Ukraine – Vier Jahre unterwegs im Kriegsgebiet

Ukraine – Vier Jahre unterwegs im Kriegsgebiet

Seit vier Jahren tobt der Krieg in der Urkaine. Das lokale Team von Christians for Israel (C4I) hilft unermüdlich. Foto: C4I

Am 24. Februar hat sich der russische Überfall auf die Ukraine zum vierten Mal gejährt. Dennoch ist das Ukraine-Team von Christen an der Seite Israels (CSI) unermüdlich im Einsatz, um den jüdischen Gemeinden auf vielerlei Weise zu helfen. Wie lange wird unser Team noch durchhalten? Ein Lagebericht.

Von Anemone Rüger

Als Koen Carlier, Leiter unserer Ukraine-Arbeit, bereits Ende 2021 den jüdischen Gemeinden Vorräte an Matratzen und Lebensmitteln geradezu aufdrängte, hätte sich niemand vorstellen können, dass das osteuropäische Land vor Europas Haustür vier Jahre später immer noch brennt und blutet.

Niemand hätte sich vorstellen können, dass Russland 30 Jahre nach Ende des Kalten Krieges auf ukrainischem Territorium einen Krieg fortführt, der für die Bevölkerung bereits länger dauert als die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Das US-amerikanische Center for Strategic and International Studies geht von insgesamt 1,8 Millionen Opfern aus, darunter bis zu 140.000 Gefallenen auf ukrainischer und 350.000 auf russischer Seite.

Russland hat den Freiheitswillen des seit 35 Jahren eigenständigen Landes nicht brechen, die Ukraine ihrerseits die russische Besatzung nicht zurückdrängen können. Wie ein Halbmond schloss sich die russische Front im Frühjahr 2022 um die östliche Hälfte der Ukraine: von der gemeinsamen Grenze mit Weißrussland im Norden bis ans Schwarze Meer im Süden. Nachdem der geplante Blitzkrieg nicht gelang, verfestigte sich die Hölle der Frontlinie im Osten entlang der Separatistenbezirke Lugansk und Donezk.

Weite Landesteile sind nicht mehr erreichbar

Mit der (Wieder-) Eröffnung einer zweiten Front im Norden im Frühjahr 2024 und den zunehmenden Angriffen auf die Städte entlang des Schwarzen Meeres ist die Ukraine wieder von einem klammerartigen Belagerungsring umgeben. Man kann nicht mehr in den Norden fahren, nicht in den Süden und schon lange nicht mehr in den Osten.

Ein Drohnen- oder Raketenangriff kann allerdings jeden Ort zu jeder Zeit treffen. Wenn eine lenkbare Drohne in den ukrainischen Luftraum eintritt, kann es Stunden dauern, bis sie einschlägt oder unschädlich gemacht wird. Deshalb gibt es mancherorts Tage, an denen der Luftalarm kaum abreißt. Und keiner bringt sich mehr in Sicherheit, denn das Leben muss irgendwie weitergehen.

Neu ist in diesem Winter der inzwischen verheerende Zustand der Energie-Infrastruktur, die in zunehmendem Stakkato angegriffen wird – eine Hauptstrategie in diesem Abnutzungskrieg. Während es in den ersten Kriegsjahren noch eine Überraschung war, wenn der Strom ausfiel, und das Land die Ausfälle nach gezielten russischen Angriffen mit anderen Kraftwerken kompensieren konnte, sind Tage mit nur ein, zwei Stunden Strom selbst im Landesinneren keine Ausnahme mehr. Sobald das Licht angeht, rennen die Menschen an die Steckdosen, um Handys und Powerbanks aufzuladen und schnell etwas zu kochen.

Was auch vor vier Jahren nicht abzusehen war: Dass wir unseren Dienst in der Ukraine immer noch tun können; dass unsere tapferen Mitarbeiter vor Ort immer noch da sind und dem jüdischen Volk zur Seite stehen, wo immer es Hilfe und Trost braucht. Nach den chaotischen ersten Kriegsmonaten, als alle Ressourcen zur Evakuierung von Flüchtlingen im Einsatz waren, wurde klar, dass alle bisherigen Hilfeleistungen weiterhin benötigt werden. Die Kriegskinder von damals wollen oder können jetzt im hohen Alter nicht noch einmal weg und die Familien bringen es oft nicht übers Herz, sich von ihren Männern zu trennen, die kriegsdienstverpflichtet sind und das Land nicht verlassen dürfen.

„Was uns trägt, ist das Wissen, nicht allein zu sein.“

In gut 20 Suppenküchen werden mehr als 10.000 warme Mahlzeiten im Monat ausgegeben. Das Team packt mit örtlichen Helfern im Schnitt 2000 Lebensmittelpakete monatlich. Ukrainische Juden werden zu Konsulatsterminen und schließlich am Tag der Ausreise zum Flughafen im moldawischen Kischinau gefahren – jede Woche. Und die Überlebenden des Holocaust werden in ihrer Einsamkeit besucht und beschenkt. 700 Besuche hat unsere ukrainische Mitarbeiterin Alina vergangenes Jahr bei den jüdischen Senioren unseres Patenschaftsprogramms gemacht.

