Die Übriggebliebenen: Besuch bei einsamen jüdischen Senioren in Moldawien

Die Übriggebliebenen: Besuch bei einsamen jüdischen Senioren in Moldawien

Moldawien gilt als das ärmste Land Europas. Es gibt kaum Arbeit, viele sind ausgewandert. Alle Fotos: CSI

Während unser Team weiterhin Juden aus der kriegsgeschüttelten Ukraine via Chișinău auf dem Weg nach Israel begleitet, warten auch in Moldawien selbst viele vereinsamte jüdische Seelen auf ein gutes Wort, einen Strahl Hoffnung. Wann immer die Sicherheitslage es zulässt, ist unsere Mitarbeiterin Anemone Rüger mit den ukrainischen Kollegen vor Ort unterwegs, um Bedürftige zu finden und ihnen ein Stück Liebe von Christen an der Seite Israels (CSI) zu bringen.

Das Erste, was man von Moldawien aus dem Flugzeug sieht, sind Weinberge. Die bebauten Flächen erstrecken sich fast bis zum Terminal des Mini-Flughafens von Chişinău. Es gibt etwas in Osteuropa, das man vermisst, sobald man längere Zeit weg ist. Etwas in den schwach beleuchteten Häuslein aus einem längst vergangenen Schtetl-Jahrhundert; etwas in den unverfälschten Seelen der Betagten, für das es im Russischen einen Ausdruck gibt: „zu Tränen vertraut“.

Unbewusst bin ich in Osteuropa immer auf Schatzsuche: ein Haus, einen Schriftzug zu finden, Zeugen einer untergegangenen Welt. Wenn es noch bedeutende jüdische Spuren in Europa gibt, dann hier. Und nicht nur Spuren – Menschen! Einsame, die übriggeblieben sind wie ein einzelnes Blatt an einem Baum. Und doch – sie sind noch da … und warten, dass jemand gute Nachricht bringt.

Auch in Moldawien warten viele einsame jüdische Senioren auf einen Besuch. Alle Fotos: CSI

So eine Geschichte wie die von Nikolai sollte es gar nicht geben. Ich verstehe sie nicht. Ich weiß nur, dass die Begegnung mit ihm jeden Kilometer der dreistündigen Fahrt wert war. Nikolai wusste lange gar nicht, dass er jüdische Wurzeln hat. Er wusste nur, dass er seine Kindheit meist mit jüdischen Jungs verbracht hatte. Doch das war in seinem Heimatort, einem Dorf bei Belz, nichts Ungewöhnliches, denn dort gab es auch nach dem Krieg mehr Juden als andere Nationalitäten. Die Großmutter hat es ihm erzählt, auf ihrem Sterbebett: „Nur dass du es weißt – deine Mutter ist Jüdin.“

Die Geschichte, die es nicht geben dürfte

Nikolai heiratete ein jüdisches Mädchen, studierte Musik und wurde Dirigent. Ja, in Magdeburg sei er mit seinem Ensemble auch gewesen, damals noch zu DDR-Zeiten, und in Leipzig, erzählt er stolz. Dann wurde er zu Aufräumarbeiten nach dem Reaktor-Unglück in Tschernobyl geschickt. Mitte der 1990er sei eine ganze Reihe seiner Kollegen von damals gestorben. Er hat die gesundheitlichen Folgen relativ gut gemeistert, bis auf den Hautkrebs.

Vor zwei Jahren war er so weit, dass er mit seiner Frau nach Israel einwandern, Alijah machen wollte. Alle Papiere für ihr neues Leben in Israel lagen bereit. Die Tochter, die schon 15 Jahre in Israel lebte, kam mit einem der wenigen Flugzeuge, die zwischen den Wellen der Covid-Pandemie flogen, um ihren Eltern bei der Ausreise zu helfen. Einen Tag nach ihrer Ankunft ging es ihr nicht gut. Sie hatte sich im Flugzeug angesteckt. Innerhalb von einer Woche beerdigte Nikolai erst seine Frau, dann seine Tochter. „Wir dachten nicht, dass er es überlebt“, sagt uns ein Mitarbeiter aus der jüdischen Gemeinde.

Nikolai hat innerhalb einer Woche Frau und Tochter verloren.

Ein kleines Stück Liebe

Jetzt sitzt Nikolai vor uns und teilt seine Geschichte mit uns. Wir geben ihm das Bescheidene, das wir dabeihaben: eine frische Lebensmitteltüte, eine Spezialanfertigung Pralinen von meiner Mutter. Die Grüße der Beter und Freunde aus Deutschland. Ein Jesaja-43-Kärtchen. Herzen voll Liebe. Erzählen, warum wir da sind und wie meine Eltern noch zu DDR-Zeiten täglich für Israel beteten. „So viele Geschenke – das habe ich nicht erwartet!“, ist Nikolais Reaktion. „Meine Freunde sind alle schon weg“, sagt Nikolai. „Viele von ihnen sind auch Musiker. Einer von ihnen ist ein herausragender Geiger, der hat jetzt sein eigenes Orchester in Haifa. Ich habe keine Kraft mehr zu gehen. Aber ich bin euch so dankbar, dass ihr euch Zeit für mich nehmt. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was euer Besuch für mich bedeutet.“ Zum Abschied drückt Nikolai mir noch mal die Hand. „Du bist mir auf Anhieb ein Freund geworden. Du hast von deinem Herzen gesprochen, das habe ich gemerkt. Und ich habe deine Worte von Herzen angenommen.“

Lubow: Ein Wiedersehen zum 101. Geburtstag

Wir fahren durch sattgrüne Felder, weiß umrahmt von blühenden Obstbäumen. Die Sonne fällt durch die noch kargen Weinstöcke auf einen gelben Blumenteppich. Hinter den Obstplantagen erstrecken sich sanfte Hügelketten, und wir müssen kurz überlegen, ob wir in Moldawien oder in Galiläa sind.

Lubow hat fast ihre gesamte Familie im Holocaust verloren und selbst Deportation, Lager, Entbehrungen und Demütigungen überlebt. Voriges Jahr lernten wir sie kennen. Jetzt besuchen wir vor allem die, die neu im Programm sind. Bis auf eine Ausnahme: Lubow möchte ich unbedingt wiedersehen. Wir schieben die Route ein bisschen hin und her, bis alles passt, denn Lubow ist nur an Vormittagen noch fit genug für Besuch.

Lubow hat im Holocaust fast ihre gesamte Familie verloren. CSI-Mitarbeiterin Anemone (r.) gratuliert Lubow zu ihrem 101. Geburtstag.

Als sie uns sieht, strahlt sie über das ganze Gesicht. Und wir gratulieren ihr mit einem Blumengesteck zu ihrem – sage und schreibe – 101. Geburtstag! Tochter Nina, die von ihrem Alter her selbst schon die Kriterien für unser Programm erfüllt, kümmert sich liebevoll um Lubow. „Wie soll ich denn jemals sterben, wenn sie mich immer so gut versorgt?“, sagt Lubow lachend. Lubow bekommt noch ein Waffelherz. „Sag deiner Mutter, dass ich es an mein Herz gedrückt habe!“ Nina fügt hinzu: „Das schöne handgestrickte Schultertuch, das ihr meiner Mutter vergangenes Jahr geschenkt habt, das hat sie den ganzen Winter getragen!“

Viele bedürftige jüdische Holocaust-Überlebende und Nachkriegskinder in Moldawien warten noch auf einen Paten. Vielleicht auf Sie?

Mehr Informationen über unser Patenschaftsprogramm gibt es hier.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 133. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

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