Ministerpräsident Haseloff bei Gedenken an Halle-Attentat: „Augen vor Judenfeindlichkeit nicht verschließen“

Ministerpräsident Haseloff bei Gedenken an Halle-Attentat: „Augen vor Judenfeindlichkeit nicht verschließen“

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff mit dem Vater des ermordeten Kevin Schwarzer. Foto: Dana Nowak

Zum vierten Jahrestag des antisemitischen Anschlags in Halle haben am Montag Vertreter aus Politik und Gesellschaft der Opfer gedacht. Überlagert wurde die Gedenkfeier von den Geschehnissen in Israel.

„Der Alltagsantisemitismus ist für viele Menschen in Deutschland eine bedrohliche Erfahrung und eine ihr Leben prägende Einschränkung“, sagte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) bei der Gedenkfeier im Hof der Synagoge. Er betonte, das Attentat dürfe nicht als Tat eines isolierten Einzelgängers betrachtet werden. „In unserer Gesellschaft gibt es Judenfeindlichkeit, davor können wir unsere Augen nicht verschließen“. 

Der größte Teil der deutschen Gesellschaft verurteile jede Form von Antisemitismus und Hass. „Aber dieser Teil muss noch viel lauter werden. Der Bogen der Geschichte neigt sich nicht zwangsläufig in Richtung Demokratie. Für unsere Überzeugungen und demokratischen Institutionen müssen wir entschlossen eintreten“, so Haseloff. 

Der Ministerpräsident ist neben Verteidigungsminister Boris Pistorius Schirmherr des Tora-Rollen-Projektes, das während der Gedenkfeier vorgestellt wurde. In dessen Rahmen soll der Jüdischen Gemeinde Halle Ende Januar 2024 eine handgeschriebene Tora-Rolle überreicht werden. Haseloff schrieb als erster auf der Gedenkfeier gemeinsam mit dem aus Israel eingeflogenen Tora-Schreiber einen Buchstaben für die Schriftrolle. Initiiert wurde das Spendenprojekt von der israelischen Organisation Keren Hayesod und von Christen an der Seite Israels Deutschland (CSI).

CSI-Vorsitzender Hezel: Deutsche Zivilgesellschaft muss Stand an der Seite Israels einnehmen

Luca Hezel, 1. Vorsitzender von Christen an der Seite Israels, sagte in seinem Gedenkwort: „Wir stehen heute hier in zweifacher Erschütterung. Zum einen über die Nachrichten, die uns aus Israel ereilen – so viele getötete jüdische Menschen in so kurzer Zeit wie seit Ende des Holocaust nicht mehr – zum anderen in der Erschütterung und im Gedenken an das, was hier vor vier Jahren passiert ist, ein feiger Angriff auf die jüdische Gemeinde, der am Ende zwei nichtjüdischen Menschen, Jana und Kevin, das Leben gekostet hat.“ Man dürfe bei diesen Themen nicht länger gleichgültig sein, betonte Hezel. „Wir müssen als deutsche Zivilgesellschaft und als Christen unseren Stand an der Seite Israels und an der Seite der jüdischen Menschen hier im Land finden und einnehmen.“

Start des Tora-Rollen-Projektes: V. l. CSI-Vorsitzender Luca Hezel, Max Privorozki – Leiter der Jüdischen Gemeinde Halle, Ministerpräsident Reiner Haseloff und der Keren Hayesod-Gesandte Rafi Heumann. Foto: Dana Nowak

Das Tora-Rollen-Projekt sei eine Möglichkeit, Stellung zu beziehen, so Luca Hezel. „Wir erinnern uns daran, dass vor 85 Jahren in unserem Land jüdische Schriften und Bücher jüdischer Autoren verbrannt wurden. Deshalb ist es heute unsere Pflicht und unsere Verantwortung, als Deutsche und als Christen dabei mitzuhelfen, dass wieder jüdische heilige Bücher geschrieben werden können.“

