SOS Ukraine  – Ein Jahr Krieg

SOS Ukraine  – Ein Jahr Krieg

Valeria ist mit ihrer kleinen Tochter Sofia nach Israel aufgebrochen. Dort wurde sie von ihren Schwiegereltern in Empfang genommen, die auch geflohen sind. Ihr Mann musste in der Ukraine zurückbleiben. Foto: C4I

Das Datum des 24. Februar 2022 hat sich in das kollektive Gedächtnis der Ukraine eingebrannt. Was niemand für möglich gehalten hatte, geschah doch: Nachdem das Verhältnis zwischen beiden Ländern schon seit 2014 äußerst angespannt gewesen war, marschierte Russland am Donnerstag, 24. Februar, in der benachbarten Ukraine ein.

Von Koen Carlier, Christians for Israel – Ukraine, übersetzt von Anemone Rüger, CSI

Ich nehme Sie ein Jahr mit zurück. Am 21. Februar 2022 versammelten wir uns als Team von Christians for Israel – Ukraine in unserer fertiggestellten Notunterkunft, um miteinander zu beten und noch einmal alle Punkte durchzugehen – für den Fall der Fälle. Wir hatten ja schon seit November 2021 alle möglichen Vorbereitungen getroffen. Unser Motto war: Wir beten und hoffen das Beste, aber wir wollen auch auf das Schlimmste vorbereitet sein.

Wenige Tage nach unserer Besprechung wurde der Albtraum Realität. Es waren äußerst angespannte Stunden – die ersten panischen Anrufe; die ersten Flüchtlinge, die uns um Hilfe anflehten; die ersten Fahrten der Evakuierungsbusse, die nun Tag und Nacht unterwegs sein sollten. Die zwölf Helferinnen in der Großküche arbeiteten Tag und Nacht. Binnen kürzester Zeit waren unsere drei Notunterkünfte voll. Dort konnten die Flüchtlinge jeweils ein, zwei Tage unterkommen, bevor sie sich weiter auf den Weg nach Rumänien beziehungsweise Moldawien und schließlich nach Israel machten.

Mariupol

Die größten Sorgen machten wir uns um die Ostukraine, besonders um die Stadt Mariupol. Wir taten, was wir konnten – in Kooperation mit Rabbi Mendel Cohen, mit dem wir schon seit Jahren eng zusammenarbeiteten. Dann wurden die Luftangriffe jedoch so heftig, die Zerstörungen so weitreichend, dass die Lage in der Stadt nicht mehr auszuhalten war. Wer konnte, floh, in manchen Fällen zu Fuß; doch für viele war es schon zu spät. Viele hundert Menschen suchten im Kellergeschoss des örtlichen Theaters Zuflucht, aber auch dieses Gebäude wurde angegriffen und dem Erdboden gleich gemacht. Ein älteres jüdisches Ehepaar, das sich auch in dem Keller aufgehalten hatte, konnte lebend geborgen werden und kam über viele Umwege in unsere Notunterkunft – völlig traumatisiert. Schließlich konnten auch sie über Moldawien nach Israel ausgeflogen werden.

 Spuren des Krieges. Foto: C4I

Der Krieg hat tiefe Spuren hinterlassen. Wir konnten tausende Juden evakuieren und über die Nachbarländer nach Israel bringen – besonders Mütter, Kinder und Ältere, darunter auch zahlreiche Holocaust-Überlebende, auch die biblisch genannten Blinden und Lahmen. Im Ganzen war es ein erschütterndes Jahr für die Ukraine, aber auch ein historisches Jahr im Hinblick auf die Rückkehr der ukrainischen Juden nach Israel. 15.213 Juden aus der Ukraine haben im vergangenen Jahr das Bibelwort aus den Propheten erlebt: „Flieht aus dem Land des Nordens… nach Zion.“

Zwei Plastiktüten

Im April vergangenen Jahres kamen Michail und seine Frau Jelena in unsere Unterkunft. Sie waren aus Mariupol geflohen. Alles, was sie bei sich hatten, waren zwei gepackte Plastiktüten. Das war alles, was sie in wenigen Minuten hatten zusammensuchen können. Eine der Tüten werden Sie auf Anhieb wiedererkennen – eine unserer Lebensmitteltüten, die wir regelmäßig in den jüdischen Gemeinden verteilen. Darauf steht auf Ukrainisch der Bibelvers aus Psalm 121: „Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.“

Wir brachten sie mit unserem großen Evakuierungsbus zusammen mit vielen anderen Flüchtlingen, an die moldawische Grenze. Dort passierten die Flüchtlinge dann die lange Fußgängerbrücke für die Weiterreise zur moldawischen Hauptstadt Chișinău.

