Etwa 100 bedürftige Senioren werden über das CSI-Patenschaftsprogramm in Saporosche unterstützt. Foto: CSI

Von: Anemone Rüger

Für die Mitarbeiter des jüdischen Sozialwerks in der ostukrainischen Industriemetropole Saporosche ist Aufgeben keine Option. Mithilfe von Spenden aus dem Ausland setzen sie weiterhin alles daran, die Bedürftigen zu versorgen. 

Saporosche tauchte in den vergangenen Wochen immer wieder in den Schlagzeilen auf – zum einen durch das örtliche Atomkraftwerk, das teilweise unter russische Kontrolle geraten ist; zum anderen als die nächstgelegene Stadt für Flüchtlinge, die aus der Hölle von Mariupol entkommen konnten. Doch Saporosche ist auch in den Herzen der fast 100 Paten präsent, die dort einen Holocaustüberlebenden oder bedürftigen Senioren über das Patenschaftsprogramm von Christen an der Seite Israels (CSI) „adoptiert“ haben.

Als ich die Stadt vor einigen Jahren zum ersten Mal besuchte, fühlte ich mich in die späten Jahre der sowjetischen Epoche zurückversetzt. Reisende passieren auf dem Weg in die Stadt das Wasserwerk und eine riesige Brücke, die den mächtigen Dnepr überspannt – in Saporosche ist er so breit wie ein Meer. Die massiven Gebäude auf den breiten Alleen tragen weithin sichtbare Inschriften wie „Den Werktätigen der Kohleindustrie“ oder „Lenin-Allee“. Obwohl viele Fabriken seit Zusammenbruch der Sowjetunion den Betrieb eingestellt haben, hängt der Dunst einer einst geschäftigen Industriemetropole immer noch über der Stadt, vermischt mit einer Portion von westlichem Savoir Vivre, beispielsweise zu finden in den Cafés von „Lvivski Platzki“.

Viele Bauwerke in Saporosche erinnern an das sowjetische Zeitalter. Foto: CSI

Auch Saporosche hat, was jede Stadt in der Ukraine zu ihren bitteren geschichtsträchtigen Orten zählt – ein großes Areal mit Massengräbern aus dem Zweiten Weltkrieg. Schätzungsweise 3.800 jüdische Bürger der Stadt wurden zwischen Herbst 1941 und Frühjahr 1942 von der nationalsozialistischen Besatzung ermordet. Nach Jahrzehnten von fortdauerndem staatlichem Antisemitismus unter sowjetischer Herrschaft kam ein weiterer Krieg der Stadt gefährlich nahe – als mit dem Ausbruch des militärischen Konflikts im Osten des Landes das Separatistengebiet im Donbass wegbrach. Schon damals suchten viele Flüchtlinge Schutz in der jüdischen Gemeinde Saporosche. All das ist nun Geschichte, da Saporosche seit dem russischen Einmarsch in der Ukraine vor einem Monat von einem weiteren Krieg bedrängt wird.

Schätzungsweise 3.800 jüdische Bürger wurden während des Holocaust in Saporosche ermordet. Foto: CSI

„Wir müssen uns ständig etwas einfallen lassen, um dringend benötigte Artikel für die Bedürftigen kaufen zu können.“

Viele Städte im Norden, Osten und Süden der Ukraine sind durch russisches Feuer verwüstet worden. Mehr als zehn Millionen Ukrainer haben ihre Heimatorte verlassen und befinden sich teils im Inland, teils in den Anrainerstaaten auf der Flucht. Während es von Tag zu Tag schwieriger wird, Waren des täglichen Gebrauchs zu bekommen, tun die Mitarbeiter des örtlichen jüdischen Sozialwerks „Chesed“ ihr Möglichstes, um die Bedürftigen zu versorgen, darunter auch fast 100 Personen, die durch das Patenschaftsprogramm von CSI unterstützt werden.

„Wir müssen uns ständig etwas einfallen lassen, um dringend benötigte Artikel für die Bedürftigen kaufen zu können“, sagte Jelena vom Sozialwerk. „Es gibt nur noch ein paar Supermärkte, wo man mit Karte bezahlen oder online bestellen kann. Wir haben einen gefunden und gerade die Lieferung bekommen. Aber die Lage wird immer schwieriger. Heute hat uns der Verkaufsstellenleiter mitgeteilt, dass es ab sofort nur noch 2 Stück von jedem Artikel pro Einkäufer gibt. Wenn wir also 100 Stück eines Artikels brauchen, müssen wir 50 Ehrenamtliche einkaufen schicken. Das ist mühsam, aber das schaffen wir schon irgendwie – wenn wir nur denen damit helfen können, die es so dringend brauchen.“

Die Ehrenamtlichen der jüdischen Gemeinden helfen beim Einkauf, Abfüllen und bei der Verteilung dringend benötigter Lebensmittel. Foto: CSI

Im Stadtzentrum haben Jelenas Ehrenamtliche die Bedürftigen persönlich zum Einkaufen im Supermarkt mitgenommen, damit sie sich ihre Artikel selbst aussuchen konnten. Die öffentlichen Verkehrsmittel fahren nicht mehr; die Stadtteile sind nicht mehr miteinander verbunden. In einigen Fällen konnte das Sozialwerk auch einen Krisenbetrag auf die Bankkarten der Bedürftigen überweisen, die in fußläufiger Entfernung eines Supermarktes leben.

