Ein lange gehütetes Geheimnis: Die Namenstafel von Wassilkow

Ein lange gehütetes Geheimnis: Die Namenstafel von Wassilkow

Jakow Iserowitsch, Leiter der kleinen jüdischen Gemeinde von Wassilkow, am Grab seiner Eltern. Alle Fotos: CSI

Die Ukraine ist besonders im Südosten des Landes weiterhin eine große offene Wunde – von den Überflutungen und der Zerstörung der Ernte infolge der Sprengung des Kachowka-Staudamms am Schwarzen Meer bis zu den andauernden Kämpfen im Donbass. Auch das europaweit größte Atomkraftwerk in Saporischschja hält als Hochrisikofaktor die Bevölkerung in Atem. Zwischen all diesen Bedrohungen ist unser Team nach wie vor unterwegs, um in den jüdischen Gemeinden Hilfe zu leisten, wo immer sie benötigt wird.

„Willst du Wassilkow sehen? Die Spuren der jüdischen Gemeinschaft dort?“, fragt meine Kollegin Natalia. Seit nunmehr 18 Kriegsmonaten ist sie unermüdlich unterwegs, um Bedürftige mit Lebensmitteln zu versorgen, Gefährdete zu evakuieren und Verzweifelte zu ermutigen.

Wir treffen Jakow Iserowitsch im Hof an, wo er gerade in seiner kleinen Werkstatt zugange ist. Mit seinen zwei Gehstöcken kämpft er sich in unseren Minibus und beginnt unterwegs, von seiner jüdischen Gemeinde zu erzählen. „1500 Juden gab es ursprünglich in Wassilkow. Dann durften die Juden auf Befehl Katharinas der Großen nicht mehr in den großen Städten wie Moskau und Kiew siedeln. Viele Kiewer Juden zogen damals ins nahegelegene Wassilkow. Ende des 19. Jahrhunderts gab es hier 5000 Juden, die Hälfte der Bevölkerung.“

Die historische Synagoge von Wassilkow steht heute leer.

Unsere erste Adresse ist der jüdische Friedhof. Da jüdische Gräber nicht eingeebnet werden, lässt sich dort manchmal jahrhundertealte jüdische Geschichte entdecken. Am Eingang des allgemeinen Friedhofsgeländes sind zwei Reihen von blau-gelben Fahnen aufgesteckt. Das sind die frischen Gräber der Gefallenen im Donbass. Die Tragödie des aktuellen Krieges ist allgegenwärtig.

Im Exil geboren

Jakow ist 1945 im Exil in Sibirien geboren. „Papa hat seine Mutter schon verloren, da war er erst zwei“, berichtet Jakow. „Sein Vater war taub. Papa musste schon mit neun Jahren Geschirr spülen gehen, um etwas zum Leben zu verdienen. Sie waren drei Geschwister – der Älteste, Aron; Papas Schwester Golda und mein Vater, Iser. Als der Krieg 1941 begann, ist Papa an die Front; Aron ist nach Sibirien ins Hinterland geschickt worden, Mama auch.“ Als Jakows Vater aus dem Krieg zurückkam, lagen sein Vater und seine Schwester Golda in einem Massengrab – ermordet von der deutschen Besatzung.

„Papa hat sich mit den überlebenden Juden unseres Ortes daran gemacht, die Leichen zu exhumieren und auf dem jüdischen Friedhof zu bestatten“, so Jakow. „In Privatinitiative haben sie ein Mahnmal errichtet und eine Tafel mit den Namen der ermordeten Familien angebracht. Dann ist Papa zum zuständigen Parteisekretär, um die offizielle Eröffnung des Mahnmals abzustimmen. Der Parteisekretär ist mit ihm hingefahren und hat sich die Tafel angesehen. ‚Warum hast du nur jüdische Namen darauf geschrieben?‘, wollte er wissen. Papa musste ihm das Offensichtliche erklären. ‚Das gefällt mir nicht‘, hat der Parteisekretär ihn angefahren. ‚Ich gebe dir zwei Tage. Wenn die Namen bis dahin nicht verschwunden sind, schicke ich einen Traktor und mache alles platt. ‚Hier liegen die Überreste der Opfer des Faschismus‘, das kannst du schreiben.‘“

Die Gedenktafel mit den bis 1991 verborgenen Namen der ermordeten Juden von Wassilkow.

