Israel im Krieg: 36 Stunden in Lebensgefahr – und ein Land, das nicht zur Ruhe kommt

Israel im Krieg: 36 Stunden in Lebensgefahr – und ein Land, das nicht zur Ruhe kommt

Liora und Hadas vor einem Plakat mit Menschen, die bei der Verteidigung des Kibbutz ums Leben kamen
Liora und ihre Tochter Hadas (l.) verdanken ihr Überleben dem mutigen Einsatz des Verteidigungsteams von Kfar Aza. Einige ließen dafür ihr Leben. Alle Fotos: Danielle Mor

850 Einwohner hatte der Kibbutz Kfar Aza bis zum 7. Oktober 2023, als Hamas-Terroristen fast 1200 Menschen im israelischen Grenzgebiet zum Gazastreifen töteten und 240 Geiseln entführten. Mindestens 61 Bewohner von Kfar Aza wurden umgebracht, Liora Eilon überlebte. Im April dieses Jahres war sie auf Einladung von Christen an der Seite Israels und in Begleitung von Danielle Mor (Jewish Agency) in Deutschland, um von ihren albtraumhaften Erlebnissen zu berichten.

Ein Gastbeitrag von Timo Roller

Am Ende des Vortragsabends am 13. April verbreitete sich im IP-Zentrum in Maisenbach die Nachricht, dass ein Angriff des Iran auf Israel begonnen hatte; Kampfdrohnen seien im Anflug auf die Heimat von Liora Eilon und Danielle Mor. Die beiden Frauen aus Israel telefonierten mit ihren Angehörigen und machten sich große Sorgen. Über ein halbes Jahr nach dem schrecklichen Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 ist für die Israelis das alles noch nicht vorbei. Steht sogar noch Schlimmeres bevor?

Liora Eilon lebte bis zu jenem Tag im Kibbutz Kfar Aza in der Nähe des Gazastreifens. 36 Stunden verbrachte sie mit einem Teil ihrer Familie im Schutzraum ihres Hauses, während der Terrorangriff der Hamas um sie herum tobte. Solche Schutzräume sind ein Muss innerhalb der Reichweite von Raketen der Terrororganisationen in Israels unmittelbarer Nachbarschaft. Um 6:50 Uhr kam am 7. Oktober – einem Feiertag – die Meldung, dass Terroristen in den Kibbutz eingedrungen seien. Die Bewohner wurden angewiesen, ihre Schutzräume aufzusuchen und die Türgriffe festzuhalten; abschließbar sind diese Räume nicht, denn vorgesehen waren sie eigentlich nur zum Schutz vor Raketen.

Blut auf dem Fußboden
36 Stunden verschanzte sich Liora mit ihrer Familie in ihrem Haus. Blutspuren bezeugen die Heftigkeit der Kämpfe zwischen Terroristen und Verteidigern.

Gegen 10:30 Uhr zersplitterte Glas, Liora und die vier anderen Bunkerinsassen hörten arabische Rufe. Es wurden Schüsse abgefeuert, über eine lange Zeit. Dann hatten endlich israelische Soldaten – vorübergehend – die Oberhand gewonnen und errichteten ein notdürftiges Lazarett im Haus. An Rettung der Eingeschlossenen war noch nicht zu denken, denn die Lage im Kibbutz war alles andere als unter Kontrolle.

Viele wurden zu Helden

Lioras 15-jährige Enkelin Gali erklärte dem Spezialkommando die Situation im Ort, zeigte die Unterkünfte anderer Schutzsuchender auf Google Maps und leitete Meldungen aus der Kibbutz-WhatsApp-Gruppe weiter, auch später noch, als die Soldaten wieder aus Lioras Haus abrückten.