„Wir möchten euch ein riesengroßes ‚Dankeschön‘ für eure Krisenspende sagen!“, so Jelena. „Das ist uns so eine große Hilfe! Einfach unglaublich! Uns fehlen die Worte, um euch zu sagen, wie dankbar wir sind. Fühlt euch umarmt, alle, die da mitgemacht haben!“

Die Mitarbeiter von Chesed sind auch für eine ganze Reihe weiter entfernter Ortschaften zuständig, darunter Städte, die unter russische Kontrolle gekommen sind, was die Versorgung noch viel schwieriger macht. Aber das Team weigert sich aufzugeben.

Bedürftige in Saporosche werden mit Lebensmittelpaketen unterstützt. Foto: CSI

„In Melitopol und Berdjansk ist die Lage besonders prekär“, so Jelena. „Für alles muss man anstehen. Die Leute melden sich eine Woche im Voraus an, und dann müssen sie immer noch von 6 Uhr morgens bis nach Mittag vor dem Geschäft warten. Vor kurzem hatten wir Temperaturen von -10 Grad. Das ist natürlich für eine ältere Person nicht machbar!“ Doch sogar in den besetzten und belagerten Städten hat Jelenas Team Wege gefunden, um zu helfen. „Meine Ehrenamtlichen haben es irgendwie geschafft, Bargeld zu bekommen, sodass sie für die Notleidenden einkaufen konnten. Wir freuen uns über jeden Artikel, den wir auftreiben können. Öl gibt es jetzt nur noch als Ausschankware. Also sind unsere Frauen mit leeren Wasserflaschen losgezogen.” Jelenas Mitarbeiter sind jetzt damit beschäftigt, die Großmarkt-Ware auf kleinere Lebensmitteltüten zu verteilen.

„Eure Hilfe ist von unschätzbarem Wert!“

„Die Leute sind so dankbar, das könnt ihr euch kaum vorstellen“, so Jelena. „Mit eurer Unterstützung konnten wir eine Strategie entwickeln, wie wir jeden Ort in unserem Zuständigkeitsbereich mit Hilfsgütern versorgen können. Wir konnten ein paar Vorräte anlegen, mit denen unsere Leute aufs Erste versorgt sind. Eure Hilfe ist von unschätzbarem Wert!“

CSI-Mitarbeiterin Alina hat im vergangenen Jahr mit ungezählten Besuchen bei den Bedürftigen viel Liebe und Energie in die jüdische Gemeinschaft Saporosche investiert. Eine Dame, die ihr besonders in Erinnerung geblieben ist, ist Ludmila, die vor einem Jahr ihren Mann verloren hat. „Damit war für Ludmila eine Welt zusammengebrochen“, so Alina. „Ich habe sie drei Mal besucht, und jedes Mal ist sie in Tränen ausgebrochen. Aber beim letzten Besuch Anfang dieses Jahres hat sie wieder angefangen zu lächeln. Ich bin mir sicher, dass ihr Leben verändert worden ist durch die Liebe und die Aufmerksamkeit, die wir ihr entgegengebracht haben.“

Ein besonderer Moment in Saporosche war für Alina auch der, den die Mitarbeiter bei den älteren Bedürftigen immer wieder erleben – der Moment, als einer älteren Dame klar wurde, dass sie nicht von einer großen Regierungsorganisation unterstützt wird, sondern von einer realen Person, die sie aufs Herz genommen hat und sie damit aus der Anonymität hebt, an die sie so gewöhnt ist.

„Als ich Natalia besucht habe, hatte ich zufällig das Foto von ihrer Patin dabei und habe es ihr gezeigt“, berichtete Alina. „Ihr hättet den Ausdruck auf ihrem Gesicht sehen sollen! Sie konnte es einfach nicht fassen, dass sich ein Mensch aus einem anderen Land für sie interessiert und um sie sorgt.“

Eine Überlebende teilt ihre Erinnerungen. Foto: CSI

Die Herzlichkeit, die bei den vielen Besuchen im vergangenen Jahr in den Herzen der Holocaustüberlebenden und Bedürftigen in Saporosche angekommen ist, hat einen Schatz an Erinnerungen geschaffen, von dem diese jetzt zehren. Verbunden mit der materiellen Hilfe, die weiterhin von den Paten und Unterstützern kommt, erinnern diese Eindrücke die Bedürftigen daran, dass sie nicht vergessen, sondern geliebt und wertgeschätzt sind.