Wo die Erinnerung Wurzeln schlagen darf – Der „Garten des Lebens“ in Israel

Wo die Erinnerung Wurzeln schlagen darf – Der „Garten des Lebens“ in Israel

Ein Ort der Trauer und der Heilung: der „Garten des Lebens" bei Latrun. Alle Fotos: Be'ad Chaim

Es sind aktuell meist die großen Themen der internationalen Politik, über die zu hören und zu lesen ist. Dabei gerät mitunter aus den Augen, dass das ganz normale Leben in Israel weiter seinen Gang geht, mit all seinen Höhen und Tiefen. Auch die Arbeit der von Christen an der Seite Israels (CSI) unterstützten Hilfsorganisation Be’ad Chaim (deutsch: „Für das Leben”) geht weiter – zum Glück, wie die berührende Geschichte vom „Garten des Lebens” zeigt.

Von Hannah Bartholomew (CSI) und Laurel Sternberg (Be’ad Chaim)

Zwischen Olivenhainen, wilden Pinien und über zweitausend Zypressen liegt ein ganz besonderer Ort im Herzen Israels: der „Garten des Lebens“ in Latrun. Hierher kommen Frauen und Paare aus aller Welt, um Bäume zu pflanzen – für Kinder, die sie verloren haben. Manche durch Fehlgeburt oder Totgeburt, andere durch eine Abtreibung, die sie oft bis ins hohe Alter hinein beschäftigt.

Die Anlage gehört den Mönchen des nahegelegenen Klosters Latrun, die das Grundstück für eine symbolische Gebühr an die Hilfsorganisation Be’ad Chaim verpachtet haben – als Beitrag zu deren Lebensschutzarbeit in Israel. Über die letzten zwölf Jahre ist dort ein stiller Ort des Trostes entstanden. „Frauen und Paare kommen zu uns, um einen Baum zu pflanzen – als Schritt auf dem Weg der Heilung“, erzählt die Gebetsleiterin Laurel des Gartens. „Es ist ein Ort, an dem sie ihre Trauer ausdrücken dürfen, ohne angeklagt zu werden.“

Olivenhaine, Zypressen und Pinien bilden ein friedvollen Rahmen für Trost und Erinnerung.

Oft sind es Menschen, die viele Jahre, manchmal Jahrzehnte mit einer unbewältigten Trauer leben. Eine 84-jährige Frau aus Kanada bat darum, einen Baum für das Kind pflanzen zu lassen, das sie vor über 40 Jahren abgetrieben hatte – aus Angst vor der Schande einer unehelichen Schwangerschaft. „Ich bin so dankbar, dass diese kleinen Seelen in eurem wunderschönen Garten gewürdigt werden“, schrieb sie.

Auch Paare, die ihr Baby durch eine späte Fehlgeburt verloren haben, finden hier einen Platz für ihre Trauer. Ein israelisches Ehepaar kam zum ersten Todestag ihres Babys, das in der 37. Schwangerschaftswoche gestorben war. Gemeinsam pflanzten sie einen Baum: ein lebendiges Zeichen für ein kurzes, aber geliebtes Leben.

Laurel beschreibt, dass das Ritual des Pflanzens eine tiefe symbolische Kraft hat: „Das Einsetzen eines jungen Baumes bedeutet: ‚Ich werde dich nie vergessen, aber ich gehe weiter.’“ Danach spricht Laurel – wenn gewünscht – einen Segen und wendet sich mit Danksagung und Lobpreis zum Schöpfer. „Manchmal beginnen selbst Menschen, die sich als Agnostiker bezeichnen, dabei zu weinen“, sagt sie. „In unserer Gesellschaft gilt es als Stärke, Gefühle zu unterdrücken. Aber die empfindsamen Herzen brauchen die Erlaubnis zu trauern und das tun sie hier.“

Auch Männer suchen diesen Ort auf. Ein Mann, der seit Jahrzehnten im Gefängnis sitzt, bat darum, zwei Bäume pflanzen zu lassen – für seine Kinder, deren Abtreibungen er einst mitgetragen hatte. „Auch Männer brauchen Raum, um zu trauern“, sagt die Leiterin.

In diesem Garten können Trauernde Bäume pflanzen (lassen) als Zeichen der Erinnerung und des Neubeginns.

Für Menschen, die nicht nach Israel reisen können, gibt es die Möglichkeit, einen Baum pflanzen zu lassen. Sie erhalten Fotos und ein Zertifikat mit dem Namen des Kindes. Eine Frau, die mehrere Abtreibungen hinter sich hat, schrieb: „Das ist Teil des Heilungsprozesses, den Gott für mich vorgesehen hat. Ich hatte so ein tiefes Bedürfnis, meinen Kindern Liebe zu zeigen und sie zu würdigen. Durch euch wurde dieses Gebet erhört.“

Die Bäume im „Garten des Lebens“ stehen heute als stille Zeugen menschlicher Geschichten: von Schmerz und Vergebung, Verlust und Neubeginn. Sie sind Erinnerungszeichen für Kinder, die nicht leben durften oder konnten, und für Eltern, die den Mut gefunden haben, sich ihrer Trauer zu stellen. Oder, wie eine Besucherin es ausdrückte: „Wenn ich könnte, würde ich hundert Bäume pflanzen. Für mein Kind – und für all die anderen Frauen, die Ähnliches erlebt haben. Es bedeutet mir so viel, dass dieser Garten im Heiligen Land existiert.“

Wenn Sie die Arbeit von Be’ad Chaim gemeinsam mit uns unterstützen möchten, finden Sie hier weitere Informationen.

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