Eine Stimme im Kampf für die Wahrheit: Wie ein junger Mann durch den Krieg seine Bestimmung fand

Eine Stimme im Kampf für die Wahrheit: Wie ein junger Mann durch den Krieg seine Bestimmung fand

Dvir in Nachrichtensendung
Die israelischen Medien berichteten von Dvir Fischers Geschichte. Foto: privat

Dvir Fischer ist 23 Jahre alt, als ihn am 31. Oktober 2023 beim Kampfeinsatz im Gazastreifen eine Kugel in den Hals trifft. Dass er überlebt hat und die Verletzung weitgehend folgenlos heilen wird, ist ein Wunder – ein Wunder, das er mit möglichst vielen Menschen teilen möchte. JCSI-Leiterin Dina Röll hat ihn im März 2024 zum zweiten Mal besucht und mit ihm über seine Zukunftspläne gesprochen.

Dvir reist um die Welt. Zuletzt war er in Mexiko und Australien. Nach Mexiko wurde er von einer jüdischen Gemeinde eingeladen, nachdem die Leiter ein Interview über seine Wundergeschichte gesehen hatten. Die jüdische Organisation „Brüder für das Leben“ (Achim leChaim) ermöglichte ihm und anderen israelischen Soldaten, die im aktuellen Krieg oder in anderen Kriegen verletzt wurden, die Reise nach Australien, damit sie ihre Geschichten erzählen können. Auf diese Weise informieren und ermutigen sie Menschen und insbesondere jüdische Gemeinden weltweit.

Ich treffe Dvir zum zweiten Mal in der Wohnung seiner Eltern in Jerusalem. Dort hat er sich ein kleines Podcast-Studio eingerichtet: „GiboreiIsrael 24“ (Israels Helden 24). So nennt er den Podcast, zu dem er Gäste einlädt, die den 7. Oktober 2023 überlebt oder, wie er selbst, gegen die Hamas-Terroristen im Gazastreifen gekämpft haben. Bisher war der Podcast auf Hebräisch, damit die Geschichten einzelner Israelis ihre Landsleute ermutigen. Schließlich haben viele ähnliche Traumata durchgemacht und Schlimmes erlebt an jenem Schwarzen Schabbat. Im April kamen nun die ersten beiden Podcast-Folgen auf Englisch heraus. So möchte Dvir mit dem Podcast auch über die Landesgrenzen hinaus Aufmerksamkeit erzielen und mehr Menschen weltweit an den Geschichten seiner Gäste teilhaben lassen.

Ich sehe, dass Dvir immer noch ein Pflaster an seiner rechten Schulter trägt und spreche ihn darauf an. Die Wunde war tief und der Heilungsprozess dauert Monate. „Im Alltag ist es spannend, weil ich nie weiß, was ich antworten soll, wenn mich jemand auf meine Verletzung anspricht. Ich will nicht jedem gleich erzählen, dass ich im Gazastreifen verletzt wurde und alles erklären müssen. Vor ein paar Tagen hat mich ein Trainer im Fitnessstudio nach meiner Verletzung gefragt; ob das ein Einschussloch wäre.“ Er zeigt dabei auf seine Schulter. „Ich habe geantwortet: ‚Nein, das ist das Ausschussloch‘ und ihm das Einschussloch an meinem Hals gezeigt.“ Der Trainer war sprachlos. Kein Wunder bei einer Verletzung mit Überlebenschance von eins zu einer Million.

Beschuss aus einer UNRWA-Schule

„Übrigens, habe ich dir gesagt, dass sie aus einer UNRWA-Schule auf mich geschossen haben?“, fragt mich Dvir. Ja, das hat er mir im Dezember erzählt, aber das durfte ich damals nicht so schreiben. „Jetzt ist es kein Geheimnis mehr, jetzt kannst du es sogar in der Überschrift bringen!“ Das haben Untersuchungen der israelischen Armee ergeben. Als Dvir davon spricht, ist er sichtlich verärgert: Nicht nur darüber, dass die Welt immer noch nicht zu sehen scheint, dass das UN-Hilfswerk für Palästinaflüchtlinge UNRWA den Palästinensern nicht wirklich hilft. Sondern auch darüber, dass es Menschen gibt, die ihm nicht glauben, wenn er seine Geschichte erzählt.

In Australien ist ihm das passiert. Dort sah Dvir einen Laden, in dessen Schaufenster mehrere Palästina-Flaggen, der Schriftzug „Ceasefire now“ (Waffenstillstand sofort), die Flagge der Ureinwohner Australiens, sowie eine LGBTQ-Flagge drapiert waren. Dvir ging hinein und sprach die Verkäuferin auf die Palästina-Flaggen und die Plakate an. Diese sollten auf den Genozid hinweisen, den Israel an den Zivilisten im Gazastreifen begehe, erläuterte die Verkäuferin. Dvir versuchte ihr zu erklären, dass Israel schon mehrere Male einen Waffenstillstand im Gegenzug zur Rückgabe aller israelischen Geiseln angeboten hatte, worauf die Hamas aber nicht eingehen wollte.

Als Dvir ihr erzählt, dass aus einer UNRWA-Schule auf ihn geschossen wurde und die Hamas diese zivilen Gebäude als Abschussrampen ihrer Raketen missbraucht, antwortete die Frau nur: „Das glaube ich nicht.“ Er möge sich „in anderen Medien“ informieren. „Ich merkte, dass ich sie nicht überzeugen würde. Ich habe nur ihr Schaufenster gesehen und wollte etwas richtigstellen und wieder gehen.“ Die Ignoranz mancher Gesprächspartner ist für ihn nur schwer zu ertragen.

