Traditionell werden an Purim „Hamantaschen“ oder „Hamanohren“ gegessen. Ihr Verzehr soll die Erinnerung an Haman symbolisch auslöschen. Foto: Canva

Von: Tobias Krämer

Kennen Sie das Purimfest? Es beginnt in diesem Jahr am Abend des 16. März. Purim gehört nicht zu den großen Festen der Tora, denn es ist erst im 5. Jh. v. Chr. entstanden. Die Vorgeschichte ist dramatisch und lächerlich zugleich. Dramatisch, denn das Volk der Juden ist mit knapper Not einem geplanten Völkermord entronnen. Lächerlich, denn der Auslöser war verletzter Stolz eines Großen des persischen Reiches. Wie gehört beides zusammen? Ich erzähle es kurz.

Am königlichen Palast in Persien gibt es einen großen Fürsten. Sein Name ist Haman. Der König ist von Haman so begeistert, dass er ihn zum Vize-König macht und ihm große Macht verleiht. Per Gesetz ordnet der König an, dass jeder sich vor Haman verbeugen muss – immer und überall. Und das machen die Leute auch. Auf seinem Weg in den Palast kommt Haman jeden Tag an einem unscheinbaren Juden vorbei. Sein Name: Mordechai. Mordechai ist ein Niemand. Er hat keinen Rang und eigentlich keine Bedeutung. Das Problem ist nur: Mordechai verbeugt sich nicht. Wahrscheinlich will er seine Knie nur vor Gott beugen.

Wäre Haman wirklich ein Großer, würde er dieses Problem irgendwie lösen. Haman aber regt sich auf wie ein kleines Kind: „Und als Haman sah, dass Mordechai nicht die Knie beugte noch vor ihm niederfiel, wurde er von Zorn erfüllt.“ (Esther 3,5) Das muss man sich mal vorstellen! Diesem Mann liegt die ganze Welt zu Füßen, nur einer nicht – und das macht ihn zornig. Haman ist nicht groß. Er ist ein verwöhnter Bengel, bei dem die Minderwertigkeit in Größenwahn umgeschlagen hat. Was nun aber kommt, schlägt dem Fass den Boden heraus: Haman will, dass nicht nur Mordechai, sondern das ganze Volk der Juden im ganzen Perserreich ausgerottet wird. Tausende von Menschen – wegen verletztem Stolz. Die Geschichte geht gut aus, weil Gott vorgesorgt hat. Gott hat Esther, eine Jüdin, kurze Zeit vorher zur Königin des Perserreiches werden lassen. Mit viel Weisheit, Geschick und Mut findet sie einen Weg, die bedrohliche Situation beim König anzusprechen. Der König ist total sauer und geht nun seinerseits gegen Haman vor. Am Schluss hängt Haman am Galgen, nicht Mordechai. Die Gefahr ist gebannt.

Die Freude der Geretteten

Purim ist ein fröhliches Fest. Es erinnert ein wenig an Karneval. Man ist ausgelassen, trinkt zu viel Alkohol (nur an diesem einen Tag), verkleidet sich, macht sich Geschenke, haut sich den Bauch voller Süßigkeiten und feiert. Man feiert das Leben – oder das Überleben. Man feiert die Befreiung und den Sieg Gottes. In der Synagoge geht es an diesem Tag gesetzter zu, aber nicht wirklich ernst. Das ganze Buch Esther wird vorgelesen. An einem Stück. Das dauert ungefähr 45 Minuten. Die Juden bringen Rasseln mit. Und laute Ratschen, die einen gewaltigen Krach machen. Manche haben auch Pfeifen dabei oder sonstige Instrumente. Alles, was Lärm macht, ist erwünscht. Diese Krachmacher kommen gezielt zum Einsatz. Jedes Mal, wenn bei der Verlesung des Buches Esther der Name Haman fällt, blasen, rasseln, trampeln und ratschen die Leute was das Zeug hält. Wer das mal erlebt hat, vergisst es nicht wieder. Der Grund: Auf diese Weise soll der Name Haman ausgelöscht werden unter dem Himmel. Und das geschieht auch. Haman geht buchstäblich im Lärm der Synagogengemeinde unter.

An Purim lesen Juden in den Synagogen die Esther-Rolle. Sie machen „lange Nasen“ und Krach, wenn Hamans Name gelesen wird. Foto: Yaakov Lederman/Flash90

Dahinter steht ein Vers aus der Tora. In 2. Mose 17,14 sagt Gott: „Ich will die Erinnerung an Amalek unter dem Himmel austilgen.“ Viele denken, dass es an dieser Stelle darum geht, die Amalekiter auszutilgen. Aber das steht hier nicht. Die Erinnerung soll ausgetilgt werden, um frei zu werden für die Zukunft. Die Amalekiter galten als Vorfahren Hamans. Auch sie haben versucht, Israel auszulöschen. Nun hat ihr Nachfahre Haman es erneut versucht und wieder hat es nicht geklappt. Denn Gott hat bewahrt, beschützt und gerettet. Der Brauch mit den Lärmmachern ist eigenartig. Denn Purim ist ja ein Gedenkfest und natürlich denkt man dann automatisch auch an Haman. Aber man denkt so an ihn, dass man eigentlich nicht an ihn denkt. Denn sein Name wird von den Krachmachern übertönt.

