Terror, Angst und psychischer Stress – Israelis, die an der Grenze zum Gazastreifen leben, haben es oft nicht leicht. Einer, der durch Raketenterror einen Freund und zwischenzeitlich seine Gesundheit, nicht aber seinen Optimismus, verloren hat, ist Yankele.

Yankele mit seiner Frau Orith und CSI-Mitarbeiterin Delly Hezel. Foto: privat

Von: Delly Hezel

Als mir Yankele seine Geschichte erzählt, komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Dabei dachte ich, ich weiß schon so viel über ihn. Yankele ist einer meiner ganz besonderen Freunde in Israel und das liegt nicht nur an der Linsensuppe, die er immer wieder für mich kocht. Diese Freundschaft gehört zu einer der Kostbarkeiten, die ich im Land erlebe und nicht mehr missen möchte.

Wie alles begann

Avischai, Yankeles Sohn, war im Jahr 2012 im Rahmen des Terror- Opfer-Hilfsprogramms von Christen an der Seite Israels zusammen mit seinem Freund Schai Gast in meiner Familie. Als er sich nach dem Aufenthalt in Deutschland verabschiedete war klar, dass wir ihn bald im Kibbutz Kfar Aza, im Süden Israels, besuchen würden. Wir wollten gerne seine ganze Mischpoche (Familie) kennenlernen.

Zum erstem Mal gesehen habe ich Yankele jedoch auf einem Fotomagneten an seinem Kühlschrank in seiner Küche, während er mit seiner Familie in Eilat und ich in seinem Haus Urlaub machte. Und das zeigt schon ziemlich genau, wie er tickt. Obwohl er mich nicht kannte, überließ er mir für mehrere Tage sein Haus. Es war das erste Mal für mich, so nahe am Gazastreifen zu wohnen. Bis zur Grenze sind es nur etwa zwei Kilometer. Meine Nächte verbrachte ich im Schutzraum. Für mich war es unfassbar, dass sich das Leben an diesem paradiesischen Fleckchen Erde innerhalb von Sekunden zur Hölle verwandeln konnte.

Yankele lebt schon seit 1977 hier, zusammen mit seiner Frau Orith. Als die beiden an diesen Ort zogen, war die Gegend noch friedlich. Zum Einkaufen fuhren sie wie viele Israelis auf den Markt nach Gaza. Auch ihre Fahrräder ließen sie preiswert im Gazastreifen reparieren.

Nach Israels Abzug aus dem Gazastreifen änderte sich alles

Doch die Situation änderte sich als der damalige Palästinenserführer Jasser Arafat immer mehr Macht erlangte. Der palästinensische Terror wurde verstärkt, es gab Selbstmordanschläge, 1987 die erste sogenannte palästinensische Intifada. Anfang der 1990er Jahre errichtete Israel einen Sicherheitszaun an der Grenze zum Gazastreifen. Für Juden waren Besuche in dem Küstenstreifen längst zu gefährlich geworden.

Mehr als 40 Jahre lebt Yankele mit seiner Familie nun schon an der Grenze zum Gazastreifen. Hier ist das Zuhause seiner vier Kinder. Als nach dem einseitigen Abzug Israels aus dem Gazastreifen die radikal-islamische Hamas 2007 die Macht in dem Gebiet übernahm, wurde der Süden Israels das Ziel Zehntausender palästinensischer Raketenangriffe. Als der Raketenbeschuss begann, glaubten Yankele und seine Familie nicht, dass es auch sie treffen könnte. Zu klein und unbedeutend schien ihr Kibbutz. Die Ziele der Hamas waren die größeren Städte wie Sderot, Aschkelon oder Aschdod. Bis zu diesem Freitagabend im Mai 2008.

