„Embrace“ – Eine Umarmung für Maria

„Embrace“ – Eine Umarmung für Maria

Anemone Rüger mit Maria
CSI-Mitarbeiterin Anemone Rüger (r.) überreicht Maria ein Waffelherz als Zeichen der Wertschätzung. Alle Fotos: CSI

Jüdische Senioren, die in den vergangenen zwei Jahren vor dem Krieg in der Ukraine nach Israel geflohen sind, haben nun als Neueinwanderer mit der angespannten Lage im Land doppelt zu kämpfen. Vielen von ihnen werden über das von CSI geförderte Programm „Embrace“ (Umarmung) der israelischen Einwanderungsbehörde Jewish Agency von israelischen Studenten betreut, die ihre Wurzeln in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion haben, aber völlig in Israel integriert sind. Unsere Mitarbeiterinnen Alina (Ukraine) und Anemone (Deutschland) besuchten sie im Januar.

Ich muss ein paar Mal nachfragen, bis ich mir den Namen merken kann – er klingt weder aus dem Russischen noch aus dem Hebräischen vertraut. Dann kommt die Auflösung: Etery ist in Baku, Aserbaidschan, geboren. Sie ist eine der Studentinnen, die über unser Programm „Embrace“ jüdische Senioren besucht, die erst vor kurzem nach Israel gekommen sind.

„Wir haben 1993 Alijah gemacht“, erzählt Etery. „Erst meine Brüder, dann ich, dann meine Eltern. Das kam durch den Krieg in Bergkarabach Anfang der 1990er. Damals sind die Aserbaidschaner durch die Stadt gezogen und als sie gemerkt haben, dass Papa keiner von ihnen ist, haben sie gedacht, er sei Armenier und hätten ihn beinahe umgebracht. Da sind wir alle nach Israel gegangen.“

Etery kümmert sich um Galina und Jefim, die vor knapp zwei Jahren aus dem heftig bombardierten Charkow flohen. „Wir hatten uns in einem Vorort von Charkow gerade schön für die Rente eingerichtet. Plötzlich waren wir drei Wochen lang von allem abgeschnitten“, erzählt Galina. „Kein Strom, keine Heizung bei minus 18 Grad. Dann sind wir bei der ersten Gelegenheit raus. Unsere Kinder sind noch dort. Sie können nicht weg, weil sie im wehrpflichtigen Alter sind. Wir warten alle, dass der Krieg zu Ende geht … Hier in Israel kennen wir keine einzige Seele. Aber Etery macht alles für uns. Sie hilft uns bei den Papieren, sie ist immer für uns da, wenn wir etwas brauchen. Wir haben gemerkt, wenn Gott irgendwo eine Tür schließt, dann öffnet er woanders ein Fenster. Wir sind hier angekommen.“

Jefim und Galina entkamen den Bombardements in Charkow. Sie leben nun in Carmiel und freuen sich über den Besuch. V. l. n. r. Alina (CSI Ukraine), Ehepaar Jefim und Galina aus Charkow, Anemone (CSI Deutschland), Betreuerin Etery von Embrace.

Bei Maria ist es umgekehrt – „ihre“ Studentin, Lital, hat ihre Wurzeln in Charkow, doch Maria selbst kommt aus Moskau. „Als der Krieg gegen die Ukraine anfing, hat meine Tochter mit ihrer Familie entschieden, dass sie nicht mehr in so einem Land leben wollen“, berichtet Maria. „Sie sind nach Deutschland gegangen. Aber ich dachte, was soll ich dort … sie haben ihr eigenes Leben. Ich wollte dorthin, wo meine Wurzeln sind. Meine beiden Eltern waren jüdisch. Meine Mutter hieß Fejga, mein Vater Hersch. Sie stammten beide aus Slawuta in der Westukraine. Die Familie hat versucht zu fliehen im Zweiten Weltkrieg. Aber aus irgendeinem Grund sind meine Großeltern mütterlicherseits wieder zurückgegangen. Sie wurden ermordet. Ihre Namen könnt ihr in Yad Vashem finden. Jechiel-Judka hieß mein Großvater und Esther-Malka meine Großmutter.“

Marias Mutter entkam aus ihrer Heimatstadt Odessa, indem sie in der Rüstungsindustrie im Ural in Magnitogorsk arbeitete. Dort lernte sie Marias Vater kennen. „Sie haben nie geredet“, erklärt Maria. „Besonders Mama hatte solche Angst. Unsere Familie stand in den letzten Jahren des Stalin-Regimes schon auf der Deportationsliste. Einfach wegen unserer Nationalität, als nicht vertrauenswürdige Elemente der Sowjetunion. Zum Glück ist es nicht mehr so weit gekommen, weil die Urteile mit Stalins Tod aufgehoben wurden.

Maria floh bei Kriegsbeginn in der Ukraine in das Land ihrer Vorfahren.

Ich bin froh, dass ich hierhergekommen bin. Hier fühle ich mich zu Hause. Hier wohnt eine Freundin von mir, aus Magnitogorsk. Wir gehen zusammen in eine russischsprachige jüdische Gemeinde. Wir lernen auch dreimal die Woche zusammen Ivrit. Und Lital hilft mir auch ein bisschen dabei. Ich helfe ihr dafür, Russisch schreiben zu lernen. Sie spricht zwar die Sprache ihrer Eltern, aber beim Schreiben braucht sie Hilfe. So ergänzen wir uns gut.“

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