Freude über die Vereinigung Jerusalems im Jahr 1967: Am Jerusalem-Tag zogen Tausende Israelis mit Flaggen durch die Altstadt. Foto: Flash90/Nati Shohat

Die befürchtete Eskalation ist ausgeblieben: Israel hat am Sonntag den diesjährigen Jerusalem-Tag anlässlich des 55. Jahrestages der Eroberung Ostjerusalems im Sechs-Tage-Krieg begangen. Der Tag ist ein nationaler Feiertag. An ihm findet auch alljährlich der Flaggenmarsch israelischer Jugendlicher durch die Jerusalemer Altstadt statt.

Vor einem Jahr hatte die Hamas unter anderem Ereignisse rund um diesen Tag zum Anlass genommen, um Israel mit einem mehrtägigen heftigen Beschuss aus dem Gazastreifen zu überziehen. Auch in diesem Jahr hatte es Drohungen von terroristischer Seite gegeben. Beobachter in Israel gehen jedoch davon aus, dass die Hamas zur Zeit kein Interesse an einer weiteren „Runde“ hat, weil sie sich erst noch von ihren materiellen Verlusten bei der israelischen Militäraktion vor einem Jahr erholen müsse. Entsprechend ruhig blieb es am Sonntag denn auch rund um die Küstenenklave am Mittelmeer.

Viele Israelis auf dem Tempelberg

Jedoch kam es in Jerusalem selbst zu mehreren Zusammenstößen zwischen Juden und Arabern. Bereits am Morgen hatte die Polizei von „Störungen“ einzelner arabischer Maskierter auf dem Tempelberg rund um die Al-Aqsa-Moschee berichtet. Den Einsatzkräften gelang es jedoch, für Ruhe zu sorgen und so sicherzustellen, dass Juden das Areal anschließend betreten konnten. Insgesamt sollen am Sonntag rund 2.600 Israelis auf dem Tempelberg gewesen sein. Israelische Medien sprechen von einer Rekordzahl.

Die Israelis liefen zum Teil mit nur wenigen Metern Abstand an Arabern vorbei, wobei es zu verbalen Konfrontationen kam. Die Polizei sprach auch von „Zusammenstößen“ zwischen Betern und einer Gruppe von Besuchern. Es seien Flaschen und Stühle geworfen worden, einige Verdächtige seien festgenommen worden.

Zudem prangerte die Polizei an, dass „dutzende Besucher“ einer Gruppe Regeln für den Aufenthalt verletzt hätten. Die Gruppe sei vom Gelände entfernt und einige Beteiligte in Gewahrsam genommen worden. Genauere Angaben machte die Polizei nicht. Möglicherweise handelte es sich um einen Verstoß gegen den sogenannten „Status quo“. Demnach dürfen Nicht-Muslime auf dem Tempelberg etwa nicht beten.

Auch der bekannte Tempelberg-Aktivist und frühere Knesset-Abgeordnete Jehuda Glick besuchte den Tempelberg und übertrug den „Aufstieg“ live im Internet. Während des Besuchs rezitierte Glick mehrere Psalmen. „Sie haben Stimmen und Musik des Hasses, sie haben Stimmen und Musik der Gewalt“, erklärte Glick mit Blick auf Araber, die während des Besuches Parolen schrien. „Wir sind hier, um die Musik zu ändern, wir sind hier, um diesem Ort die Heiligkeit zurückzubringen.“

70.000 Teilnehmer beim Flaggenmarsch

Am Nachmittag setzte sich auch der Flaggenmarsch in Bewegung, an dem alljährlich vor allem Jugendliche teilnehmen, die singend und tanzend die „Wiedervereinigung“ Jerusalems feiern. Die Polizei, die selbst mit rund 3.000 Kräften im Einsatz war, um den Tag zu sichern, zählte rund 70.000 Teilnehmer. Anders als vor einem Jahr hatte sie in diesem Jahr wieder die übliche Route genehmigt, die einen Teil der Gruppe durch das Damaskus-Tor und damit durch das muslimische Viertel der Jerusalemer Altstadt hin zur Klagemauer führt.

Araber in der Altstadt erklären, sie empfänden die Route als Provokation. In der Altstadt kam es zu Auseinandersetzungen, die in mehreren Videos dokumentiert wurden. In einem Video ist zu sehen, wie ein israelischer Junge einer Araberin eine Substanz ins Gesicht sprüht, bei der es sich offenbar um Pfefferspray handelt. Für Aufregung sorgten mehrere anti-arabische Sprechchöre, die von einem Teil der Jugendlichen ausgingen. So soll etwa laut übereinstimmenden Berichten der Ruf „Tod den Arabern“ zu hören gewesen sein.

Nach Angaben der Polizei kam es zu mehr als 60 Festnahmen in Zusammenhang mit „Randalen, Steinwürfen, Angriffen auf Polizisten und weiteren gewaltsamen Zwischenfällen auf dem Tempelberg, in der Altstadt und in Ostjerusalem“. Berichten zufolge soll es dutzende Verletzte gegeben haben.

Empörung über anti-arabische Rufe

Premierminister Naftali Bennett wies am Nachmittag laut Angaben seines Büros die Sicherheitskräfte an, „null Toleranz für Gewalt oder Provokationen extremistischer Elemente“ zu zeigen. Der Jamina-Politiker bezog sich dabei ausdrücklich auf die Gruppierung „La Familia“, eine Fangruppe des Fußballvereins „Beitar Jeruschalajim“, die in israelischen Medien als stark nationalistisch beschrieben wird. Bereits zuvor hatte Bennett die Teilnehmer dazu aufgerufen, „verantwortungs- und respektvoll zu feiern“.

Außenminister Jair Lapid (Jesch Atid) schrieb am Nachmittag bei Twitter, „La Familia“ und „Lehava“, eine weitere nationalistische Gruppe, stünden nicht für den Jerusalem-Tag. Sie seien „eine Schande, die der Freude des Volkes Israel am Jerusalem-Tag schadet“.

Zu Zusammenstößen kam es im weitern Tagesverlauf auch außerhalb der Altstadt. So berichteten Medien über Auseinandersetzungen in den Vierteln Scheich Dscharrah und Isawija. Dokumentiert wurden unter anderem Steinwürfe sowie Angriffe auf israelische Busse. Bei den verschiedenen Auseinandersetzungen soll es zu weiteren Verletzten gekommen sein.

Regierung lobt Tag als Erfolg

Der eher linke Sicherheitsminister Omer Barlev (Avoda), der sich für die Durchführung des Flaggenmarsches auf seiner üblichen Route stark gemacht hatte, erklärte, die Entscheidung sei korrekt gewesen. Wenn man den Drohungen der Terror-Organisationen nachgebe, führe das nur zu noch ernsteren Situationen. „Mit Ausnahme einiger weniger Zwischenfälle“ sei der Flaggenmarsch wie geplant von statten gegangen.

Seine Kabinettskollegin Ajelet Schaked (Jamina), ihres Zeichens Innenministerin, lobte den Tag ebenfalls als Erfolg. Sie schrieb bei Twitter: „Die Juden erhoben ihre Häupter. Mehr Flaggen, mehr Freude, mehr Souveränität und null Raketen. Ein froher Jerusalem-Tag.“ Das zielte offenbar auch auf Ex-Premier Benjamin Netanjahu (Likud), der vor einem Jahr noch im Amt war, als der Tag vollends eskalierte, und der jetzt immer wieder gegen die aus seiner Sicht zu lasche Politik seines Nachfolgers polemisiert. (Israelnetz)