Der Krieg trieb sie zur Auswan-derung: Ukrainische Senioren finden Heimat in Israel

Der Krieg trieb sie zur Auswan-
derung: Ukrainische Senioren finden Heimat in Israel

Die ukrainischen Auswanderer Anatoly mit seiner Frau Maja, Tochter Ludmila (l.) und CSI-Mitarbeiterin Anemone (r). Alle Fotos: CSI

Tausende jüdische Senioren sind seit Beginn des Krieges in der Ukraine nach Israel geflohen. Sie hatten nie geplant, in das Land ihrer Vorväter einzuwandern. Die Ukraine war ihre Heimat, hier fühlten sie sich wohl. Als Christen an der Seite Israels haben wir die Einwanderung der ukrainischen Juden nach Israel unterstützt. Nun wollen wir wissen, wie es den Senioren geht. Wie kommen sie in Israel zurecht, dem Land, in dem ihre jüdischen Wurzeln liegen und das sie mit offenen Armen empfängt, das ihnen aber auch fremd ist? Unsere Mitarbeiterinnen Anemone aus Deutschland und Alina aus der Ukraine haben im Februar mehrere Neueinwanderer in Israel besucht.

Es ist Anemonenzeit. Israel beginnt wieder, sich von seiner schönsten Seite zu zeigen. Für viele Senioren aus unserem Patenschaftsprogramm ist es jetzt ein Jahr her, dass sie vor dem Krieg in der Ukraine nach Israel geflohen sind. Einige tun sich schwer mit der fremden Umgebung und sehnen sich zurück. Andere sind froh, den großen Schritt gewagt zu haben.

Wir kämpfen uns mit dem Mietwagen die galiläischen Hügelketten nach oben. Grüne Felder und Bananenplantagen säumen die Landstraße. Dann erhebt sich eine Bergkette wie eine Wand – die libanesische Grenze. Und schon biegen wir nach Shlomi ein.

Anatoly und Maja – Familienzusammenführung in Israel

Hier wohnt seit gut 20 Jahren Ludmila mit ihrer Familie. Vergangenes Jahr hat sie ihre Eltern Anatoly und Maja mit Hilfe von Christen an der Seite Israels aus dem ukrainischen Dnepropetrowsk zu sich nach Israel geholt. Das letzte Stück des Weges über die Grenze konnte CSI-Teamleiter Koen persönlich mit anpacken. (Wir berichteten in „Israelaktuell“, Ausgabe 129 | 2. Quartal 2022).

Ludmila erzählt, wie sie den Vater nach seinem komplizierten Hüftbruch in der Ukraine lange pflegte, bei Kriegsausbruch für die Evakuierung ihrer kaum mobilen Eltern kämpfte, und wie diese ihr dann mit ernster Miene erklärten: „Ludmila, wir haben die Sache besprochen: Wir bleiben hier!“ Heute sind sie ihrer Tochter unendlich dankbar, dass sie sich auf keinerlei Diskussionen einließ – sie hatte schon alles gepackt. Über Rumänien konnte sie ihre Eltern schließlich nach Israel bringen.

Anatoly, gestützt von CSI-Teamleiter Koen (l.), und Tochter Ludmila an der ukrainisch-moldawischen Grenze.

Anatoly resümiert: „Wir hatten Glück im Unglück. Durch diesen schlimmen Krieg ist unsere Familie wiedervereinigt worden!“ Seine Krücken hat er schon lange abgelegt. Die beiden Senioren sind angekommen – umgeben von Kindern, Enkeln und Urenkeln.

Dima – ein bisschen Odessa im Heiligen Land

Eigentlich wollen wir mit Dima in Haifa ausgehen. Doch nun lädt er uns ein, in seiner winzigen Wohnung „einen kleinen Imbiss“ einzunehmen; er habe etwas vorbereitet.

Dima hat für seine Besucherinnen Anemone und Alina (l.) gekocht.

