Es ist der 27. Januar, der Internationale Holocaustgedenktag. Alina und Igor bilden eins der Teams, die an diesem Tag im Namen von Christen an der Seite Israels vor Ort in der Ukraine unterwegs sind, um Holocaustüberlebende zu besuchen. Ihr Bus ist beladen mit Geschenktüten und Grußkarten, die die Empfänger mit einem Psalmwort daran erinnern, dass viele Christen weltweit an sie denken und für sie beten. Sogar israelische Schokolade konnte mit einigem Aufwand dafür noch in die Ukraine geliefert werden.

In Tultschin, einem ehemaligen jüdischen Schtetl südlich von Winniza, zieht sich die durch das Naziregime verursachte Blutspur des Holocaust durch jede Straße, jedes Haus, jede Familie. Mehr als 12.000 Juden wurden hier im Spätherbst 1941 mit Typhus geimpft, dann auf einen tagelangen Todesmarsch ins 40 Kilometer entfernt gelegene Lager Petschora getrieben; viele tausend folgten aus der Bukowina und Bessarabien. „Todesschlinge“ nannte man das Lager – ohne Essen, Trinken oder Unterkünfte war es speziell darauf angelegt, die Juden der Gegend zu ermorden, ohne je eine Kugel abzufeuern. Nur die Kinder konnten ab und zu bei einem gnädigeren Wachposten entkommen, um irgendwo ein paar Kartoffelschalen einzusammeln. Dann kamen sie wieder zurück – um ihren Angehörigen zu helfen.

Sura war neun Jahre alt, als sie in diese Hölle geriet, zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester. Bei der Befreiung des Lagers im Frühjahr 1944 war sie eine von wenigen hundert Überlebenden – die einzige aus ihrer Familie. Seit Jahren ist Sura ganz allein – ihr Mann starb schon vor vielen Jahren, und auch ihr Sohn, der nach Israel gegangen war, lebt nicht mehr.

„Jeder einzelne Besuch hat so viel bedeutet“, berichtet Alina. „Die Überlebenden haben unsere Fotos in der Vitrine stecken, die wir ihnen irgendwann mal mitgebracht haben. Wir sind ja für sie Familie geworden. Es zerreißt einem das Herz zu sehen, wie sie alt und zerbrechlich werden und wie schnell ihnen die Tränen kommen. Aber es sind auch Tränen der Überraschung und der Freude – dass wir sogar jetzt noch kommen, trotz aller Corona-Beschränkungen, auch wenn alles nur auf Abstand geht. Das Größte ist für sie, dass wir sie nicht vergessen haben.“

 

Autorin: Anemone Rüger

 

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