Christen feiern Abendmahl und Juden feiern Passa. Beides scheint auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun zu haben. Schaut man aber genauer hin, dann stellt man fest, dass Jesus das Abendmahl während des Passafestes (am Sederabend) eingesetzt hat. Das ist kein Zufall.

 

Der Sederabend

Die Feier läuft nach einer genau festgelegten Abfolge, ist aber sehr lebendig, vielfältig und voller Symbolik. Am Anfang wird ein Mazzenbrot gebrochen, das sogenannte Elendsbrot. Es erinnert an das Elend, das Israel in Ägypten durchgemacht hat. Über den Abend verteilt macht vier Mal ein Becher Wein die Runde. Der vierte Becher ist ein besonderer Becher: der Bundeskelch. Er macht den Bund zwischen Gott und Israel neu bewusst. Der Sederabend endet mit einem Ausblick: „Nächstes Jahr in Jerusalem!“ Dieser Zuruf stammt aus der Exilszeit. Den Juden stand klar vor Augen, dass der Gott, der Israel aus Ägypten geholt hat, sein Volk auch aus dem Exil zurückholen wird. Zurück in sein Land. Was für ein Glaube! In diesem Moment ist die ganze Geschichte Israels präsent: von der frühen Zeit in Ägypten bis zur Wiederherstellung Israels am Ende der Tage. Alles ist im Blick, alles steht im Raum, alles ist präsent.

 

Ein neuer Bund durch Jesus

Jesus kannte das Passafest wie seine Westentasche. Er hat es in dem Bewusstsein gefeiert, wie die Juden es schon immer feiern. Deshalb ist es umso bemerkenswerter, dass Jesus an zwei Stellen von der üblichen Liturgie abweicht. Beim Elendsbrot sagt Jesus: „Dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird.“ Und beim Bundeskelch fügt er die Worte an: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.“ (Lukas 22) Jesus verbindet seinen Kreuzestod mit dem Passafest. Auf diese Weise bekommt Jesu Tod seine geistliche Bedeutung.

Der neue Bund ist für Juden ein Signalwort. Sie wissen, dass Gott in Jeremia 31,31-34 einen neuen Bund versprochen hat. Jeremia 31 steht jedoch in einem größeren Textkomplex von mehreren Kapiteln. Dort ist von der Wiederherstellung Israels die Rede. Sie wird stattfinden, wenn Gott sein Volk aus aller Herren Länder zurückholen wird und die Nation Israel wieder auferstehen wird. Im Rahmen dieses Versprechens stellt Gott den neuen Bund in Aussicht. Dabei geht es nicht um die große weltweite Rückkehrbewegung, sondern um das Innerste: die Herzen. Um die Herzen des jüdischen Volkes. Gott verspricht, dass er alle Sünden seines Volkes vergeben und die Herzen Israels neu machen wird. Er wird seine Tora in die Herzen der Juden hineinschreiben. Dann werden sie ganz natürlich Gottes Willen tun – und auf diese Weise wird die Wiederherstellung Israels Bestand haben. Das ist der Plan, das ist der Verheißungshorizont.

Der neue Bund ist Israel versprochen und dient der Wiederherstellung der jüdischen Nation. Doch liegt hier auch die Andockstelle für uns Christen, die Gläubigen aus den Nationen. Denn auch wir brauchen Vergebung, Erlösung von der Sünde und neue Herzen. Auch wir brauchen den neuen Bund.

Nun müssen wir exakt hinschauen. Genau an der Stelle des Sederabends, wo die gesamte Geschichte Israels im Raum steht, fällt der Blick auf das Zentrum des jüdischen Glaubens: auf den Bund. Und genau in dem Moment, wo der Bund im Blick ist, bringt Jesus seine Modifikation an: Jesus verweist auf den neuen Bund – und auf sein Blut. Nun endlich ist der da, der neue Bund. Durch Jesu Blut wird er ins Leben gerufen. Jesu Blut ist Bundesblut. Jesu Blut erlöst von der Sünde, Jesu Blut macht die Herzen neu.

 

Die Bedeutung des Blutes Jesu

Das Passafest ist der Deutehorizont für Jesu Tod am Kreuz. Indem Jesus sein Blut vom Passafest her deutet, stellt er es mitten in die Geschichte Israels: Ägypten – Bund – neuer Bund – Wiederherstellung – nächstes Jahr in Jerusalem. Auf diese Weise wird erst deutlich, was Jesu Blut überhaupt zu bedeuten hat. Die Bedeutung seines Blutes hat Jesus nicht frei erfunden. Er hat sie dem Passafest entnommen. Ohne die Geschichte Israels würde es kein Passafest geben. Ohne Passa würde es keinen Bundeskelch geben und ohne den Bundeskelch wüssten wir nicht, was es mit Jesu Blut auf sich hat. Der Sinn des Abendmahls liegt gar nicht im Abendmahl selbst. Er liegt im Passamahl.

Von: Tobias Krämer

 

Haben Sie Fragen rund um Israel und das Judentum? Dann fragen Sie! Wir sind erreichbar unter: podcast@csi-aktuell.de

Sie können den Podcast auf unserer Website www.csi-aktuell.de hören sowie auf Spotify und über YouTube: „Frag Pastor Tobias“.

 

Beitrag als PDF