Gestützt von seiner Tochter Ludmilla und Koen Carlier gelangte Anatoly auf die moldawische Seite der Grenze. Foto: Christen an der Seite Israels

Von: Anemone Rüger

Anatoly war 85 Jahre lang in Dnepropetrowsk im Osten der Ukraine zu Hause. Hier wurde er 1937 in der schlimmsten Zeit der stalinistischen Verfolgungen geboren. Von hier aus floh er mit seiner Mutter aufs Dorf, als er vier Jahre alt war und Hitlerdeutschland in seiner Heimatstadt einmarschierte. Hier arbeitete er sich als Ingenieur im berühmten Betrieb „Zawod Petrowskowo“ hoch und verdiente sich mit 60 Dienstjahren den Titel „Veteran der Arbeit“. Anfang März floh er zum zweiten Mal in seinem Leben – diesmal ins Verheißene Land.

Ich bekomme Anatolys Tochter Ludmila in einem verschneiten rumänischen Luftkurort ans Telefon, wo sie mit ihren Eltern auf die Erteilung der Ausreisegenehmigung nach Israel wartet. Ludmila ist seit mehr als 20 Jahren israelische Staatsbürgerin – sie hat schon 2001 mit Mann und Kindern Alijah gemacht und lebt an der libanesischen Grenze.

„Letztes Jahr ist Papa gestürzt und hatte einen schweren Hüftbruch. Er musste vier Mal operiert werden,“ erzählt Ludmila. „Ich bin Anfang dieses Jahres zu den Eltern geflogen, um mich eine Weile um sie zu kümmern. Papa hat eine Menge durch in seinem Leben. Er war das jüngste von vier Kindern. Sein Vater war Schmied. 1941, als der Krieg begann, wurde erst Papas Vater eingezogen, dann seine großen Brüder. Großvater ist zurückgekommen, Papas Brüder sind beide gefallen. Papas Mutter ist mit ihm und seiner Schwester zu Fuß aus Dnepropetrowsk aufs Land geflohen, in ein größeres Dorf namens Nowomoskowsk. Dort gab es entfernte Verwandte. Die Städte waren ja von den Deutschen besetzt, aber auf dem Land gab es eine höhere Chance unterzutauchen. Dort haben sie in einer Art Lehmhütte gehaust. Es gab kaum etwas. Papas Schwester ist verhungert. Und so hat Papa als einziger von vier Geschwistern überlebt.“

Nach mehreren Hüftoperationen steckte Anatoly ein Jahr in einem Stützverband. Der Bruch verheilte nicht wie gewünscht. Anatoly konnte kaum laufen, und eigentlich sollte er noch einmal ins Krankenhaus – sehr schwer für jemanden wie ihn, der nach Ludmilas Beschreibung immer aktiv war und an irgendetwas gewerkelt hat. Und dann war plötzlich Krieg. „Als der Aufruf von der Israelischen Botschaft kam, dass alle israelischen Staatsbürger umgehend evakuiert werden sollen, lagen wir alle drei – zum wiederholten Mal – mit hohem Fieber und Corona im Bett und konnten nicht von der Stelle“, berichtet Ludmila.

Wir hatten aufgegeben

„Ich hatte keine Ahnung, wie ich Papa transportieren sollte. Die Stufen auf einem Bahnhof hätte er nie steigen können. Dann gab es Ankündigungen aus der jüdischen Gemeinde, dass ein Bus fahren soll. Der wurde angegriffen, also wurde wieder alles abgesagt. Und so ging es ein paar Mal. Das letzte Mal kam nachts halb 2 der Anruf, dass wir uns fertig machen sollten. Und morgens um 8 war wieder alles passé. Da haben wir gedacht: Jetzt wird es so, wie es wird. Wir hatten praktisch aufgegeben.“ Es folgte ein weiterer Anruf aus der jüdischen Gemeinde Dnepropetrowsk mit der Anweisung, sich um 11 Uhr an einem bestimmten Treffpunkt einzufinden. Ludmila: „Aber es war 10.55 Uhr! Und wir haben auf der anderen Seite des Dnepr gewohnt! Wie sollten wir das schaffen? Wir haben uns trotzdem auf den Weg gemacht, mit einem Taxi. Gott hat uns geholfen. Der Sammelplatz war ein einziges Chaos – Flüchtlinge aus Saporosche, Charkow und anderen Orten. Wir waren mehr als drei Tage unterwegs mit sechs Bussen. Es war schlimm – überall lauerte Gefahr. Es gab Straßensperren, Kontrollpunkte. Es gab keine Toilette, und das mit einem schwer gehbehinderten Vater. Das war fast unerträglich.

Anatoly ist nach einem Hüftbruch schwer gehbehindert. Foto: Christen an der Seite Israels

Doch nach einer unendlich lang erscheinenden Fahrt kam die Kolonne schließlich an der moldawischen Grenze an. Dort wartete Koen Carlier, Leiter des Teams von Christen an der Seite Israels in der Ukraine, mit seinen Mitarbeitern schon auf die jüdischen Flüchtlinge. Am Grenzübergang müssen die Ausreisenden ungefähr einen Kilometer zu Fuß zurücklegen. Anatoly überquerte die Distanz gestützt an der einen Seite von seiner Tochter, an der anderen Seite von Koen.

„Koen – ein goldener, ein göttlicher Mensch! Ich werde mein ganzes Leben für diesen Mann und sein unglaublich wunderbares Team beten!“, ruft Ludmila an dieser Stelle ihres Berichts aus. „Ohne ihn wären wir wahrscheinlich nie angekommen! Dass meine Eltern überhaupt noch leben, habe ich ihm zu verdanken! Wir hatten ja keine Hoffnung mehr. Wir hätten es nie über den Fußgänger-Grenzübergang geschafft, den langen Weg über die Brücke. Und dann die Stufen in den Bus rein. Da haben sie meinen Papa einfach getragen!“, sagt Ludmila, während ihr die Tränen kommen.

„Ich kann nicht in Worten ausdrücken, wie dankbar ich Koen und seinem Team bin! Sie sind mir so lieb geworden! Ich bin so unendlich dankbar. Sie tun eine enorme, eine göttliche Arbeit! Und dank des Teams sind wir jetzt auf dem Weg nach Israel!“

Die Enkel und Urenkel hatten schon seit Jahren gebettelt: „Opa und Oma, kommt! Um jeden Preis, bitte kommt! Wir haben euch so lieb und wir wollen euch bei uns haben!“ Dieses Jahr hat die Familie das Passahfest gemeinsam mit vier Generationen in Israel gefeiert. Ludmilla ist glücklich:

„Ich kann mich nicht sattsehen an den strahlenden Gesichtern meiner Eltern, an dem Leuchten in ihren Augen! Sie wollen leben!”

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 129. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen: https://csi-aktuell.de/israelaktuell. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

 

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