Nebenan wohnt sein Sohn; die Wohnung wurde vor einem Jahr frei, gerade als Dima die Gelegenheit zur Flucht aus Odessa ergriff. Der „kleine Imbiss“ stellt sich heraus als ein großer Topf Plow (Reis mit Hühnchen), ein wie mit dem Lineal geschnittener grünen Salat, Forschmak „nach dem Rezept, wie es meine Familie immer gemacht hat“, dazu frisches Fladenbrot. Ich frage ihn, wo er so gut kochen gelernt hat; vielleicht von der Großmutter? Falsche Frage: „Ich habe nie eine Großmutter, nie einen Großvater gekannt… Das Kochen habe ich gelernt, als meine Frau krank wurde. Ich habe sie lange gepflegt. Und jemand musste ja kochen. Also habe ich es mir selber beigebracht.“

Es tut so gut, sich an Dimas schlichten Küchentisch zu setzen. Gerade kommen wir von einer Familie, die ihr bisheriges Zuhause in der Ukraine so schlimm vermisst, dass sie zurückgehen möchte. Dima stellt sich diese Frage gar nicht. Er hat so lange für seine Ausreise nach Israel gebetet, dass er nicht zurückschaut, auch wenn er seine Heimatstadt Odessa sehr vermisst.

Wenn Dima vor dem Essen betet und unsere Gemeinschaft segnet, ist es ein Stück wie nach Hause kommen – bei Gottes Volk, das selbst gerade erst nach Hause gekommen ist. Dann lässt sich Dima doch noch einladen: Er isst so gerne Eis. Also gibt es einen Eisbecher bei Golda, der beliebtesten israelischen Eiscafé-Kette. Es wärmt einem das Herz zu sehen, wie Dima sein Dessert genießt.

Dima und Alina beim Strandspaziergang am Mittelmeer in Haifa.

Dann fahren wir mit ihm zur Strandpromenade, gerade beginnt die Sonne unterzugehen. „Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal am Meer war“, sagt Dima. Der Strandspaziergang tut ihm gut. Es ist ein Stück Odessa für ihn – im Heiligen Land.

Ljowa: „Ein Ausblick wie in Italien“

Ljowa hat als Kind den Holocaust auf dramatische Weise überlebt. Oft haben wir ihn in den letzten Jahren mit unseren Reisegruppen in Uman besucht. Doch als in seiner Nachbarschaft eine Rakete einschlug, zog er die Konsequenzen: „Ich habe schon einen Krieg überlebt, und ich weiß, wann man besser verschwindet.“ Im Oktober konnte ich ihn auf halber Strecke im moldawischen Chisinau treffen, als er reisefertig auf sein Visum für Israel wartete. Und nun hat er eine kleine Wohnung in einer schon etwas in die Jahre gekommenen Hochhaus-Einrichtung für betreutes Wohnen gefunden.

„Schaut mal aus dem Fenster – ein Ausblick wie in Italien“, ruft er uns zu, während er uns den Kaffee kocht. „Schaut euch um bei mir – ich habe alles, was ich brauche – was will man mehr!“ Seine Nichte hat ihm geholfen, mit dem israelischen Startgeld die Wohnung einzurichten.

Ljowa in seiner neuen Wohnung in Haifa mit CSI-Mitarbeiterin Anemone.

Auf dem Tisch stehen Kaffee, Tee, Cola und süße Stückchen, die Ljowa extra gekauft hat. Alles hat seine Ordnung. Und Ljowa liebt es, ein Publikum zu haben – mit seinen fast 90 Jahren hat er ein brillantes Gedächtnis. Er ist ein bisschen Philosoph, politischer Kommentator, Zeitzeuge – man kann ihm stundenlang zuhören. Dabei prüft er regelmäßig, ob er seine Gäste nicht zu lange aufhält.

Als er erfährt, dass kein Fahrer, sondern nur ein selbst zu fahrender Mietwagen unten auf uns wartet, schlägt er die Hände über dem Kopf zusammen. „Bei den verrückten Fahrern hier! Und bei den engen Straßen!“ Dann überprüft er die Lage. „Geht euer Licht? Habt ihr genug Benzin? Hier – falls ihr müde werdet, esst von der Bitterschokolade, das hilft!“

Margarita: „Ihr habt das alles so gut gemacht!“

In einer winzigen, ziemlich vollgestopften Wohnung in Bat Jam bei Tel Aviv treffen wir Margarita aus Saporosche an. Nach ihrer Flucht aus der Ukraine hat sie in der ohnehin kleinen Wohnung ihrer Tochter, die seit fünf Jahren hier ist, einen Platz auf dem Sofa bezogen. Ich kenne Margarita bisher nur von einem Foto aus den ersten Kriegswochen, das sie neben Alina in unserem Evakuierungsbus nach Moldawien zeigt. Nun erlebt sie ihr erstes Jahr in Israel – in einfachsten Verhältnissen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich die Möglichkeit haben werde, euch meine Dankbarkeit persönlich zum Ausdruck zu bringen!“

