Von: Anemone Rüger, Christen an der Seite Israels

Von der moldawischen Hauptstadt Chisinau aus machen die Juden, die unser Team aus den Krisengebieten in der Ukraine evakuiert hat, Alijah nach Israel. Hier ist auch der Ausgangspunkt für meine erste Reise in die Ukraine seit einem Jahr.

Ich bin voller Erwartung und Vorfreude, als wir in der Abendsonne durch die sanften Hügel Nordmoldawiens fahren, durch die Weinberge und Apfelplantagen.

Zum ersten Mal seit Kindheitstagen passiere ich eine Landesgrenze, wo wirklich streng kontrolliert wird. Auf der anderen Seite der Grenze Richtung Czernowitz ist auf den ersten Blick alles wie immer. Nur die am Straßenrand gelagerten Panzersperren und die mit Tarnmaterial bedeckten Stellungen erinnern daran, dass in diesem goldenen Oktoberland Krieg ist.

Aber dann merkt man es doch überall an der angespannten Atmosphäre. An der Sperrstunde, auf die in allen Hotels hingewiesen wird. Die Gespräche sind kürzer, die Tränen kommen schneller. Die Nächte sind unruhig. Alle warten auf ein Wort der Hoffnung, auf ein Zeichen, dass sie in ihrer Not nicht allein sind – der 84-jährige Leonid, der erst seine Frau gepflegt hat und jetzt seinen psychisch kranken Sohn; Galina, die jeden Tag um ihren Schwiegersohn bangt, der schon ein Mal verwundet wurde und jetzt wieder an der Front ist; Igor, der fast vollständig erblindet und auf Hilfe von außen angewiesen ist.

CSI-Mitarbeiterin Anemone zu Besuch bei Leonid. Alle Fotos: CSI

Galina freut sich über das Paar handgestrickter Socken.

Zu Besuch bei Igor, der auf fremde Hilfe angewiesen ist.

Wir kaufen vor Ort im Supermarkt Lebensmittel, packen Tüten an der Kasse, bringen Blumen, die sich jetzt niemand kaufen würde; handgestrickte Socken aus Deutschland, Ermutigungskärtchen mit Jesaja 43,1; ein bisschen Zeit zum Zuhören.

David bewacht seit vielen Jahren den Eingang zum jüdischen Sozialwerk Chesed in Czernowitz. Freudig nimmt er die Tüte mit frischen Lebensmitteln entgegen. Dann wird sein Blick ernst: „Morgen ist Jom Kippur. Wir beten, dass Gott unsere Sünden vergibt. Aber genauso wollen wir beten, dass wir nahe bei Ihm sind.“ Dann schaut er mich bedeutungsvoll an: „Er ist ja immer bei uns. Aber sind wir auch bei Ihm?“

David

Nachdem ich nach einem langen Tag voller Besuche tief und fest eingeschlafen bin, wache ich nachts halb drei plötzlich auf. Ich schalte mein Handy an. Larissa in Belaja Zerkow hat soeben eine Nachricht geschickt: „Mein Stadtteil wird gerade mit Raketen beschossen! Belaja Zerkow brennt!“ Ich bete. Versuche, ihr etwas Rückendeckung zu geben. Spreche ihr Psalm 91 zu.

Als wir am Morgen in den gut besuchten Speisesaal kommen, sitzt eine Frau am weißen Flügel und spielt „What a wonderful world“ und dann ein bekanntes russisches Lied „Wenn der Krieg vorbei ist.“ Ich weine zusammen mit meinen ukrainischen Kolleginnen – mit Alina, die um ihre drei erwachsenen Kinder bangt, und mit Alisa, die drei Wochen in Mariupol ohne Versorgung im Keller gesessen hat und jetzt zu unserem Team gestoßen ist und andere tröstet.

Elik ist überwältigt, dass wir seine Geschichte in unserer Zeitung abgedruckt haben. Bella freut sich wie ein Schneekönig, dass wir über das Geröll im Hof in ihre baufällige Hütte kommen und sie besuchen. Sie gibt uns die zwei großen Wasserflaschen mit, die sie eben hochgeschleppt hat – sie muss uns unbedingt etwas schenken.

Elik ist gerührt als er sein Foto und den Artikel über ihn in unserer Zeitung „Israelaktuell“ liest.

Während wir die Bedürftigen besuchen, ist Koen mit seinem Team wieder und wieder nach Osten in das schwer von Raketen zerstörten Saporosche unterwegs. Auf dem Hinweg hat er hunderte Lebensmittepakete geladen. Auf dem Rückweg besteht seine kostbare Fracht aus Angehörigen der jüdischen Gemeinde, die in Sicherheit gebracht werden.

Dank Spenden konnte CSI hunderte Lebensmitteltüten packen und an Bedürftige verteilen.

 

CSI-Mitarbeiter bringen Lebensmittel in das schwer bombardierte Saporosche und evakuieren Angehörige der jüdischen Gemeinde.

„Hattest du denn keine Angst, in dieser schweren Zeit hierher zu kommen?“ fragen die Senioren, die wir in der jüdischen Gemeinde in Czernowitz mit frischem Gebäck bewirten dürfen. „Ich habe meine Freunde gebeten, für mich zu beten“, entgegne ich ihnen. Und so gehen Dutzende Segenswünsche wieder nach Deutschland zurück – zu den vielen Paten und Unterstützern, die unsere Arbeit vor Ort mit ihrem Gebet und ihrer Spende möglich machen.