Chanukka zum Ersten Advent – bei Holocaust-Überlebenden in Odessa

Chanukka zum Ersten Advent – bei Holocaust-Überlebenden in Odessa

CSI hat 20 Holocaust-Überlebende in Odessa zu einer Chanukka-Feier eingeladen – hier beim Essen im sicheren Kellergeschoss eines Hotels. Alle Fotos: CSI

Viele Hindernisse gibt es zu überwinden, um im Winter nach Odessa zu gelangen. Tagelang ist der Grenzübergang von Moldawien Richtung Odessa in der Ukraine wegen Schneeverwehungen geschlossen. Der Krieg lässt alles nur mit Vorbehalt planen. Doch der Einsatz lohnt sich – für eine Chanukka-Feier mit Holocaust-Überlebenden, die in der Schwarzmeerstadt auf uns warten.

Kurz vor meinem Abflug nach Osteuropa war der moldawische Grenzübergang Palanca Richtung Odessa noch wegen Eis und Schnee geschlossen. Heute hängt nur noch der Nebel zwischen den sanften Hügeln Südmoldawiens; hier und da schimmert ein weißer Streifen auf den Feldern.

Ein freundlicher Fahrer unserer Partnerorganisation Esra erweist uns Amtshilfe und bringt meine ukrainische Kollegin Alina und mich in zwei Stunden bis zur Grenze. Unser nächstes Gebet ist, dass wir den Grenzübergang – zum ersten Mal zu Fuß – ohne Schwierigkeiten passieren können. Unser ukrainischer Fahrer Kolja darf die Ukraine aufgrund des Mobilmachungsgesetzes nicht verlassen und wartet auf der anderen Seite. Dann entwickelt sich noch ein anderes Szenario. „In der ganzen Ukraine ist gerade Luftalarm“, erklärt Alina. „Wer weiß, ob sie uns überhaupt hereinlassen. Wenn es schlecht läuft, lassen sie uns drei, vier Stunden an der Grenze stehen, bis Entwarnung kommt.“

Abenteuerliche Anfahrt

In 20 Minuten sind wir auf der ukrainischen Seite. Doch anstelle von Kolja erblicken wir hinter der Grenzabfertigung eine unübersehbar lange Schlange von Fahrzeugen. Die LKW stehen seit Tagen, erfahren wir. Wir sind zunächst nicht sonderlich besorgt, denn Kolja will ja die Grenze nicht passieren. Erst nach vielen Telefonaten und Verhandlungen mit den Grenzern erfahren wir, dass dem Grenzübergang eine sechs Kilometer lange Sicherheitszone vorgelagert ist, die Kolja schon nicht mehr passieren darf. Laufen ist auf der Straße verboten. Taxen dürfen die Zone nicht befahren. Wie die Weiterfahrt dann funktionieren soll, darüber hat sich bei den Behörden wohl niemand Gedanken gemacht.

Ein Auto nach dem anderen fährt vorbei. Niemand will uns mitnehmen. Plötzlich hält doch noch ein Bus und wenige Minuten später sind wir mit der zweiten Hälfte unseres Teams vereint, die auf der ukrainischen Seite schon seit Stunden auf uns wartet. Inzwischen haben wir im Hotel eingecheckt, im Restaurant „Schalom“ – einem kulinarischen Stück Israel in Odessa – zu Abend gegessen, Pralinen und Deko für den morgigen Tag eingekauft und den fast schon obligatorischen Luftalarm um 23 Uhr über uns ergehen lassen.

Erster Advent einmal ganz anders

Obwohl es keinen Adventskranz, keine Pyramiden und keinen Schwibbogen gibt, habe ich den Ersten Advent vielleicht noch nie so schön und nah an Gottes Herz gefeiert. „Dein König kommt zu dir“ steht als Losung über diesem Tag – für 20 Holocaust-Überlebende, die Roman Schwarzman, Leiter des Verbandes der Überlebenden in Odessa, in unserem Auftrag eingeladen hat.

Dementsprechend ist auch die Atmosphäre von Vorfreude erfüllt. Dass während unseres Treffens wieder Luftalarm war, erfahre ich erst hinterher. Wir sind auf jeden Fall mit unseren Gästen am richtigen Ort: im Kellergeschoss des Hotels, das gleichzeitig als Sicherheitsraum und Restaurant dient. In verschiedenen Geschäften haben wir uns die Deko zusammengesucht; nun ist der Tisch festlich gedeckt, die lang gesuchten Blumen in der Vase, die Kerzen in den Gläsern, die Musik am Laufen.

Einige der Überlebenden kommen schon vor der Tür strahlend auf uns zu: Viktor Franzewitsch, mit dem wir erst im Oktober zusammengesessen und nach seiner schweren Geschichte Tee aus Goldrandtassen getrunken hatten; und Malwina, die wir mit unserem Besuch im Oktober hatten trösten können, nachdem ihre Tochter gerade gestorben war.

Viktor Franzewitsch hat als kleiner Junge den Holocaust in Odessa überlebt. Nun ist er verwitwet. Der Verband der Überlebenden ist seine Familie.

„Das hier sind unsere lieben, unsere sehr lieben Freunde“, stellt Herr Markowitsch uns vor. „Sie helfen uns so! Christen an der Seite Israels ist eine Organisation, die in der ganzen jüdischen Welt bekannt ist.“ Alle lauschen gespannt, als wir ihnen erzählen, wo wir herkommen und wie gern wir mit ihnen etwas Zeit verbringen. Es gibt gar kein Eis zu brechen. Die Herzen sind so offen; wir sitzen zusammen wie bei einer Familienfeier. Als der erste Gang aufgetragen wird, verteilen wir uns und setzen uns der Reihe nach zu unseren Gästen.

