Religiöse Juden versuchen, so treu wie möglich nach der Tora zu leben. Foto: Gershon Elinson | Flash90

Von: Pastor Tobias Krämer

In Teil 1 haben wir Römer 9 studiert. Paulus spricht dort von seinem Schmerz, weil die meisten Juden das Evangelium nicht annehmen. Das geht Paulus an die Nieren. Die meisten Juden anerkennen Jesus nicht als ihren König und Messias. Ist nun alles vorbei? Natürlich nicht! Paulus zeigt, dass das in Israel schon immer so war: Die Verheißungen und die Erwählung laufen von Generation zu Generation weiter, doch es ist immer nur ein Teil Israels, der mit Gott unterwegs ist. Dieses Muster lässt sich durch das ganze Alte Testament verfolgen. Wann und wie wird diese innere Zerrissenheit enden? Bevor Paulus diese Frage aufgreift, kommt er auf die Bedeutung der Tora zu sprechen. Im zweiten Artikel der dreiteiligen Serie blicken wir auf Römer 10,1 – 11,26.

Evangelium und Tora

In Römer 10 hält Paulus kurz inne und setzt neu an: „Liebe Freunde, ich sehne mich von Herzen danach und bete zu Gott, dass das jüdische Volk gerettet wird.“ Aus diesen Worten spricht eine tiefe Sehnsucht. Israel soll gerettet werden! Gerettet wird man, wenn man Jesus bekennt und an ihn glaubt (Römer 10,9). Das ist eine zentrale Wahrheit für Paulus.

Die meisten Juden zu Paulus‘ Zeit glauben nicht an Jesus. Paulus sagt, ihnen fehlt die Erkenntnis. Sie meinen, das Halten der Tora würde genügen und so wollen sie vom Evangelium nichts wissen. Dahinter steht, so Paulus, eine Fehleinschätzung. Der Glaube an Jesus macht gerecht, nicht das Einhalten der Tora – so gut und wertvoll der Toragehorsam auch ist (Römer 10,3-13). Im innersten Kern hat die Tora einen anderen Zweck: Sie soll zu Jesus hinführen. Dies ist aber nur möglich, wenn man eine Offenbarung hat, was es mit Jesus auf sich hat. Für die meisten Juden trifft dies nicht zu und so sehen sie es als ihre Aufgabe an, so treu wie möglich nach der Tora zu leben. In vielen Übersetzungen wird dieser Zusammenhang auf den Kopf gestellt. Man meint, Jesus sei gekommen, um die Tora abzuschaffen, und so wird übersetzt: „Christus ist das Ende des Gesetzes“ (Römer 10,4a). Doch im griechischen Urtext ist nicht Christus das handelnde Subjekt, sondern die Tora, und im Blick ist weniger ihr Ende, als vielmehr ihr Ziel (griechisch: télos). Von daher übersetzt man besser: „Das Ziel der Tora ist Christus“ (vgl. Galater 3,24). Warum? Weil Jesus gerecht macht. Jesus erlöst. Er befreit von der Sünde, er bringt die Menschen in Ordnung.

Wer also an Jesus glaubt, wird von Gott gerecht gesprochen (Römer 10,4). Das heißt: Die Tora führt zu Jesus und Jesus macht gerecht. Und wer gerecht ist, der wird wiederum die Tora halten, denn in ihr zeigt sich ja der gute Wille Gottes. Zwischen der Tora und Jesus gibt es keinen Widerspruch. Beide haben ihren Ursprung in Gott. Die Frage ist nun, warum so viele Juden das nicht nachvollziehen können (Römer 10,14-21). Israel lehnt das Evangelium mehrheitlich ab. Das ist das Problem – auf der menschlichen Seite. Auf der Seite Gottes aber gilt etwas anderes. Selbst die Ablehnung des Evangeliums baut Gott in seine Pläne ein. Aber wie? Drei Aspekte findet Paulus in der Schrift:

  • Gott will sein Volk eifersüchtig machen, indem er das Evangelium zu den Heiden sendet.
  • Er will sich von denen finden lassen, die ihn gar nicht gesucht haben (Nicht-Juden).
  • Zugleich steht Gott weiterhin mit offenen Armen da und ruft sein Volk Israel.

