Israel Summit Berlin: Erinnerung an die Vergangenheit – Mahnung für die Gegenwart

Israel Summit Berlin: Erinnerung an die Vergangenheit – Mahnung für die Gegenwart

Der Holocaust-Überlebende Franz Michalski schrieb als erster auf der Gedenkfeier gemeinsam mit dem aus Israel eingeflogenen Tora-Schreiber einen Buchstaben für die Schriftrolle. Foto: Jason Terschüren

Vereint im Gedenken: Mit Holocaust-Überlebenden und der Angehörigen einer in den Gazastreifen verschleppten Israelin haben in Berlin rund 170 Teilnehmer des Israel Summit der Reichspogromnacht vor 85 Jahren gedacht.

„In Israel vergleichen wir nicht so schnell etwas mit dem Holocaust, aber ich habe nie gedacht, dass wir jemals in so einer Situation wie heute sein werden.“ Das sagte Maya Romann, die Angehörige einer von Hamas-Terroristen verschleppten Israelin am Donnerstagabend auf dem Israel Summit Berlin. Der zweitägige Gipfel im Herzen der Bundeshauptstadt wird veranstaltet von Christen an der Seite Israels (CSI) und der israelischen Spendenorganisation Keren Hayesod. Er stand unter den Botschaften „Deutschland an der Seite Israels“ und „Nie wieder ist jetzt“. 

Maya Romann berichtete, wie sie den brutalen Terror-Überfall der Hamas am 7. Oktober erlebte. Sie selbst war an diesem Tag in Tel Aviv, doch ihre Cousine Yarden Romann wurde mit ihrem Mann Alon und der dreijährigen Tochter von Terroristen entführt. Während Vater und Tochter die Flucht gelang, ist Yardens Schicksal bislang ungewiss – ebenso wie das der mehr als 240 anderen Entführten.

Rafi Heumann, der Gesandte von Keren Hayesodt Deutschland, im Gespräch mit Maya Romann, der Cousine einer in den Gazastreifen verschleppten Israelin. Foto: Jason Terschüren

„Wir arbeiten Tag und Nacht daran, Yarden und die anderen freizubekommen“, sagte Maya. Mit Angehörigen anderer Geiseln hat sie die Stiftung „Bring Yarden Home“ ins Leben gerufen. „Wir fokussieren uns auf internationale Medien und Hilfsorganisationen, vor allem in Deutschland und den USA“, so Romann, die neben der israelischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Für sie sei es bewegend, am Gedenktag der Reichspogromnacht in Deutschland zu sein. Ihre Großmutter habe den Holocaust überlebt und sei vor 85 Jahren ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina geflohen. Sie sagte weiter: „Wir haben uns mit Außenministerin Annalena Baerbock, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Vizekanzler Robert Habeck getroffen und arbeiten hart.“ Von den deutschen Politikern habe sie einen guten Eindruck. „Alle waren sehr bewegt, ich glaube, dass sie alles in ihrer Macht Stehende tun. Wir müssen versuchen, geduldig zu sein.“ Sie appellierte an die Teilnehmer, die Geiseln nicht zu vergessen, sondern in ihren Herzen zu behalten. 

„Wie sollen Jugendliche die Zeichen der Zeit erkennen?“

Ehrengäste des Gedenkabends waren Petra und Franz Michalski. Sie sind Zeitzeugen der Verbrechen des deutschen Nationalsozialismus. Seit Jahrzehnten setzen sie sich für die Erinnerung und das Gedenken an die Schoah ein und berichten unter anderem an Schulen davon, wie Franz Michalski den Holocaust überlebt hat. „Wenn die Jugendlichen nicht wissen, wie es damals war, wie sollen sie heute die Zeichen der Zeit erkennen?“, erklärte Petra Michalski im Gespräch mit Idea-Hauptstadtkorrespondent Karsten Huhn auf der Bühne. Viele Jugendliche hätten von den Eltern und Großeltern nichts über die Vergangenheit gehört. „Wir glauben, dass es dafür zwei Gründe gibt. Entweder weil die Großeltern und Eltern selbst Staub am Stecken haben oder weil die Vergangenheit so schrecklich war, dass sie die Kinder nicht belasten wollen. Viele Kinder haben keine Ahnung von der Vergangenheit, deshalb erzählen wir an Schulen unsere Geschichte“, sagte Michalski weiter.

Die Holocaust-Überlebenden Petra und Franz Michalski im Gespräch mit Idea-Hauptstadtkorrespondent Karsten Huhn. Foto: Jason Terschüren

Sie begrüßte es, dass Zeitzeugenberichte von vielen Medien und Organisationen aufgenommen würden. So lebten diese Geschichten auch nach dem Tod der Zeitzeugen weiter. Das Ehepaar ist seit 63 Jahren verheiratet. Im Jahr 2010 erlitt Franz Michalski einen Schlaganfall. Da ihm das Sprechen seitdem schwerfällt, dient ihm seine Frau als „Sprachrohr“. Im September 2023 wurde das Ehepaar für sein Engagement als Zeitzeugen und für seine Lebensleistung mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Anna Staroselski: „Haben wir in Deutschland nichts gelernt?“

Die Sprecherin der Werteinitiative e.V. – deutsch-jüdische Positionen, Anna Staroselski, warnte in ihrem Grußwort vor einer Verharmlosung von Antisemitismus. „Haben wir in Deutschland nichts gelernt? Ist es uns egal, was mit Jüdinnen und Juden passiert? Vor 85 Jahren haben zu viele weggesehen, viele haben sich an den Novemberpogromen beteiligt – getrieben von einem Hass, der niemals begründet war“, sagte Staroselski. Der 9. November 1938 sei ein Tag gewesen, an dem niemand mehr habe sagen können, er habe nicht gewusst, was passierte. 

