München 1972: Nach 50 Jahren am Ziel

München 1972: Nach 50 Jahren am Ziel

Eine Gedenktafel vor dem damaligen Quartier der israelischen Mannschaft im Münchner Olympiador erinnert an die Opfer des Attentats. Foto: Wikipedia, High Contrast | CC BY 3.0 DE

Jahrzehntelang stritten die Angehörigen der beim Olympia-Massaker 1972 ermordeten Israelis mit Deutschland um die Aufarbeitung von Fehlern der deutschen Behörden. Zum 50. Jahrestag gab es eine Einigung. Unter anderem sieht sie Zahlungen in Höhe von 28 Millionen Euro vor. Ist das angemessen?

Abschließen wird Ankie Spitzer damit nie können. Aber als sie am 5. September bei der Gedenkveranstaltung für das Olympia-Massaker von München 1972 an elf Israelis spricht, scheint doch eine Last von ihr, der Frau des ermordeten Fechttrainers André Spitzer, zu fallen: „Endlich, nach 50 Jahren, haben wir unser Ziel erreicht.“

Erst wenige Tage zuvor hatten sich Vertreter der Opfer und Deutschlands auf eine „Gesamt­konzeption“ für den weiteren Umgang mit den Ereignissen einigen können: Sie umfasst eine Aufarbeitung durch eine deutsch-­israelische Historikerkommission, die Übernahme von politischer Verantwortung und „Anerkennungsleistungen“ an die Hinterbliebenen in Höhe von insgesamt 28 Millionen Euro durch den Bund, das Land Bayern und die Stadt München.

„50 Jahre Schmähung“

Vorausgegangen war ein jahrzehntelanges Ringen. Die Täter waren Palästinenser. Doch Deutschland trägt auch Verantwortung: Das Sicherheitskonzept bei den Spielen war unzureichend, Befreiungsversuche scheiterten, der letzte endete im Tod aller Geiseln. Dass Deutschland die Aufarbeitung jahrzehntelang verschleppte, war aus Sicht der Opfer ein Schlag ins Gesicht, sie sprachen von „50 Jahren Schmähung, Lügen, Demütigung und Zurückweisung“.

Als sich der 50. Jahrestag näherte, erhöhte die Gruppe um Spitzer den Druck, stets die Drohung im Petto, selbst nicht an den Gedenkfeierlichkeiten teilzunehmen – nicht nur für Deutschland, sondern für die deutsch-israelischen Beziehungen insgesamt wäre das ein Desaster gewesen.

Zuletzt blieb vor allem die Höhe weiterer Entschädigungen strittig: Rund viereinhalb Millionen Euro hatten die Angehörigen bis dato von Deutschland erhalten. In Gerichtsprozessen um höhere Summen scheiterten sie in den 1990er Jahren. Ein Urteil, das Zahlungen für Amtspflichtverletzungen wegen Verjährung ablehnte, wurde 2001 rechtskräftig.

Von weiteren Gerichtsprozessen war dementsprechend keine Rede, als die Angehörigen die Angelegenheit nun neu thematisierten. Sie musste nach politisch-­moralischen Maßstäben gelöst werden. Bisherige Zahlungen seien zu großen Teilen von den Prozesskosten aufgefressen worden, machten die Opfervertreter geltend und forderten „internationale Standards“ in der Entschädigungshöhe ein. Sie verwiesen auf den Anschlag auf ein Flugzeug über Lockerbie von 1988. Der libysche Staat sagte später 10 Millionen Dollar pro Opfer zu.

Internationaler Standard?

Die Entschädigungssumme einzuordnen, fällt schwer: Die Opferhilfeeinrichtung „Weißer Ring“ etwa will sie auf Nachfrage nicht mit anderen Zahlungen vergleichen. „Schurat HaDin“, eine israelische Organisation, die Terror-Opfer vertritt, sagt gegenüber Israelnetz, so etwas wie ein „internationaler Standard“ existiere nicht, wenngleich einige Länder mit Terrorerfahrung Standards entwickelt hätten.

Die Einigung auf 28 Millionen Euro bezeichnet die Präsidentin Nitsana Darschan-Leitner als angemessener im Vergleich zu ersten Angeboten von zusätzlichen fünfeinhalb Millionen Euro, aber auch als „immer noch sehr niedrig“. Andreas Schulz, ein führender deutscher Opferanwalt, verweist gegenüber dem „Stern“ darauf, dass in Fällen von Schäden durch Medikamente weit mehr als 10 Millionen Euro pro Opfer gezahlt würden.

Andererseits lassen sich auch Gegenbeispiele finden. So wurden etwa in den Jahren nach den Anschlägen vom 11. September 2001 für jeden Toten im Schnitt rund 2 Millionen Dollar ausgezahlt. Jedoch hatte es dafür nicht jahrzehntelange Anstrengungen der Opferangehörigen gebraucht, eine Zeit, die Leid noch verstärkt. Letztlich dürfte jeder Versuch, eine objektiv angemessene Summe zu finden, zum Scheitern verurteilt sein: Verlorene Menschenleben sind nie durch Geld zu kompensieren. Zu hoffen bleibt, dass die gefundene Einigung trägt und die Opferangehörigen zur Ruhe kommen können.

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