Bundesopferbeauftragter Kober: Neue Tora-Rolle als Zeichen der Hoffnung

Der Bundesopferbeauftragte Pascal Kober (FDP) betonte, der Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus, Extremismus und Terrorismus dürfe nicht nur an Gedenktagen wie diesem geführt werden. Er begrüßte das Tora-Rollen-Projekt. „Antisemitische, rassistische, rechts- oder linksextreme, islamistische Taten sind Angriffe auf uns alle, auf unsere Art zu leben, auf unsere Werte, unsere Vielfalt, auf unsere Freiheit. Mit der neuen Tora-Rolle setzen Sie ein starkes Zeichen. Dem Antisemitismus, dem Hass und den Vernichtungsphantasien, die hier vor vier Jahren zum Versuch wurden und in diesen Tagen in Israel zur Auswirkung kommen, setzen Sie als Gemeinde ein Zeichen der Hoffnung entgegen.“

Keren Hayesod-Gesandter Heumann: „Terroristen machen keinen Unterschied“

Rafi Heumann, Gesandter der israelischen Organisation Keren Hayesod, sagte in seiner Ansprache: „Terror ist Terror ist Terror. Es spielt keine Rolle, ob er in Deutschland, Israel oder irgendwo anders auf der Welt geschieht. Terroristen machen keinen Unterschied.“ Eine neue Tora-Rolle nach Halle zu bringen sei ein Zeichen der Erneuerung und des Wachstums. „Es sendet die Botschaft, dass wir uns nicht von Dunkelheit und Hass einschüchtern lassen. Und es steht für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, in der Toleranz und Verständnis die Oberhand gewinnen“, erklärte Heumann. 

Rafi Heumann von Keren Hayesod: „Indem wir eine neue Tora-Rolle nach Halle bringen, setzen wir ein Zeichen dafür, dass jüdisches Leben in Deutschland nicht nur überlebt, sondern blüht und wächst.“ Foto: Dana Nowak

Halle gedenkt: Schweigeminute, Kirchenglocken und Kranzniederlegungen

Die Gedenkveranstaltung hatte 12 Uhr mit einer Schweigeminute für die Opfer begonnen. An der Zeremonie nahmen unter anderen der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Max Privorozki sowie Halles Bürgermeister Egbert Geier teil. Zur Anschlagszeit 12:03 Uhr läuteten in Halle die Kirchenglocken, Straßenbahnen blieben für den Moment stehen. Vor den Anschlagsorten, der Synagoge sowie dem Café Tekiez (ehemals Kiez-Döner), legten Politiker Kränze nieder. 

Kranzniederlegung vor dem Café Tekiez, dem ehemaligen Döner-Imbiss, in dem Kevin Schwarzer ermordet wurde. Foto: Dana Nowak

Am 9. Oktober 2019, dem höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, hatte ein schwer bewaffneter Attentäter versucht, in die Synagoge in Halle einzudringen. Als ihm dies nicht gelang, erschoss er vor der Synagoge die Passantin Jana Lange und in dem Imbiss „Kiez-Döner“ Kevin Schwarze. Auf seinem Weg dorthin verletzte er weitere Passanten, bis er von der Polizei gefasst wurde. Das Oberlandesgericht Naumburg verurteilte den heute 30-Jährigen zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Eine Tora-Rolle für Halle und Spenden für Terror-Opfer

Das Tora-Rollen-Projekt läuft noch bis Ende Januar. Zuwendungen, die über die Herstellungs- und Beschaffungskosten der Tora-Rolle hinausgehen, kommen einem Projekt für israelische Terror-Opfer zugute. Mehr Informationen unter www.tora-rolle.de

Teilen:

Drucken:

Print Friendly, PDF & Email

Informiert bleiben.

Weitere Artikel

19. Apr. 2024
Trauer, Schmerz, Sorge, dazu das Gefühl im eigenen Land nicht mehr sicher zu sein – das ist ...
16. Apr. 2024
Das iranische Regime hat den Staat Israel in beispielloser Art und Weise erstmalig direkt angegriffen. Spätestens jetzt ...
12. Apr. 2024
Georg Loewenstein hat den Holocaust in einem Land überlebt, das zu dieser Zeit viele nur von Postkarten ...
10. Apr. 2024
Ein Bündnis mehrerer pro-palästinensischer und israelfeindlicher Gruppen aus dem linken und islamistischen Spektrum hat als Reaktion auf ...
08. Apr. 2024
Israel durchlebt derzeit die schwerste Traumatisierung seit seiner Staatsgründung – Land und Volk sind zutiefst verwundet. Zugleich ...
Ausgabe 128 | April 2024

Suche

Informiert bleiben

Name*
Datenschutz*