„Wir sollten den 9. November 2023 zum Anlass nehmen, uns damit auseinanderzusetzen, wie Antisemitismus funktioniert“, forderte Staroselski. Dass Jüdinnen und Juden seit dem Überfall der Hamas auf Israel vor einem Monat einer Verharmlosung des Terrors und der Schoah ausgesetzt seien, sei unerträglich. Am 9. November müsse an die Reichspogromnacht erinnert werden, „denn diese Pogrome führten zur Schoah, aber wir müssen uns auch mit den Lebensrealitäten von lebendigen Jüdinnen und Juden beschäftigen. Am besten fangen wir direkt damit an.“ 

Anna Staroselski von der Werteinitiative e.V. – deutsch-jüdische Positionen warnte vor einer Verharmlosung von Antisemitismus. Foto: Jason Terschüren

„Diese Solidarität brauchen wir nicht“

Antisemitismus habe leider Platz in der Gesellschaft, weil er viel zu lange ignoriert worden sei. Juden hätten „Deutschland einen Vertrauensvorschuss gegeben, der aktuell auf dramatische Weise enttäuscht wird“, sagte Staroselski weiter. Sie fügte hinzu: „Wer heute ruft ‚Nie wieder´ und am 7. oder 8. oder 9. Oktober geschwiegen hat, dem können wir sagen, diese Solidarität brauchen wir nicht.“

Staroselski bedankte sich bei dem CSI-Vorsitzenden Luca Hezel sowie bei dem CSI-Bereichsleiter für Politik und Gesellschaft Josias Terschüren für das seit Jahren bestehende Engagement und dafür, dass „ihr immer an der Seite Israels steht, dass auf euch Verlass ist bei Tag und bei Nacht, dass man euch immer anrufen kann. Ich schätze von ganzem Herzen, dass ihr an der richtigen Seite steht.“ 

Eine handgeschriebene Tora-Rolle für die Jüdische Gemeinde Halle

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorozki, appellierte an die Zivilgesellschaft, sich an die Seite der Juden zu stellen. Es gehe nicht nur um den Schutz von Juden, durch Islamisten sei die gesamte Gesellschaft gefährdet. Im Blick auf die aktuelle Lage in Israel erklärte Privorozki, „die Palästinenser wünschen sich nicht einen Staat neben Israel, sondern anstelle Israels“. Israel könne sich daher keine Niederlage im Krieg leisten, nach einer solchen gäbe es kein Israel mehr. 

Auf die Jüdische Gemeinde in Halle wurde vor vier Jahren ein antisemitischer Anschlag verübt. Dabei wurden zwei Menschen ermordet. Als Ausdruck der Wertschätzung und um Antisemitismus entgegenzutreten, soll der Gemeinde im Januar 2024 eine handgeschriebene Tora-Rolle überreicht werden. Das von der israelischen Organisation Keren Hayesod und Christen an der Seite Israels initiierte Projekt wurde beim Israel Summit vorgestellt. Luca Hezel, 1. Vorsitzender von CSI, sagte dazu: „In Deutschland haben vor 85 Jahren Synagogen und Bücher jüdischer Autoren gebrannt, heute sind wir in der Lage, hier in Berlin wieder jüdische Bücher zu schreiben.“ Der Holocaust-Überlebende Max Michalski schrieb als erster auf der Gedenkfeier gemeinsam mit dem aus Israel eingeflogenen Tora-Schreiber einen Buchstaben für die Schriftrolle.

Schirmherren des Projektes sind der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt Reiner Haseloff und Verteidigungsminister Boris Pistorius. Die Spenden an das Projekt fließen in die Erstellung der Tora-Rolle sowie in einen Hilfsfonds für israelische Terror-Opfer.

Josias Terschüren, CSI-Bereichsleiter für Politik und Gesellschaft, und der CSI-Vorsitzende Luca Hezel führten durch den Israel Summit. Foto: Jason Terschüren
Eröffnet wurde der Israel Summit Berlin mit einem Vortrag über die rechtliche Einordnung der aktuellen Lage in Israel von Andrew Tucker, dem Generaldirektor der Denkfabrik „The Hague Initiative for International Cooperation“, hier im Bild mit CSI-Mitarbeiterin Anemone Rüger. Foto: Jason Terschüren

Veranstaltet wird der zweitägige Israel Summit Berlin von Christen an der Seite Israels und der israelischen Spendenorganisation Keren Hayesod. Das Nachrichtenmagazin Idea, Marsch des Lebens, die Evangelische Allianz Deutschland sowie Ebenezer International unterstützen den Gipfel. Mit dem Israel Summit Berlin wollen die Veranstalter „in dieser Zeit ein deutliches Zeichen christlicher Solidarität mit Israel und Juden in Deutschland senden und helfen, Antworten und Maßnahmen zu finden, die gegen Antisemitismus sowie Falschinformationen ins Feld geführt werden können“.

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