Margarita (r.) mit Alina im Frühjahr 2022 im CSI-Evakuierungsbus …

Das sind ihre ersten Worte, als sie uns beide umarmt. Margarita macht uns Kaffee mit Sahne. Die mitgebrachten Erdbeeren stellt sie als Schmuck auf den Tisch. Als Tisch dient ein Hocker, als Tischdecke ein paar Küchentücher. „Wie ihr uns aus Saporosche herausgeholt habt! … Und über die Grenze gebracht … uns zu Essen gegeben … uns untergebracht … Ihr habt das alles so gut gemacht! Und wir haben das umsonst bekommen! Die perfekte Logistik – einschließlich meiner Katze, die ich mit evakuiert habe! Vielen, vielen Dank! Vor dem Krieg habt ihr mich noch in Saporosche besucht, und jetzt auch in Bat Jam! Das hätte ich nie gedacht! Ich hatte so Angst. Aber jetzt ist alles so gut geworden. Danke!“

… und mit Anemone in ihrer Wohnung in Bat Jam.

Ludmila: „Das hier ist mein Land!“

Auch Ludmila in Jerusalem bekommt einen Strauß Anemonen. Wenn ihr einjähriges Extra-Wohngeld für die Neueinwanderer aus den ukrainischen Kriegsgebieten demnächst ausläuft, muss sie in eine Sozialwohnung umziehen. Aber noch genießt sie ihr winziges, überteuertes Studio an der Ben-Jehuda-Straße, mitten in der Jerusalemer Falafel-Meile. Heute wollen wir einen Ausflug mit ihr machen.
Als wir schon 20 Minuten durch den Jerusalemer Verkehr gefahren sind, sagt Ludmila: „Die Ecke kenne ich doch. Hier ist die Endhaltestelle von der Straßenbahn, und dann nehme ich immer den Bus bis zu meinem Ulpan. Drei mal die Woche. Halb neun früh geht’s los.“ Wir staunen, wie sich Ludmila in dem für sie ganz fremden Land zurechtfindet, mit etwas Unterstützung von der Enkelin in der Nachbarschaft. „Wenn ich etwas nicht weiß, dann frage ich. Meistens findet sich jemand, der mir auf Russisch weiterhilft.“

In dem Freiluftmuseum „Mini Israel“ können wir Ludmila an einem Nachmittag das ganze Land zeigen: einen Egged-Busbahnhof, den Hafen von Haifa, die Kreuzfahrerstadt Akko, den Berg Hermon und die Golanhöhen, die Altstadt von Jerusalem, die Knesset, die Wüste mit der Felsenfestung Massada und die Wolkenkratzer von Tel Aviv.

Sie vermisse ihre ukrainische Heimatstadt schon, sagt Ludmila. „Ich dachte erst, ich komme für ein paar Monate hierher. Jetzt ist fast ein Jahr vorbei, und ich spüre schon: Ich gehe nirgends mehr hin. Das hier ist mein Land.“

Immer wieder weist sie auf etwas hin, was sie besonders schön findet. Wie klug die Israelis sind, dass sie sich die komplizierten Straßensysteme in Jerusalem ausgedacht haben. Wie schön sie alles bepflanzen. Wie hilfsbereit die Menschen sind, wenn sie in einen Bus einsteigt.

Ludmila (r.) mit CSI-Mitarbeiterin Alina im Freiluftmuseum „Little Israel“ bei Latrun …

In Ein Kerem blühen schon die ersten Mandelbäume. Wir laden Ludmila zum Essen ein. Auch den Geburtstag ihrer Enkelin haben sie kürzlich zusammen in einem Restaurant gefeiert. „So viel, wie ich das letzte Jahr ausgegangen bin, bin ich mein ganzes Leben nicht ausgegangen“, sagt die bescheidene Ludmila.

… und in ihrer Jerusalemer Wohnung. Alle Fotos: CSI

Diese zerbrechliche Person hat eine enorme Kraftquelle gefunden, um sich hier wohlzufühlen: Sie hat sich entschieden, Israel zu lieben und zu ihrer neuen Heimat zu machen.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 132. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

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