Die Tage werden kürzer und kälter; bald schon werden hier Adventskerzen, dort die Chanukkahkerzen angezündet. Dann ist es Zeit für die CSI-Winterreise zu den Überlebenden des Holocaust in der Ukraine; Zeit, wieder mit der kleinen jüdischen Gemeinde in Uman an einem langen Tisch zu sitzen, Tee zu trinken und zu erzählen; Zeit, unsere jüdischen Babuschky und Deduschky wiederzusehen. Eine davon ist Olga Drusgalskaja.

Olga wurde 1939 in einer jüdischen Familie im ukrainischen Dorf Talnoje geboren.

Als mit dem Einmarsch der deutschen Truppen im Juni 1941 der Krieg auch in die Ukraine kam, wurden alle Männer wehrfähigen Alters, auch die jüdischen, zum Kriegsdienst eingezogen, so auch Olgas Vater.

„Bis zum Krieg lebte ich im ukrainischen Schtetl Talnoje mit Mama und Großmutter“, erzählt Olga, als wir sie in der jüdischen Gemeinde von Uman treffen. „Vater diente an der Front. Die Deutschen marschierten am 27. Juli 1941 in unser Dorf ein.“

Während Millionen von Flüchtlingen aus den Städten versuchten, sich samt ihren Betrieben im Osten der Sowjetunion in Sicherheit zu bringen, blieb den Menschen auf den Dörfern diese Möglichkeit zumeist verwehrt. Es dauerte nicht lange, da begannen die Mordaktionen der deutschen Besatzungsmacht.

„Am 16. August wurden alle Juden von Talnoje auf dem Platz bei der Kommandantur zusammengetrieben – Frauen, Kinder, Alte… In dieser Schlange stand auch ich mit Mama und Oma und anderen Verwandten“, berichtet Olga.

„Alle wurden in Reihen aufgestellt und zur Erschießung getrieben. Wir mussten einige Kilometer laufen. Die Gruben für uns waren schon ausgehoben. Es musste sich immer eine Gruppe entlang des Randes aufstellen. Sie wurden erschossen und fielen in die Tiefe. Dann kamen die nächsten dran. Das Territorium wurde von Deutschen bewacht, damit niemand entkommen konnte.

Mama und Oma haben sie erschossen. Ich blieb durch ein Wunder am Leben. Als es still wurde am Abend, konnten zwei Jungen im Alter von sechs und sieben Jahren, die nicht tödlich getroffen worden waren, wieder aus der Leichengrube herauskriechen. Sie sahen, dass sich noch etwas bewegte – das war ich. Sie zogen mich aus dem Leichenberg hervor.

Ich war blutverschmiert; ich war am Bein getroffen worden. Eine ganze Weile saßen wir am Rand der Grube. Dann kam eine Bauersfrau vorbei. Sie hatte einen Korb in der Hand und wollte Pilze sammeln gehen. Als sie uns sah, schickte sie die beiden Jungen fort. ‚Verschwindet schnell, dass euch die Gestapo nicht findet!‘ sagte sie ihnen. Mich legte sie anstelle der Pilze in ihren Korb.

Zuhause bekam ihr Mann einen Wutanfall. ‚Weißt du denn nicht, wo ich arbeite?!‘ rief er aus.“

Es hätte Olgas Ende sein können – der Mann arbeitete bei der örtlichen Polizei, die eng mit den Nazis kooperierte. Schließlich fand Olgas Retterin eine Bekannte, die das Kind aufnahm. Immer wieder gab es Razzien, immer wieder musste Olga woanders versteckt werden – bald auf dem Boden, bald im Keller, bald im Wald. Doch sie überlebte. Nach dem Krieg wurde Olga von ihrer Retterin adoptiert.

Später zog Olga nach Uman. Etwa 25.000 Juden, unter ihnen viele Deportierte aus dem rumänischen Besatzungsgebiet, waren 1941-43 an den Massengräbern am Rand der Stadt erschossen worden.

Heute ist die einst wegen der hier ansässigen Rüstungsindustrie gesperrte Stadt Uman besonders um das jüdische Neujahrsfest mit dem Grab von Rabbi Nachman wieder ein Magnet für chassidische Juden aus aller Welt. Die kleine örtliche jüdische Gemeinde altert und lebt ausschließlich von Spenden.

Olga wird durch eine Projektpatenschaft aus Deutschland unterstützt, um ihre Medikamente zu finanzieren; eine Krankenversicherung gibt es nicht. Noch wichtiger ist für sie der Gedanke, dass es jemanden gibt, dem sie wichtig ist.

„Es gibt drei große Attraktionen in Uman“, stellt Gemeindeleiter Oleg fest. „Das Grab des Rabbi Nachman, den Sofienpark und unsere Gemeinde! Wenn wir unsere Überlebensgeschichten mit euch teilen, weinen wir zusammen. Wenn wir das Glas heben, lachen wir zusammen. Ihr seid echte Freunde für uns!“

 

Autorin: Anemone Rüger

 

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