Dieses Krachmachen hat etwas Spielerisches, denn es ist auch irgendwie lustig, wenn jeder rasselt, ratscht und trillert. Warum geht es an Purim nicht ernster zu? Man könnte denken, dass man aus einer historischen Distanz von mehr als zwei Jahrtausenden einfach lockerer mit der Erinnerung umgeht. Lockerer und somit auch spielerischer – ist doch alles schon sehr lange her. Aber das trifft es nicht. Denn der persische Haman war ja nicht der letzte „Haman“ in Israels Geschichte. Haman ist nicht nur Haman. Haman ist ein Typus und steht für all die Feinde Israels. Bald jede Epoche hatte ihren Haman. Heute steht Haman für die Hamas oder den Iran. Deren Ziel ist es, Israel auszulöschen. Purim ist nicht nur die alte Geschichte, sondern hat auch einen Gegenwartsbezug. Gerade auch den heutigen Feinden gilt die Ansage Gottes, dass Gott eines Tages die Erinnerung an sie austilgen wird.

Wenn man so ein Purimfest mal gefeiert hat, dann weiß man, dass das Krachmachen in einer gewissen Haltung geschieht. Zumindest habe ich es so erlebt. Es ist kein Triumphalismus – dafür war die Gefahr zu groß. Es ist auch keine Aggression, keine Verletztheit, keine Rache. Es ist auch nicht so, dass man auf dem Namen Hamans herumtrampeln würde, ihn verachten, auf ihn spucken, hämisch auf ihn herabschauen oder ihn gehässig behandeln würde. All das ist es nicht. Obwohl die Juden allen Grund und alles Recht dazu hätten. Aus der Freude der Geretteten heraus wird dem Namen Haman so wenig Gewicht gegeben, dass man ihn einfach übertönt. Man kümmert sich nicht mehr um Haman, sondern freut sich über die Rettung. Das ist Purim. Die Haltung, die man hier spürt, beeindruckt mich. Es ist Glaube statt Angst, innere Freiheit statt Opfermentalität, Entschiedenheit ohne Aggression, Zuversicht statt Verzagtheit, Standfestigkeit statt Einknicken. So überwindet man die angstmachende Erinnerung an Haman. Feiern Sie in Ihren Gemeinden doch mal Purim. Das ist eine echte Erfahrung.

Das Ende der Gewaltherrscher

An Purim wandert der Blick aber auch nach vorne. Man wagt einen Ausblick in die kommende Welt, ins ewige Reich Gottes, das der Messias eines Tages bringen wird. Dann werden alle Despoten der Welt ausgespielt haben und sich vor Gott, der höchsten Autorität im Universum, verantworten müssen. Dieser Tag wird kommen. Dann wird alles gut werden. Die Juden wissen: Erst in der kommenden Welt wird die böse Erinnerung endgültig ausgelöscht sein, weil dann Gott allein König sein wird. Und Gott macht alles neu. Psalm 126 spricht davon:

1 Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. 2 Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Völkern: Der HERR hat Großes an ihnen getan! 3 Der HERR hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich.

Von den Juden und Purim kann man einiges lernen. Denn nicht nur die Juden, viele Menschen leiden unter Despoten wie Haman. Da gibt es die ganz fürchterlichen, die man an Bosheit nicht übertreffen kann, wie zum Beispiel Hitler. Aber auch ein despotischer Alleinherrscher wie Präsident Putin kann einem schwer zu schaffen machen. Das erleben wir in diesen Tagen. Mein Vorschlag: Nehmen wir die Haltung von Purim ein, bewahren wir sie und zeigen wir sie. Dann können wir aus tiefstem Herzen beten: um Weisheit und Führung für die Entscheidungsträger weltweit und um eine Beendigung des Krieges. Nichts ist in diesen Tagen wichtiger, als dass Gott hilft und eingreift: Dein Reich komme!

Dazu wird es wichtig sein, uns von Angst, Empörung und Hass zu befreien. Das sind negative Kräfte. Daraus kann nichts Positives erwachsen. Wir sollten Putin nicht hassen und die Russen schon gar nicht. Und wir sollten Putin nicht dämonisieren, sonst verstärken wir das Böse. Wir sollten Haltung bewahren – die Haltung von Purim. Glaube statt Angst, innere Freiheit statt Opfermentalität, Entschiedenheit ohne Aggression, Zuversicht statt Verzagtheit, Standfestigkeit statt Einknicken. All das mit Blick auf unseren großen Gott, der alle Macht hat, im Himmel und auf Erden. Das ist die Art, wie man einem Despoten begegnet. Diese Haltung wünsche ich uns.