Einige Tausend Juden leben noch in Nikolajew. Viele werden durch das CSI-Patenschaftsprogramm unterstützt.

Von: Anemone Rüger, Christen an der Seite Israels

Es ist ein heißer Augusttag; in der Fußgängerzone von Düsseldorf werden gerade die Stände fürs Gourmet Festival aufgebaut. Jelena, unsere Kontaktperson aus der jüdischen Gemeinde in Nikolajew, hat sich zum ersten Mal seit Kriegsbeginn ein paar Tage frei genommen und hofft, bei Bekannten in Düsseldorf ein wenig durchatmen zu können. Nikolajew, eine Hafenstadt am Schwarzen Meer, rühmte sich einst der größten sowjetischen Schiffswerft. Auch viele Senioren aus dem CSI-Patenschaftsprogramm haben einmal dort gearbeitet. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind in Nikolajew wie auch in vielen anderen Teilen der Ukraine zahlreiche Betriebe stillgelegt worden. Mit dem russischen Einmarsch am 24. Februar geriet Nikolajew aufgrund seiner strategischen Lage sofort ins Visier. Anders als die benachbarte Hafenstadt Cherson hat Nikolajew bisher standgehalten, doch die fast täglichen Luftangriffe zermürben die Bevölkerung.

Ich treffe Jelena und ihren Mann Andrej in einem Düsseldorfer Café; als wir wieder auseinandergehen, steht die Sonne schon tief am Himmel. Jelena zuckt bei jeder Sirene, jedem Krankenwagen zusammen.

„Normalerweise gibt es ja vor einem Angriff Luftalarm, damit sich die Leute in Sicherheit bringen können. Aber bei uns in Nikolajew wachst du entweder vom Einschlag der Bombe auf, oder du wachst eben gar nicht mehr auf“, berichtet Jelena. „Wir sind so nahe an Cherson dran. Dort sitzen ja die russischen Truppen, von dort aus beschießen sie uns. Bis da der Luftalarm geht, ist die nächste Rakete schon gefallen.“

Ganz zu Beginn des Krieges sah es so aus, dass Nikolajew das gleiche Schicksal widerfährt wie Cherson. „Die russischen Panzer waren schon in der Stadt, nur einen Straßenzug von uns entfernt“, erinnert sich Jelena. „An dem Panzermahnmal aus dem Zweiten Weltkrieg gab es dann ein Gefecht, dort haben unsere Truppen sie zurückgedrängt. Seit Ende März stehen sie 40 Kilometer vor der Stadt.“

Mit Kriegsbeginn verschwanden die Lebensmittel aus den Regalen der Supermärkte. „Die ersten drei Wochen haben wir uns nicht umgezogen; wir waren immer auf dem Sprung“, so Jelena. „Aber wohin hätten wir fliehen sollen? Wir haben ein Häuschen im Stadtzentrum. Da gibt es keine Luftschutzkeller. Am Anfang haben sie gesagt, im Zentrum sind wir sicher, da gibt es keine militärischen Ziele. Und dann haben sie die Stadtverwaltung bombardiert. Es gab viele Opfer…

Ich habe im verdunkelten Flur gesessen und habe gearbeitet, den Laptop auf den Knien, das Telefon neben mir und das gestrickte Schultertuch von euch umgebunden. Das hat mir Trost gegeben.“

Nach einer Weile gab es wieder Lebensmittel zu kaufen, aber inzwischen waren die Preise sprunghaft in die Höhe gestiegen – die Bevölkerung machte Panikkäufe, der Bedarf konnte nicht gedeckt werden.

„Und dann hatten wir zu Pessach kein Wasser mehr. Wir bekommen ja das Wasser aus Cherson, aber das ist besetzt, und die Leitungen sind kaputt. Wir konnten nichts mehr waschen, das war unerträglich. Ab und zu kam ein LKW mit Trinkwasser vorbei. Drei Stunden haben die Leute angestanden.

Jetzt bekommen wir Wasser aus dem Meer – Salzwasser. Das kann man nicht trinken, es ist nur für den Haushalt. Aber das Salz macht alles kaputt. Wir mussten schon einen neuen Boiler kaufen, weil alles verrostet.“

Einmal die Woche verteilt die Synagoge Trinkwasser und Lebensmittel an die Bedürftigen.

„In den ersten Kriegswochen haben wir 800 Leute aus der Gemeinde rausgebracht aus der Stadt, die meisten über Moldawien nach Israel“, berichtet Jelena. „Als wir die ersten Hilfsgüter verteilt haben, kamen so um die 50 Leute. Jetzt sind es 500. Wir konnten selber nicht verstehen, wo die alle herkamen. ‚Bis jetzt haben wir nichts gebraucht‘, sagen viele. Aber nun sind schon seit Monaten fast alle Fabriken geschlossen, es gibt keine Arbeit mehr. Jeden Tag gibt es Angriffe. Die Menschen leben inzwischen nur noch von Hilfslieferungen. Wenn die Ausgangssperre morgens um 5 vorbei ist, stellen sich die ersten schon an.“

Solidarität für Ukraine gerät ins Stocken

Langsam kommt die internationale Solidarität ins Stocken, bemerkt Jelena. „Die Leute wollen nichts mehr vom Ukrainekrieg hören. Er dauert schon zu lange.“ Jelena arbeitet für eine spendenbasierte Organisation. Sie hat für diesen Monat noch kein Gehalt bekommen.

Doch ihre größte Sorge gilt den beiden Brücken über den Südlichen Bug. „Das Zentrum von Nikolajew ist wie eine Halbinsel. Unsere Verbindung mit Odessa und dem Rest der Ukraine sind unsere zwei großen Brücken. Ich hoffe nur, dass sie nicht getroffen werden, dann wäre alles aus.“

Von den Mitarbeitern der Jüdischen Gemeinde ist außer Jelena kaum noch jemand übrig. Doch die Arbeit ist noch da – für die Alten, die ihr ganzes Leben an diesem Ort verbracht haben und keine jüngeren Angehörigen haben, ist es fast undenkbar, woanders noch einmal neu anzufangen. Jelena versorgt sie nach wie vor – jetzt eben unter ständiger Lebensgefahr. An den Winter wagt keiner zu denken – vielerorts sind die Heizungsrohre beschädigt worden; es gibt keine Baumaterialien, um zum Bespiel zerborstene Fensterscheiben zu ersetzen.

Obwohl sich Jelena als nicht religiös bezeichnet, spürt sie doch, dass sie nicht allein ist. „Da ist Jemand da oben, der mich bei der Hand nimmt, Schritt für Schritt. Das habe ich vom ersten Kriegstag an gemerkt.“

 

Nikolajew am Schwarzen Meer 

Vor dem 2. Weltkrieg hatte Nikolajew 25.000 jüdische Bürger. Wer nicht geflohen war, wurde im Holocaust ermordet.

Ganz in der Nähe der historischen Synagoge im Stadtzentrum wurde ein ganzer Straßenzug durch russischen Raketenbeschuss zerstört.