Holocaust-Überlebende in Moldawien: „Ich kannte keine Oma, keinen Opa“

Holocaust-Überlebende in Moldawien: „Ich kannte keine Oma, keinen Opa“

Seine Bibel hat Roman immer griffbereit. Alle Fotos: CSI

Der Krieg im Nachbarland Ukraine wirkt sich auch im kleinen Moldawien aus, einem der ärmsten Länder Europas. Viele jüdische Senioren versuchen, sich zwischen kleinen Renten und steigenden Preisen über Wasser zu halten. Gleichzeitig tragen sie die schweren Überlebensgeschichten ihrer Eltern im Herzen. Einer von ihnen ist Roman. Unsere Mitarbeiterinnen Alina und Anemone haben ihn in Belz, der Regionalhauptstadt Nordmoldawiens, besucht.

Roman kommt uns aus seiner sehr ordentlichen Belzer Junggesellenwohnung freudigen Schrittes entgegen. Er läuft gebeugt, aber seine Augen sprühen vor Leben. Er trägt eine Kippa; auf der Plastiktischdecke liegt seine Bibel – ein seltener Anblick in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. „Ich bin in Vertiujeni geboren, hier in der Nähe“, erzählt Roman. „Dort haben alle Jiddisch gesprochen, ich auch natürlich. Es gab vier Synagogen in unserem Schtetl.“

Von seiner Mutter spricht Roman mit großer Liebe – und mit großem Schmerz. „Sura heiß meine Mutter. Als die Deutschen und Rumänen einmarschierten, hat man sie zusammen mit den Juden unseres Ortes deportiert – zu Fuß. Über den Dnjestr hat man sie getrieben. Dreißig Kilometer am Tag musste sie zurücklegen, jung und alt, Richtung Ukraine. Unterwegs wurden die Juden immer wieder geschlagen, Mama auch. Viele sind unterwegs zusammengebrochen und gestorben. Die, die den Todesmarsch überlebt haben, sind im Ghetto Berschad interniert worden.“

Berschad, ein kleines jüdisches Schtetl in der Ukraine, fiel während des Krieges in die rumänische Besatzungszone. Auch dort ging es grausam zu, doch die rumänischen Aufseher waren bestechlich und schauten ab und zu weg. Wann immer möglich, warfen barmherzige Anwohner aus dem Umland den Gefangenen etwas zu Essen über den Stacheldrahtzaun.

„Mama hat erzählt, was es für ein Fest war, wenn sie mal aus Kartoffelschalen eine Suppe kochen konnten“, berichtet Roman weiter. „Als sie zurückkam, konnte sie lange gar nicht reden. Nur weinen. Viele Jahre ist sie von Albträumen gequält worden. Sie hat furchtbar gelitten, und sie war viel krank infolgedessen, was sie erlebt hatte. Ich erinnere mich, sie ist nachts immer wieder hochgeschreckt und hat geschrien: ‚Lasst mich los! Was wollt ihr von mir?!‘ Deshalb habe ich wenig gefragt. Ich habe keine Ahnung, was mit ihren Eltern passiert ist. Über Papas Familie weiß ich auch wenig. Seine erste Frau ist vor dem Krieg gestorben. Er ist dann mit den Kindern nach Osten geflohen. Ein, zwei Onkel und Tanten haben wohl anderswo überlebt. Aber ich habe keinen Opa, keine Oma gekannt.“

Trotzdem sind Romans Augen hell, wenn er redet. Seine Bibel und die Lesebrille sind immer in Reichweite. Eine Familie hat er nie gegründet – seine Familie waren die Eltern, deren Schmerz er bis zum Schluss mitgetragen hat. Und die jüdische Gemeinde. Nachdem er Jahrzehnte im Kino gearbeitet und Filme gezeigt hatte, wechselte er Ende der 1990er zum jüdischen Sozialwerk Chesed und kümmerte sich um die Bedürftigen. Inzwischen ist er im Ruhestand. Wann immer es möglich ist, fährt er nach Kischinau, um mit seinem Freund zu beten.

Gern können Sie jüdischen Holocaust-Überlebenden oder bedürftigen Senioren mit einer Patenschaft helfen!

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