Juri: Mit dem Bruder überlebt

„Ich war hier im KZ“, sagt Juri gleich zur Einleitung. Er ist Romans Stellvertreter und macht einen rüstigen Eindruck. „Wir haben hier im Stadtzentrum gewohnt, Ecke Deribas / Jekaterinenstraße. Dann haben sie uns abgeholt und auf die Polizeistation gebracht – meine Mutter Schifra, meinen Bruder Anatoly und mich. Dort hat ein Beamter mich aus Mamas Armen gerissen. Sie hat aufgeschrien und die Hände nach mir ausgestreckt. Da haben sie Mama erschossen.“

Juri hat eine so liebe Ausstrahlung und unterhält sich so entspannt mit mir, als hätte er ein ganz normales Leben gehabt. Er kam mit seinem fünfjährigen großen Bruder ins Lager Slobodjanka. „Dort wurden immer Gruppen von 5000 Juden zusammengetrieben, in Waggons gepfercht und im Lager Domanowka erschossen. Schließlich standen wir auch in der Schlange. Im letzten Moment hat irgendjemand mich und meinen Bruder in die Menge der Schaulustigen geschoben. So sind wir gerettet worden – von Familie zu Familie, die uns bei sich versteckt haben.“

Juri, hier im Gespräch mit CSI-Mitarbeiterin Anemone Rüger, hat den Holocaust als Kleinkind mit seinem fünfjährigen Bruder zusammen überlebt.

Lange wusste der Vater nichts von seinen beiden Jungen. „Papa war Russe“, erzähl Juri. „Die Deutschen haben ihn – wie viele andere – zum Ausheben von Schützengräben eingesetzt. Dann haben sie herausgefunden, dass er vielen Juden das Leben gerettet hat, indem er falsche Pässe ausgestellt hat. Dafür haben sie ihn zu fünf Jahren Strafarbeit verurteilt. Aus Mamas Familie sind 13 Personen in Odessa lebendig verbrannt worden.“

Anna: Mit der Mutter im KZ Domanowka

uri tauscht den Platz mit seiner Nachbarin Anna, damit ich mich mit ihr unterhalten kann. „Maria Abramowna hieß meine Mutter“, beginnt Anna. Ihren Vater übergeht sie zunächst. „Mama war mit mir schwanger, als der Krieg begann. Und sie hatte schon meine zwei Brüder. Sie hat es nicht geschafft, mit den Kindern zu fliehen. Opa konnte mit Mamas Schwestern nach Taschkent fliehen; Oma war schon ganz früh gestorben. Mama kam mit den Kindern ins Gefängnis von Odessa. Dort bin ich geboren.“ Auch Anna erzählt mit einem Lächeln, als würde sie eine ganz normale Begebenheit mit mir teilen.

„Dann sind wir ins KZ Domanowka gekommen, ein Stück entfernt von Odessa. In Odessa waren die Rumänen, dort waren die Deutschen. Aber dort ging es uns besser. Mama konnte Rumänisch und Deutsch. Sie hat dort als Übersetzerin gearbeitet. Dort gab es einen anständigen Deutschen, der hat ihr geholfen. Mama hatte nur noch Lumpen an. Er hat ihr ein Stück Stoff gegeben, von einer alten Uniform oder so, damit sie sich etwas nähen konnte. Es ergab sich so, dass das deutsche Wappen auf dem Hintern landete. Als dieser Aufseher auf Urlaub war, wollte sein Stellvertreter uns alle erschießen. Aber dann kam dieser Deutsche noch im richtigen Moment zurück und hat uns das Leben gerettet.“

Mit ihrem Vater hatte Anna es nach dem Krieg nicht viel leichter als im Lager. „Er war an der Front gewesen den ganzen Krieg. Er war ein Sadist. Er hat mich manchmal halbtotgeschlagen. Einmal hat er eine Axt nach mir geworfen. Siehst du die Narbe hier in meinem Gesicht?“

Anna hat das KZ Domanowka bei Odessa mit ihrer Mutter überlebt.

Anna ist verwitwet; Kinder hat sie keine. Und doch liegt ein warmes Lächeln auf ihrem Gesicht – keine Spur von Bitterkeit. „Meine Schwester lebt in Israel mit ihrer Familie. Aber ich möchte nicht weg von hier. Die Überlebenden, die jüdische Gemeinden hier – das ist meine Familie.“

So gehen wir von Gast zu Gast, von Geschichte zu Geschichte, während Suppe und Salat, Kaffee und Kuchen aufgetragen werden. „Ich bin so glücklich, euch wiederzusehen!“, sagt Malwina. „Euer Foto steht bei mir in der Vitrine. Ich schaue es jeden Tag an und bete für euch.“

Wieder berühren die Waffelherzen Menschenherzen, und die Geschenktüten mit den hübsch angezogenen Wärmflaschen bringen die Gäste zum Strahlen. Ungefähr die Hälfte seiner Kontakteliste, so um die 100 Überlebende, seien noch fit genug für so ein Treffen, sagt Roman. Also können wir die nächsten vier, fünf Veranstaltungen schon einmal planen.

Helfen Sie uns, den Holocaust-Überlebenden und bedürftigen jüdischen Senioren zu zeigen, dass sie Freunde in Deutschland haben! Hier können Sie eine Patenschaft abschließen. Alternativ können Sie den Überlebenden auch mit einer Einmalspende helfen, Spendenzweck: „Holocaust-Überlebende Ukraine“. Vielen Dank!

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