Nun ist der Krieg erneut in eine kritische Phase eingetreten. Die gezielten Angriffe auf die verbleibenden Kraftwerke haben das Land bei mehrwöchigen zweistelligen Minusgraden immer näher an den Abgrund gebracht. Es ist der kälteste Winter seit Kriegsbeginn. Dass der Kiewer Bürgermeister die Bewohner der Millionen-Metropole zum Verlassen der Stadt aufrief, war ein Novum. Mehr als eine halbe Million Menschen haben die Stadt verlassen, eine Million Haushalte in Kiew blieben ohne Strom. Ohne Strom bedeutet auch ohne Wasser. Der Frost hat irreparable Schäden angerichtet.

Wie lange wird das Land, wird unser Team noch durchhalten? „Was uns trägt, ist das Wissen, nicht allein zu sein“, sagt Koen Carlier. „Die Gebete unserer Freunde an der Heimatfront halten uns am Laufen.“

Die Hilfe im Überblick:

Alijah

Während im Chaos der ersten Kriegswochen ein unübersehbarer Flüchtlingsstrom das Land verließ und viele ukrainische Juden nach Israel flohen, sind es seither einzelne Familien, die unser Team wöchentlich zum Flughafen bringt. Alle Foto: CSI

Jugend-Alijah

Über die Programme Na’aleh und Selah der israelischen Einwanderungsorganisation Jewish Agency erhalten jüdische Jugendliche die Möglichkeit, ihre letzten Schuljahre oder aber ein akademisches Anschlussprogramm ohne elterliche Begleitung, dafür mit umfassender Betreuung in Israel zu absolvieren. Die Sprache ist in dem Alter in der entsprechenden Umgebung schnell gelernt; die meisten Jugendlichen bleiben da, und nach einiger Zeit kommt auch der Rest der Familie nach. Im September 2025 konnte CSI mit dem Dachverband Christians for Israel International wieder ein Flugzeug mit jüdischen Jugendlichen finanzieren. Foto: CSI

Lebensmittelpakete

Schon mit Beginn des ersten Ukraine-Kriegs 2014 verschlechterte sich die Lage drastisch, unser Team erhielt verstärkt Anfragen von jüdischen Gemeinden, die Bedürftigen zu unterstützen. Die Notvorräte, die Koens Team Anfang 2022 in die Gemeinden brachte, halfen vielen, die ersten Kriegswochen zu überleben, als zeitweise ganze Regionen von der Versorgung abgeschnitten waren. Seitdem ist der Bedarf stetig gestiegen. Jeden Monat packt das Team mit örtlichen Freiwilligen an die 2000 Tüten. Jede Tüte trägt den Bibelvers aus Psalm 121: „Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.“

Essen auf Rädern

Für viele Senioren der jüdischen Gemeinden ist eine warme Mahlzeit am Tag keine Selbstverständlichkeit mehr. Besonders hart ist es für die Verwitweten, die plötzlich mit ihrem ohnehin schweren Alltag allein sind. Die Rente reicht nie für Essen, Medikamente und Heizung gleichzeitig. Viele Ältere leben in den oberen Stockwerken alter Mietshäuser ohne Aufzug. Da will jeder Einkauf und jeder Schritt gut überlegt sein. Auch für Familien, die einen behinderten Angehörigen haben, gibt es kein soziales Netz. CSI betreibt gut 20 Suppenküchen über die jüdischen Gemeinden in der ganzen Ukraine, wo monatlich etwa 10.000 warme Mahlzeiten für Bedürftige ausgegeben werden.

Festessen für Überlebende

Die jüdischen Senioren in unserem Patenschaftsprogramm sind in den vergangenen Jahren immer einsamer geworden. Nach der Isolation der Corona-Zeit schloss sich direkt der Ausbruch des Krieges an. Die Kinder, falls vorhanden, leben oft im unerreichbaren Russland oder anderswo im Ausland. Wann immer möglich, laden wir die Generation der Überlebenden und Nachkriegskinder zu einem Essen mit Livemusik, herzlicher Gemeinschaft und kleinen Geschenken ein. Das sind Stunden, in denen unsere Gäste den Krieg und ihre Einsamkeit vergessen und wieder Lebensmut schöpfen.

Simcha

Als wir die Ukraine noch mit Gruppen aus dem Ausland bereisen konnten, gab es am letzten Abend immer eine Überraschung: Ein Konzert mit Simcha, einem Vokalensemble, das mit jiddischen Liedern auftritt. Jetzt, wo keine Gruppen mehr kommen können, hat CSI einen neuen Auftrag für Simcha: Das Ensemble singt für die Überlebenden in den Gemeinden. Die Musik, die sie aus ihrer Kindheit kennen, ist wie Heilungsöl für die schwer gewordenen Herzen.

Besuche

Die schlimmste Alterskrankheit unter den Überlebenden der jüdischen Gemeinden ist die Einsamkeit. Gut 700 Besuche hat Alina (C4I Ukraine) im vergangenen Jahr bei jüdischen Senioren im Patenschaftsprogramm gemacht. Wann immer möglich, ist auch CSI-Mitarbeiterin Anemone Rüger dabei. Besuch ausgerechnet aus Deutschland zu bekommen, ist für die Überlebenden ein unerwartetes Geschenk.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 144. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

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