Iranischer Großangriff: Israel ist nicht allein

Iranischer Großangriff: Israel ist nicht allein

Ein israelischer Kampfjet
Perverse Normalität: Am Tag nach dem Großangriff waren israelische Kampfflieger schon im Einsatz gegen Terrorziele der Hisbollah im Libanon. Foto: Israelische Luftwaffe, X

Nach dem Großangriff des Iran steht Israel gestärkt da. Dennoch sollte nun das Mindestziel sein, die Abschreckung hochzufahren. Eine kommentierende Analyse.

Wenn es für das jüdische Volk tragisch zu werden droht, ist das oft auch eine Stunde des Humors. „Erste Direktflüge zwischen Iran und Israel seit 1979“, witzelte ein Israeli auf der Plattform X angesichts hunderter Geschosse, die das Regime in Teheran in der Nacht zum Sonntag auf den jüdischen Staat abfeuerte.

Ein anderer Israeli veröffentlichte im Vorfeld des Angriffs eine Liste mit den hässlichsten Gebäuden im Land. In seinem Post wandte er sich direkt an den iranischen Staatsführer Ali Chamenei mit der „Bitte“, diese doch wegen ihres angeblich unermesslichen Wertes für die Israelis zu verschonen.

Alte Männer verletzen kleines Mädchen

Doch weder der Humor noch der glimpfliche Ausgang des Angriffs sollten von dessen Schwere und Gefahr ablenken. Die israelische Bevölkerung bewahrte zwar Ruhe – ein Zeichen des Vertrauens in die Armee –, verbrachte aber die Nacht in unheilvoller Erwartung.

Der Iran wollte mit seinen Geschossen Israel erheblichen Schaden zufügen. Dass es die alten Männer in Teheran am Ende „nur“ schafften, neben leichten Sachschäden einem siebenjährigen beduinischen Mädchen lebensgefährliche Verletzungen zuzufügen, ist entsetzlich, für das Regime aber auch unglaublich peinlich.

Sagenhafte Abwehrleistung

Dass Israel so davongekommen ist, verdankt es einer herausragenden Abwehrleistung und der Koordination mit seinen Partnern. Die Koordination zeigt, dass Israel nicht so allein dasteht, wie es in den vergangenen Wochen den Eindruck machte. Frankreich, Großbritannien, Jordanien und die USA waren nach offiziellen Verlautbarungen an den Bemühungen beteiligt, auch von einem saudischen Einsatz war zu hören. Die Länder wehrten 99 Prozent (!) der Geschosse ab, die übergroße Mehrheit noch außerhalb israelischer Grenzen.

Insbesondere der Einsatz Ammans ist bemerkenswert. Zwar arbeiten Israel und Jordanien in Sachen Sicherheit zusammen. Doch da die Jordanier den Israelis in großen Teilen nicht wohlgesonnen sind, bemühte sich das Königreich sogleich um die Erklärung, dass es ja auch die eigene Bevölkerung zu schützen galt. Außerdem seien die Geschosse in Richtung Jerusalem unterwegs gewesen. Die Familie von König Abdullah II. versteht sich als Hüter der dortigen heiligen Stätten.

Gleichzeitig ist auch klar, dass der Iran mit den gut 350 Geschossen einen begrenzten Angriff losgetreten hat. Die zehntausenden Raketen, die nördlich von Israel im Libanon schlummern, sind nicht zum Einsatz gekommen. Dem Iran ging es um eine gesichtswahrende Aktion nach der Tötung zweier Generäle der Revolutionsgarden, nicht um eine Austragung des Konflikts. Zumindest wird das Regime dies nach innen so verkaufen. Doch das Staatsziel der Auslöschung Israels steht nach wie vor nicht in Frage.

Schwieriges Abwägen

Die Frage aller Fragen ist indes, wie Israel nun reagieren soll. Die Zahl der Optionen ist ebenso groß wie die der Möglichkeiten, das Potenzial des Momentes ungenutzt zu lassen. Das Regime in Teheran steht „isoliert“ da, wie die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) feststellte. Unerwähnt ließ sie, dass damit das in den vergangenen Jahren verfolgte Ziel der deutschen Außenpolitik, das Terrorregime in die Weltgemeinschaft zu integrieren, in die Ferne gerückt ist.

Die für Israel – und die iranische Bevölkerung – beste Lösung wäre es, das Regime aus dieser Isolation zu erlösen, indem man ihm auf die eine oder andere Weise ein Ende setzt. Denn das würde bedeuten, die Ursache des Übels zu bekämpfen – und nicht nur dessen Vorhut wie die Hisbollah.

Selten war die Gelegenheit günstiger, aber ganz günstig ist sie nie. US-Präsident Joe Biden hat bereits klargemacht, dass er einen Gegenschlag Israels nicht unterstützen würde; der Demokrat will einen offenen Krieg vermeiden, da Präsidentschaftswahlen anstehen. Auf genau diese Unterstützung wäre Israel aber angewiesen, wie die Nacht zum Sonntag gezeigt hat.

Am Montag rieten auch Großbritannien, Frankreich und Deutschland von einer Militäraktion ab. Die europäischen Länder bevorzugen eine Politik der Diplomatie und Isolation, wie aus den Verlautbarungen zu erkennen ist.

Abschreckung als Mindestziel

Derartige Vorschläge kommen nicht überraschend. Dennoch sollte eine Problematik nicht außer Acht bleiben: Dass sich der Iran überhaupt traute, so einen Angriff zu starten, liegt auch an mangelnder Abschreckung. Ob man nun für oder gegen eine weitere Militäraktion ist: Ein Mindestziel sollte es sein, die Abschreckung deutlich hochzufahren. Denn das Regime in Teheran ist kein israelisches, kein regionales, sondern ein globales Problem.

Zuallererst betroffen ist dennoch Israel. Allzuoft fehlt das Bewusstsein dafür, dass der jüdische Staat schon viel zu lange in einer perversen Normalität lebt: Ständige Terrorangriffe durch die vom Iran unterstützten Gruppen, ständige Vernichtungsdrohungen aus Teheran. Der Westen sollte diese perverse Normalität nicht mehr hinnehmen. Denn irgendwann wird sie ihn in noch stärkerem Maß ereilen, als es heute der Fall ist.

Der britische Außenminister David Cameron (Konservative) sprach am Montag von einer „Offenbarung für die Welt“, was für einen schädlichen Einfluss der Iran hat. Einerseits ist es ernüchternd, dass für diese Erkenntnis ein Großangriff nötig war. Andererseits bleibt die Hoffnung, dass diese Erkenntnis nachhaltig und folgenreich bleibt. In diesen Zeiten klammert man sich an jeden Hoffnungsschimmer.

(Israelnetz | Daniel Frick)

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