser Vater im Himmel gewünscht haben.

Wir ergreifen den besonderen Moment und bald ist der Raum voller Umarmungen und Blumen. „Es war so unglaublich bewegend“, sagt Ronit zum Schluss. „Ich habe die Überlebenden beobachtet – wie ihr sie in den Arm genommen habt! Vielen sind die Tränen gekommen! Und auch für mich ist das etwas Persönliches. Meine Großmutter kam aus Berlin; ihre Familie ist umgekommen. Und jetzt das hier zu erleben! Es war nicht nur eine Veranstaltung für mich, sondern eine tiefe Begegnung mit Freunden!“

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 143. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

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