Heilsgewissheit für Israel

Das Nein Israels ist ein kollektives Nein. Die meisten Juden lehnen das Evangelium ab. Wenn nun der Messias abgelehnt wird – ist dann nicht alles aus? Oder in den Worten des Paulus: „Hat Gott sein Volk, die Juden, etwa verstoßen?“ Die Antwort ist so einfach wie klar: „Natürlich nicht! […] Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er von Anfang an erwählt hat“ (Römer 11,1-2). Weil Israel erwählt ist, kann und wird Gott es niemals verstoßen. Nun kommt allerdings eine schockierende Aussage. Es ist zwar tröstlich, dass Gott sein Volk nicht aufgegeben hat, doch hat er ihre Herzen verhärtet (Römer 11,7). Gott selbst hat sie, so Paulus, in einen Tiefschlaf versetzt, so dass sie Jesus gegenüber blind bleiben. Gott sagt nun: „Wenn ihr Jesus nicht haben wollt, dann müsst ihr jetzt ohne ihn leben.“ Die Weiche ist gestellt. Israel ist zum größten Teil ohne den Messias Jesus unterwegs. Das hat Israel so entschieden. Und Gott hat entschieden, dass es vorerst dabei bleibt. Das ist die Konsequenz.

Jetzt aber kommt der Clou. Das Nein Israels führt nämlich dazu, dass das Evangelium hinaus in die Völkerwelt geht. Es erreicht Millionen von Menschen. Dies dient dazu, Israel eifersüchtig zu machen – und auf diese Weise sollen die Juden am Ende doch noch zu Jesus finden (Römer 11,11). Entscheidend ist: Gott hat einen Plan für Israel. Einen Heilsplan. Und so kommen wir nun endlich an den erlösenden Punkt: Israel ist nicht verstoßen und wird nicht auf der Strecke bleiben. Israel hat Zukunft! Gott selbst wird dafür sorgen, dass die Geschichte Israels einen guten Ausgang nimmt, denn am Ende wird „ganz Israel gerettet werden“ (Römer 11,26)! Ganz Israel, nicht nur ein Teil.

Wie aber muss man sich das vorstellen? Meint Paulus mit ganz Israel die Juden in der Endphase der Geschichte oder denkt er auch zurück und meint alle Juden zu allen Zeiten? Lange Zeit bin ich davon ausgegangen, dass die Juden der Endphase gemeint sind. Am Ende wird Israel über die Ziellinie laufen, so der Gedanke. Neuerdings denke ich um. Im Ölbaumgleichnis (Römer 11,17-24) ist davon die Rede, dass die Juden, die Jesus abgelehnt haben, aus dem Ölbaum „ausgebrochen“ wurden. Der Clou ist nun, dass diese Zweige am Ende wieder eingepfropft werden (V. 24). Es geht also nicht nur um die Juden der letzten Zeit, sondern auch um die Juden aus früheren Zeiten. Nimmt man noch hinzu, dass auf Israel als Volk insgesamt die Erwählung Gottes ruht, dann darf man damit rechnen, dass am Ende alle Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs (und in diesem Sinn „ganz Israel“) gerettet werden.

Wie wird Israel gerettet werden?

Israels Rettung hat schon begonnen. Es gibt bereits Christen, die Juden mit aufrichtiger Liebe und Wertschätzung begegnen, dass diese aufhorchen und ins Nachdenken kommen: Ist an Jesus vielleicht doch was dran?

Der endgültige Durchbruch wird aber wohl erst kommen, wenn Jesus wiederkommt. Dabei wird sich ein wichtiger Unterschied zeigen: Zu den Völkern kommt Jesus als Richter, zu Israel aber kommt er als Messias, als Retter seines Volkes (vgl. Sacharja 12; Matthäus 23,37-39; 24,27-32).

Ausblick

Mit Römer 11,26 sind wir bereits am Ende der Heilsgeschichte angelangt: Ganz Israel wird gerettet werden. Was für eine Perspektive! Paulus schwenkt aber nochmals zurück und formuliert mit Römer 11,28 einen genialen Vers, in dem alle Israellinien der Bibel wie in einem Prisma zusammenlaufen. Wer diesen Vers verstanden hat, hat in Sachen Israel alles verstanden. Es lohnt sich also, diesen Vers detailliert anzuschauen. Das werden wir im dritten Teil tun.

Die dreiteilige Serie ist als Faltblatt „Kompakt verpackt # 10“ in unserem Shop erhältlich. Teil 1 der Serie finden Sie hier.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 130. Teil 3 der Serie lesen Sie in der kommenden Ausgabe von „Israelaktuell“. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen: https://csi-aktuell.de/israelaktuell. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.