Yankele stand mit seinem Freund und Nachbarn Jimmy im Garten. Sie verabschiedeten sich gerade für den beginnenden Schabbat, um mit ihren Familien in den Häusern die Feier zu begehen. Die wenigen Sekunden ab dem Raketenalarm reichten nicht aus, um Schutz zu suchen. Schutzräume gab es bis dahin noch nicht. Dieser Moment, als Jimmy direkt von einer Rakete getroffen wurde, hat sich tief in Yankeles Seele eingegraben. Noch heute hat er die Bilder vor Augen und den Geruch in der Nase, nach diesem letzten Schabbat Schalom, den sie sich eben gewünscht hatten. Jimmy war der treffsichere Held des Kibbutz‘. Die Kinder liebten ihn. Er war Fallschirmspringer und Europasieger im Punktlanden. Jetzt hatte es ihn getroffen!

Ein Wunder: Tochter Schir überlebt Raketenbeschuss

Bei einem Raketenbeschuss im Dezember 2008 wurde dann das Haus von Yankeles Familie getroffen. Ein Stein vom Haus löste sich und wurde aufgrund der Wucht der Explosion durch das Dach direkt auf das Bett der elfjährigen Tochter Schir geschleudert. Durch ein Wunder wurde das Mädchen bewahrt: Schir hatte sich in dieser Nacht im Bett gedreht und schlief mit ihrem Kopf am Fußende. An der Kopfseite lag der Stein. 2012 traf es dann das Haus ihrer Tochter Lital, die sich mit ihren drei Mädchen gerade noch in den Schutzraum retten konnte. Während des Gaza-Krieges 2014 wurde die kleine Wohnung beschädigt, in der Schir inzwischen lebte. Leben mit einem Trauma

Im Jahr 2016 war dann alles zu viel. Es ging ganz plötzlich. Nie hatte Yankele gedacht, dass es ihn einmal treffen könnte. Doch die zahlreichen belastenden Ereignisse führten zu einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Ein halbes Jahr lang konnte Yankele sein Bett kaum verlassen. Er verlor seine Arbeit. Er verlor sehr viel Geld. Er verlor (fast) seine Hoffnung. Yankele hatte einen kleinen eigenen Zoo. Er half Kindern, durch den Umgang mit Tieren ihre Ängste zu überwinden. Er war in weiten Teilen Israels bekannt und trainierte und lehrte auch Therapeuten im Umgang mit Tieren. Jetzt war es ihm nicht mehr möglich, seine Tiere zu versorgen und sie mussten alle verkauft werden, was ein großer zusätzlicher Schmerz für ihn war.

Doch Yankele hat es geschafft, das Trauma zu überwinden. Und er konnte seiner Tochter Lital eine große Stütze sein, als sie später für anderthalb Jahre in einer PTBS versank und es ihr nicht mehr möglich war, ihre Kinder zu versorgen. Inzwischen geht es allen wieder gut. Yankele und Orith genießen die Zeit mit ihren vier Kindern mitsamt den sieben Enkeln. Yankele hat seinen Optimismus nicht verloren. Noch immer liebt er das Leben und heißt uns, selbst wenn wir mit einem Reisebus voller Urlauber ankommen, in seinem Haus willkommen.

„Schma Israel“ – „Höre Israel“

Wohl einer meiner bewegendsten Momente in Israel war der, als Yankele mir eine Kette schenkte, mit dem „Schma Israel“ – dem Gebet „Höre Israel“. Es ist ein Erbstück seiner Familie über mehrere Generationen hinweg. Orith hatte sie von ihrer Schwiegermutter bekommen, aber nie getragen. Sie wollte, dass ich sie bekomme, obwohl sie selbst drei Töchter hat. Für mich war es, als würde ich in diese Familie aufgenommen. Für sie ist es ein Privileg, dass ich sie trage. Ich konnte es kaum fassen. Das „Schma Israel“ drückt die innigste Identität des jüdischen Volkes aus. Jeder gläubige Jude betet es dreimal am Tag: „Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein!“ (5. Mose 6,4).

Besonderes Familienerbstück: Eine Kette mit dem Gebet „Schma Israel“. Foto: privat

Die Autorin: Als CSI-Mitarbeiterin im Team „Humanitäre Dienste“ pflegt Delly Hezel enge Kontakte zu Verantwortlichen und Betroffenen in unseren Hilfsprojekten in Israel.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 126. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen: https://csi-aktuell.de/israelaktuell. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.