Jakow kommen die Tränen. „Ist das etwa ein würdiges Gedenken, nach der Ermordung auch noch die Namen auszulöschen?!“ Doch Jakows Vater war auch nicht auf den Kopf gefallen. „Was hat Papa gemacht? Er hat die Tafel umgedreht. Auf der Rückseite hat er den Text angebracht, den der Parteisekretär sehen wollte. Dann hat er alles sorgfältig mit Beton verfugt.“

Ein altes Geheimnis wird gelüftet

Die Jahre gingen ins Land. Niemand wusste von Isers Geheimnis. Doch als die Gebrechen des Alters zunahmen, begann er sich zu sorgen, dass er sein Geheimnis mit ins Grab nehmen könnte. Eines Tages Ende der 1960er Jahre rief er seinen Sohn Jakow zu sich. „Hör zu, die Zeit wird kommen, da wird das kommunistische System zerbrechen und die Sowjetunion in ihre Bestandteile zerfallen. Ich werde das nicht mehr erleben, aber du. Versprich mir, dass du die Tafeln dann richtig herum anbringen wirst!“

Wieder kommen Jakow die Tränen bei der Erinnerung an seinen prophetischen Vater. Viele Jahre lang war nun er Träger des Geheimnisses. 1991 war es dann so weit. „Ich habe mich erst an die jüdische Gemeinde gewandt, aber da war niemand interessiert. Da habe ich einen Freund gefragt. Einen Deutschen, ausgerechnet; einen Wolgadeutschen. Der hat mir geholfen, die Tafel ganz vorsichtig von dem Putz zu lösen. Dabei ist sie in zwei Teile zerbrochen. Ich habe sie in einen Metallrahmen einfassen lassen. Dann sind wir mit einer kleinen Gruppe auf den Friedhof gegangen und haben mit einem Gedenkkonzert und Gebet den Wunsch meines Vaters erfüllt und den ermordeten Juden von Wassilkow ein würdiges Gedenken gegeben.“

Anemone Rüger mit Gemeindeleiter Jakow am Mahnmal für die ermordeten Juden von Wassilkow.

Die schöne Synagoge von Wassilkow wurde schon in den 1930er Jahren von den Sowjets entweiht und als Bahnhofsgebäude zweckentfremdet. In den letzten Jahren haben sich Obdachlose in dem heruntergekommenen Gebäude einquartiert. Wir tragen Jakow und seiner Frau Svetlana eine große Einkaufstüte ins Haus, die wir mit Delikatessen zum Schabbat gefüllt haben. Stufe um Stufe kämpft sich Jakow nach oben in den letzten, den fünften Stock. „Wir waren jung damals, als wir die Wohnung bekommen haben“, erklärt Svetlana. „Damals konnten wir uns noch nicht vorstellen, dass das Treppensteigen einmal mühsam werden könnte.“

Ich erzähle Jakow zum Schluss unserer unverhofften Begegnung noch von meinen Eltern, ihrem täglichen Gebet für Israel zu DDR-Zeiten, und von den vielen Freunden, die das jüdische Volk in Deutschland hat. Jakow ist so bewegt, dass er gleich das große Bild an der Wand abhängen und mir mitgeben möchte. Wir einigen uns, dass das Bild bis auf weiteres an seinem Platz bleibt und ich es bei nächster Gelegenheit wieder besuche. „Wir werden auf dich warten“, sagen die beiden zum Schluss.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 134. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

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