„Besser sie wissen nichts, als dass sie Lügen glauben“

Dvir berichtet von seinen Aufenthalten in Mexiko und Australien. Dort habe er sich zwar meistens sicher gefühlt, traute sich allerdings nicht immer zu sagen, dass er Israeli sei. „Manchen Leuten habe ich erzählt, dass ich aus Griechenland komme.“ Wenn er dann mal sagte, dass er aus Israel sei, bekam er mitunter Antworten wie: „Israel, das war doch in den Nachrichten, oder? Ist alles in Ordnung bei euch?“

Was antwortet man da? In den meisten Fällen entschied sich Dvir, den Leuten einfach von der Wahrheit zu berichten, bevor sie von irgendjemandem Lügen erzählt bekommen würden. „Vielleicht ist das besser so“, überlegt er, „besser sie wissen nichts, als wenn sie Lügen hören und glauben, dass Israel einen Genozid begeht.“

Dina Röll und Dvir Fischer
Im März traf JCSI-Leiterin Dina Dvir in Jerusalem. Foto: privat

An Chanukka kam die Traurigkeit

„Wenn ich in der Natur bin und die Vögel zwitschern, überwältigt mich oft der Gedanke: Was für ein Paradies, in dem wir hier leben dürfen – in dem ich noch leben darf!” erzählt Dvir. „Es hat sich schon einiges verändert: Gestern habe ich zum Beispiel Ping-Pong gespielt. Dabei bin ich ausgerutscht und frontal aufs Gesicht gefallen. Aber statt mich aufzuregen, habe ich mich darüber gefreut, dass ich überhaupt noch ausrutschen und fallen kann.“

Auf meine Frage, wie es ihm mit dem Trauma geht, das er vom Krieg im Gazastreifen und von seiner schweren Verwundung davongetragen hat, berichtet Dvir nachdenklich: „Ich habe manchmal Träume davon, wie ich gekämpft habe. Einmal habe ich von der Straße geträumt, die wir damals im Gazastreifen überquert hatten, als ich angeschossen wurde. Und im Traum kam mir der Gedanke, dass ich dieses Mal schneller über die Straße rennen muss, damit sie mich nicht nochmal erwischen.“

Im Alltag ist Dvir ständig auf der Hut und schaut sich mehr um als früher. Und dann klingt die Traurigkeit durch: „Manchmal zoome ich raus aus einer Situation, zum Beispiel während ich mit meiner Familie beim Abendessen sitze. Dann denke ich daran, wie es jetzt wäre, wenn ich damals gestorben wäre. Und das macht mich traurig. An Chanukka war das so. Wir haben mit der ganzen Familie gefeiert und alle haben sich gefreut. Ich musste an die vielen Familien denken, die das Fest ohne ihren Bruder oder Vater oder so feiern müssen. Das ist sehr traurig.“

Manchmal muss Dvir sich selbst kneifen, einen Stuhl oder irgendetwas anderes anfassen, um sich bewusst zu machen, dass er existiert. Einmal in der Woche geht er zum Psychologen und er schreibt viele seiner Gedanken in einem Tagebuch auf. Meditation helfe ihm, auch in Kontakt zu sein mit seinen Freunden. Das Handy nimmt er nicht mehr so häufig in die Hand. Auch die Anfragen der Medien nach Interviews werden weniger. Zum Glück: Dvir möchte sich wieder wie ein ganz normaler Mensch fühlen.

Neue Wege

Inzwischen geht das Leben weiter. Dvir hat sich an einer Universität eingeschrieben. Ab September möchte er Kommunikation und internationale Beziehungen studieren. Ende Mai wird er aber erst noch nach Indien reisen, auch um für sich den Kreis zu schließen. Dorthin, wo seine Reise so unmittelbar unterbrochen worden war, als er am 8. Oktober kurzerhand heimgekehrt war, um bei der Verteidigung seines Landes zu helfen.

Gleichzeitig produziert Dvir weiter seinen Podcast aus dem Wunsch heraus, andere Israelis darin zu ermutigen, dass sie mit ihren Erfahrungen vom 7. Oktober 2023 nicht allein sind. Und er möchte die Wahrheit über die Ereignisse verbreiten. Deshalb will er in Zukunft noch mehr Folgen auf Englisch produzieren, um auch Menschen außerhalb Israels zu erreichen.

Im Januar wurde Dvirs Team aus dem Militärdienst entlassen, jedoch im April wieder einberufen. Für Dvir ist klar, kämpfen will er nicht mehr. Aber Reservedienst als Sanitäter oder in der Logistik zu leisten, kann er sich gut vorstellen. Schließlich wird es auch nach dem Krieg immer wieder Einsätze geben, bei denen Reservisten gebraucht werden – leider. Eines wird Dvir sich nicht nehmen lassen: seine Stimme zu erheben im Kampf gegen Lügen und für die Wahrheit. Sein Studium wird ihm dazu das nötige Wissen und Werkzeuge an die Hand geben.

Lesen Sie hier auch den ersten Teil von Dvirs Geschichte: „Ein zweites Leben: Von einem Wunder mitten im Krieg“.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 137. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

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