Hilfe für Bedürftige und Versöhnung mit Holocaustüberlebenden in der Ukraine

Neben den materiellen Hilfeleistungen, die bedürftige Holocaustüberlebende und Nachkriegskinder in der Ukraine über das CSI-Patenschaftsprogramm erhalten, sind persönliche Besuche das Herzstück unserer Arbeit dort. Mehr als 1200 Bedürftige werden inzwischen regelmäßig über das Programm versorgt. Doch in den ehemaligen Schtetls der Ukraine warten noch tausende auf einen solchen Besuch, die erst einmal gefunden werden müssen. Oft fühlen sich unsere Mitarbeiter dabei wie Pfadfinder, folgen den Markierungen am Wegesrand und stellen fest, dass Gott der beste Reiseleiter ist.

Neben den materiellen Hilfeleistungen, die bedürftige Holocaustüberlebende und Nachkriegskinder in der Ukraine über das CSI-Patenschaftsprogramm erhalten, sind persönliche Besuche das Herzstück unserer Arbeit dort. Mehr als 1200 Bedürftige werden inzwischen regelmäßig über das Programm versorgt. Doch in den ehemaligen Schtetls der Ukraine warten noch tausende auf einen solchen Besuch, die erst einmal gefunden werden müssen. Oft fühlen sich unsere Mitarbeiter dabei wie Pfadfinder, folgen den Markierungen am Wegesrand und stellen fest, dass Gott der beste Reiseleiter ist.

Sima ist allein – ihr Mann ist vor 14 Jahren gestorben; Kinder hatten sie keine. Irgendwann während unseres Gesprächs kommt sie auf die Cousine ihres Mannes zu sprechen, die in Belaja Zerkow lebt und, wie sich herausstellt, auch über unser Patenschaftsprogramm unterstützt wird. „Sie hat mit solcher Wärme von euch gesprochen“, sagt Sima mit Tränen in den Augen. Liebevoll schaut sie das Erinnerungsfoto an, das wir ihr in die Hand drücken. „Das ist mein schönstes Geschenk!“ Ein bisschen Familie für Sima, wenigstens auf dem Foto…

Sima in Czernowitz ist ganz allein und gerührt über das Waffelherz aus Deutschland.

Wenige Tage später kommen wir im 500 Kilometer nördlich gelegenen Belaja Zerkow an. Dort haben wir mehrere Tage für Besuche eingeplant, denn dank der Kooperation mit dem hingebungsvollen Team der jüdischen Gemeinde haben wir dort mehr als 120 Bedürftige im Programm. Zwischen zwei Besuchen am ersten Nachmittag dreht sich unsere Ansprechpartnerin Larissa im Auto um und sagt: „Wir haben eine Überraschung für euch. Wir haben ein neues Städtchen für die Patenschaften – morgen wollen wir nach Stawischtsche fahren!“

Am Ortseingang vor einem alten sowjetischen Kiosk nimmt uns ein junger Mann in Empfang, der uns zu den Adressen lotsen wird. Der Erste auf der Liste ist sein geliebter Opa Sjama, den er jeden Tag besucht. Hier auf dem Lande sind die Häuser einstöckig und von Holzzäunen und Obstbäumen umgeben.

Sjama wartet schon auf uns und kommt zum Gartentor geeilt. Gut sehe er aus, lobt Larissa, die ihn  von ihrer Arbeit beim jüdischen Sozialwerk kennt.

“Ich mache jeden Tag Sport “, entgegnet Sjama. “Morgens wasche ich mich mit kaltem Wasser, und dann laufe ich meine Strecke ab, ob mir etwas weh tut oder nicht – zwei Kilometer hin, zwei zurück.” Dann bittet er uns an den Küchentisch. Sjama ist allein – vor fünf Jahren ist seine liebe Frau gestorben. „Ich habe mich damals auf den ersten Blick verliebt“, erzählt Sjama. „Ich war gerade von meinem Armeedienst zurück. Da sagt ein Freund zu mir: ‚Komm, ich zeig dir ein Mädchen.‘ Ich habe sie einmal gesehen, und da gab es für mich keine Frage mehr.“

Als ich Sjama erzähle, warum wir gekommen sind, schaut er mich über die geblümte Plastiktischdecke ungläubig an. „Das ist etwas sehr Ungewöhnliches, was ihr da sagt! Dass jetzt die Zeit gekommen ist, dass Deutsche Juden lieben!“ Immer wieder schüttelt er staunend den Kopf. „Ich habe so viel gesehen in meinem Leben… wie wir beschimpft worden sind als Juden, unser ganzes Leben lang… Das ist wirklich unglaublich, was ihr da erzählt!“

Ich fühle mich wie in den 90ern, als wir – damals noch mit der Organisation „Exobus“ und ganz frisch nach der Öffnung der Grenzen – in den Städten und Dörfern der Ukraine Pionierarbeit machten mit der Botschaft, dass Gott sein Volk nicht vergessen hat und dass Er die Heiden gebraucht, um es nach Hause zu bringen.

Sjama war drei Jahre alt, als der Krieg in sein Städtchen einbrach. „Ich kann mich ganz dunkel erinnern, wie Papa mich mal aufs Pferd gesetzt hat. Das ist fast meine einzige Erinnerung an ihn. Papa wurde dann eingezogen. Er kam gerade mal bis Belaja Zerkow, da wurde er schon gefangengenommen, und das war das Ende für ihn. Ein Augenzeuge hat uns später berichtet, dass er erschossen wurde – von einem Ukrainer, der für die Nazis gearbeitet hat. Als wir auf der Goldenen Hochzeit meiner Schwiegereltern gerade am Tisch saßen, schaut mein Schwiegervater plötzlich aus dem Fenster und sagt: ‚Guck mal, da läuft der Polizist, der deinen Vater ermordet hat!‘“

Jusik hieß Sjamas Vater, und Sislja die Mutter (vom jiddischen „süß“). „Ich hatte in Deutsch nur Einsen in der Schule – ich habe ja das meiste verstanden, weil ich mit Jiddisch aufgewachsen bin“, erzählt Sjama. „Papa war von hier, aus Stawischtsche. Mama war aus dem Nachbarort, Taraschtschew, eine sehr schöne Frau. Kurz nachdem Papa an die Front ging, ist sie mit uns Kindern nach Engels – heute Saratow – geflohen. So haben wir überlebt.“

Onkels und Tanten, Omas und Opas hat Sjama nie kennengelernt – weder vonseiten seines Vaters, noch mütterlicherseits.

„Ihr strahlt so eine Güte aus“, sagt Sjama, als ich seine Hände ergreife. „Ihr habt mir mehr Gesundheit gegeben als die Tabletten, die ich jeden Tag nehme!“

Neben der Lebensmitteltüte und einer Wolldecke überreichen wir Sjama zum Schluss noch ein Paar handgestrickter Socken von einer lieben Freundin aus Deutschland. Gerührt drückt er sie an sich und steckt sie dann in seine Brusttasche. „Seht ihr, wo ich sie hingetan habe? An mein Herz!“

Von: Anemone Rüger, Christen an der Seite Israels