Im Laufe des Tages gab es weitere brenzlige Situationen: Eine Handgranate wurde gegen das stahlgeschützte Fenster geworfen, detonierte jedoch nicht. Die Eingangstür hielt Schüssen der Hamas-Angreifer stand, später fiel die Elektrizität aus, im Schutzraum herrschte Dunkelheit. Irgendwann kehrten Soldaten ins Haus zurück, die Bewohner konnten schnell auf die Toilette gehen. Überall in den Zimmern war Blut. Da die fünf Hausbewohner in relativer Sicherheit waren, verließen die Soldaten ein weiteres Mal das Haus, um anderen zu helfen.

Erst am nächsten Tag gegen 14 Uhr erhielt Enkelin Gali den erlösenden Anruf: Nun würde man die Familie evakuieren! Doch im Haus hatten sich offenbar Terroristen verschanzt und die Flucht geschah im Spalier der Soldaten unter Feuerschutz. Als Liora und die Ihren in einem Fahrzeug in Sicherheit waren, richtete ein Panzer seine Kanone auf das Haus und zerstörte es mitsamt den möglicherweise verbliebenen Terroristen.

Zerbombtes Haus in Kfar Aza
Das ist alles, was von Lioras Haus übrig ist: Die Armee zerstörte es nach ihrer Befreiung, da sich Terroristen dort verschanzt hatten.

Nach 36 Stunden waren die Bewohner des Hauses endlich gerettet. Lioras Sohn Tal war allerdings ums Leben gekommen. Er starb als Held, wie seine Mutter betonte. Der Kommandeur der zivilen Schutzeinheit von Kfar Aza wurde beim Ansturm der Übermacht feindlicher Terroristen verwundet. Durch entsprechende Anweisungen, auch an die Verantwortlichen des Nachbar-Kibbutz, konnte er möglicherweise sehr vielen Israelis das Leben retten. Dann erlag er seinen Verletzungen.

Die Wahrheit über einen aufgezwungenen Krieg

Die 71-jährige Liora Eilon hat vieles verloren: ihren Sohn, ihr Haus, ihre Heimat. Die Überlebenden von Kfar Aza sind seit über einem halben Jahr an anderen Orten untergebracht. Israel sei ein Land der Vertriebenen und Evakuierten, erklärte Danielle Mor, die einige Hintergrundinformationen weitergab. Eine offene Wunde klaffe zwischen den Israelis, solange immer noch Geiseln im Gazastreifen seien. Wenn sie den Frühling im Schwarzwald erlebe, sei dies ein sehr starker Kontrast zur Stimmung in Israel, wo man nicht wisse, wie es weitergeht. Zerknirscht bekannte sie: „Die aufblühende Natur hier würde ich am liebsten anschreien: Stopp!“

Liora Eilon und Danielle Mor sehen es als ihren Auftrag zu berichten, was geschah. Auf Einladung von Christen an der Seite Israels, die gemeinsam mit dem Hilfswerk Zedakah diese Veranstaltung durchführten, sind die beiden Frauen nach Deutschland gekommen und werden weitere Vorträge in den Niederlanden halten und Freunden Israels begegnen. Die über 170 Anwesenden und etwa 300 Livestream-Teilnehmer wurden aufgerufen, das Überlebenszeugnis von Liora Eilon bekannt zu machen und die Wahrheit über den Krieg weiterzusagen, der Israel aufgezwungen wurde.

Erinnerungssteine an Grab
Steine erinnern an Lioras Sohn Tal Eilon, der bei dem Angriff der Hamas ums Leben kam. Er starb als Held, wie seine Mutter betont.

Mit einem Gebet nach Jesaja 61 endete der Abend mit Worten des Trostes, Gott möge die Gefangenen befreien und die Trauernden trösten. Nach dem bewegenden Abend und den Nachrichten vom Angriff auf Israel gingen wohl viele der Anwesenden mit dem Vorsatz nach Hause, für Israel zu beten. Am nächsten Morgen waren die Drohnen und Raketen aus dem Iran erfolgreich abgewehrt – von Israels Militär und der Unterstützung von Verbündeten. Und sicherlich nach dem Empfinden der betenden Israelfreunde: mit der Hilfe Gottes.

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