Es ist ein erschreckender Befund: Antisemitismus ist wieder präsent, auch und ausgerechnet in Deutschland. Daher ist es an der Zeit, das Schweigen zu beenden und die Stimme zu erheben: eine Stimme der Wahrheit, der Klarheit und der Liebe. Gerade die Kirche, gerade die Christen sind gefragt, Position zu beziehen.
Ein Kommentar von Tobias Teichen, Lead Pastor ICF München
Ich weiß, wie sich das anfühlt, wenn man über Israel spricht – und plötzlich spürt, wie sich die Atmosphäre verändert. Man teilt etwas über Gottes Treue zu seinem Volk, über seine Verheißungen, über das, was er mit Israel begonnen hat – und merkt, dass das Thema polarisiert. Auf einmal tauchen alte Vorurteile auf, manchmal sogar bei Menschen, von denen man das nie erwartet hätte.
Mich erschüttert, wie präsent Antisemitismus wieder geworden ist. Er trägt heute moderne Kleidung, redet von „Gerechtigkeit“ und „Freiheit“, aber in seinem Inneren schlägt dasselbe alte Herz – Hass auf Juden. Wir sehen ihn auf Schulhöfen, in Universitäten, in Medien und auf der Straße. Und plötzlich ist es wieder Realität, dass jüdische Kinder in Deutschland Angst haben, dass Synagogen unter Polizeischutz stehen und Menschen ihren Davidstern unter dem Pullover verstecken.
Und das Erschütternde ist: Dieser Hass kommt nicht nur von einer Seite. Er kommt von rechts, von links – und leider auch aus der Mitte unserer Gesellschaft. Auch von Menschen, die sagen: „Ich halte mich raus.“ Doch genau dieses Schweigen ist Teil des Problems. Ich frage mich oft: Haben wir vergessen, wohin Schweigen führt? Haben wir verdrängt, was passiert, wenn Wahrheit zu leise wird?
Viele Christen sind verunsichert. Sie sagen: „Ich liebe doch alle Menschen. Warum soll ich mich dann positionieren?“ Und ja, das stimmt. Gottes Herz schlägt für alle: für Juden, Palästinenser, Araber, Muslime, Christen. Ich selbst habe auf beiden Seiten Freunde. Ich kenne Menschen in Israel, die für Frieden beten, und arabische Christen, die mitten in schwierigen Umständen Jesus treu folgen.

Ich bin verbunden mit Menschen, die leiden – auf allen Seiten. Denn das Leid eines Krieges kennt keine klaren Grenzen. Es zerbricht Familien, es zerstört Hoffnung, es hinterlässt Wunden – bei Israelis, bei Palästinensern, bei allen, die zwischen Fronten geraten. Mitgefühl bedeutet für mich nicht, Partei zu ergreifen, sondern das Herz Gottes zu spiegeln: ein Herz, das Schmerz sieht und trotzdem Wahrheit spricht.
Liebe ist die Perspektive Gottes
Liebe bedeutet nicht, Wahrheit zu verschweigen. Liebe bedeutet, Gottes Perspektive einzunehmen – und die Bibel ist in diesem Punkt sehr klar: Israel hat eine einzigartige Berufung in Gottes Geschichte und diese Berufung hat Gott nie aufgehoben. Das heißt nicht, dass jede politische Entscheidung richtig ist. Israel ist eine lebendige Demokratie, in der Menschen protestieren, diskutieren und unterschiedliche Ansichten vertreten dürfen – genau das zeigt die Freiheit dieses Landes.
Man darf Dinge kritisch sehen, man darf Fragen stellen. Aber das ist etwas anderes als Antisemitismus. Antisemitismus greift Menschen nicht wegen einer politischen Meinung an, sondern weil sie Juden sind. Er greift ihre Identität an – das Volk, das Gott selbst erwählt hat, um die Welt zu segnen. Wenn wir zu Israel stehen, dann tun wir das nicht, weil wir blind alles gutheißen, sondern weil wir glauben, dass Gottes Wort wahr ist – und dass seine Treue zu Israel ein Zeichen seiner Treue zu uns allen ist. Von 1. Mose bis zur Offenbarung zieht sich ein roter Faden: Gott erwählt ein Volk, um durch dieses Volk die Welt zu segnen. Durch Israel zeigt er seinen Charakter, und durch einen jüdischen Retter – Jesus – öffnet er den Weg zur Rettung für alle Menschen.
Deshalb spreche ich über Israel. Nicht, weil ich Lust auf Gegenwind hätte; ganz im Gegenteil. Ich weiß, dass man dafür schnell aneckt. Aber Nachfolge Jesu bedeutet, auch dann zu stehen, wenn es unbequem wird. Ich denke dabei oft an Dietrich Bonhoeffer, der in einer dunklen Zeit nicht geschwiegen hat. Er sagte: „Schweigen angesichts des Unrechts ist selbst Unrecht. Nicht zu reden ist reden. Nicht zu handeln ist handeln.“ Sein Mut kostete ihn das Leben, aber sein Zeugnis lebt weiter. Wenn er in seiner Zeit stehen konnte, dann dürfen wir in unserer Zeit nicht schweigen.
Die Kirche muss ihre Stimme erheben
Heute werden Lügen laut, Bilder verdreht und Hass verbreitet. Und ich glaube: Wenn Wahrheit leise wird, muss die Kirche ihre Stimme erheben. Nicht mit Wut, sondern mit Liebe. Nicht mit Aggression, sondern mit Klarheit. Ich habe mich entschieden, nicht zu schweigen. Auch wenn es Menschen irritiert. Auch wenn es mich etwas kostet. Schweigen schützt niemanden – es lässt nur die Lüge wachsen.
Doch Wahrheit, in Liebe gesprochen, bringt Licht in Dunkelheit. Wir sagen jedes Jahr „Nie wieder“. Aber „Nie wieder“ ist kein Ritual, keine Erinnerung für die Vergangenheit. Es ist ein Auftrag für die Gegenwart: Nie wieder wegsehen. Nie wieder schweigen. Nie wieder die Wahrheit der Lautstärke der Masse opfern.
Ich träume von einer Kirche, die mutig ist: die klar steht und gleichzeitig jeden Menschen liebt. Eine Kirche, die für Israel betet und für Palästinenser. Eine Kirche, die versteht, dass Gott kein nationalistischer Gott ist, sondern ein Gott, der alle Menschen zu sich zieht – durch ein Volk, das er vor Tausenden von Jahren berufen hat. Ich wünsche mir Christen, die sich nicht von Angst leiten lassen, sondern von Liebe. Die stehen, weil Gott treu ist. Die reden, weil er Wahrheit ist.
Denn „Nie wieder“ beginnt nicht in Gedenkstätten. Es beginnt in unseren Herzen. Wenn wir uns entscheiden, zu stehen, zu sprechen, zu lieben – nicht aus Ideologie, sondern aus Überzeugung. Denn Gottes Wort ist wahr. Gottes Liebe ist größer. Und Gottes Treue endet nie. Darum ist jetzt die Zeit, aufzustehen. Nicht um zu diskutieren, sondern um zu leiten. Nicht um zu verurteilen, sondern um Orientierung zu geben. Das Evangelium ist keine leise Botschaft. Es ist die laute Wahrheit, dass Licht stärker ist als Finsternis.
Ich habe mich entschieden: zu sprechen. Zu stehen. Zu lieben. Und ich bete, dass wir als Kirche genau das tun.
Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 143. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.