Michail und Jelena sind mit zwei gepackten Plastiktüten aus Mariupol geflohen. Foto: C4I

Valeria und ihr Baby

Am 1. Februar dieses Jahres brachten wir eine junge Frau, Valeria, mit ihrem drei Monate alten Baby Sofia von Kiew nach Moldawien. Vor einigen Tagen erhielten wir dieses bewegende Foto. Was wir nicht wussten: Valeria war mit ihrem Mann zusammen aus Mariupol geflohen, um ihr erstes Kind an einem halbwegs sicheren Ort zur Welt zu bringen. Valeria entschied sich nun, die lange Reise nach Israel mit ihrem Baby zu wagen. Dort warten ihre Schwiegereltern seit April vergangenen Jahres. Sie haben Valeria eindringlich gebeten, bei erster Gelegenheit zu kommen, bevor womöglich eine zweite Offensive das Land mit einer neuen Welle der Gewalt überspült und es vielleicht unmöglich macht, einen Weg aus der Ukraine heraus zu finden. Damit stand Valeria vor einer sehr schwierigen Entscheidung, denn ihr Mann darf das Land nicht verlassen, da sich Männer zwischen 18 und 60 Jahren zur Verteidigung ihres Landes bereithalten müssen. Doch sie wollten kein zweites Mariupol abwarten. „Ich habe mein kleines Mädchen angeschaut und mich gefragt: Möchte ich sie hier oder in Israel großziehen? Da fiel mir die Entscheidung leicht!“ sagt Valeria. Nun erhielten wir dieses herzerwärmende Foto von der vorläufigen Familienzusammenführung in Israel, im Verheißenen Land, wo sich Rabbi Mendel soweit ihm möglich persönlich weiter um das Wohlergehen seiner geretteten Gemeindemitglieder kümmert.

Valeria mit ihrem Baby und ihren Schwiegereltern in Israel. Foto: C4I

Wie geht es weiter?

Auch wir können nur spekulieren, in welche Richtung sich der Krieg weiter entwickeln könnte. Was wir wissen ist, dass er für Millionen von Ukrainern unfassbares Leid verursacht hat: Zehntausende von zerbrochenen Familien; ein Gefühl der Hilflosigkeit und ein Hass, der für Generationen präsent sein wird.

Wieder hat uns ein Vers aus einem Psalm ermutigt: „Schaffe uns Beistand in der Not, denn Menschenhilfe ist nichts nütze.“ (Psalm 60,11) Primär wurde dieser Vers für Israel beziehungsweise das jüdische Volk im Hinblick auf seine Feinde geschrieben. Wenn wir auf das vergangene Jahr zurückschauen, tun wir das mit sehr gemischten Gefühlen. Doch was überwiegt, ist die Dankbarkeit an unseren treuen Gott, der uns behütet und der sein Volk errettet; und gleichzeitig Dankbarkeit für so viele treue Helfer, Beter und Spender, die uns in dieser notvollen Zeit unterstützen!

Meine Tochter Eliana (9) hat dieses Bild gemalt, mit Hilfe unserer Mitarbeiterin Nastja: Ein Bus von Christians for Israel (C4I) bringt jüdische Flüchtlinge durch das geteilte Meer. Foto: C4I

Für uns stehen weiterhin viele Fahrten an, um die jüdischen Flüchtlinge in Sicherheit zu bringen und auf ihre Abreise nach Israel vorzubereiten. Noch ist die „Passage durch das Rote Meer“ offen. Noch können wir die Hindernisse überwinden, jüdische Familien in Not unterstützen und ihnen auf ihrem Weg nach Israel helfen. Wir hoffen, das auch weiterhin tun zu können!

Zusagen Gottes

In Jesaja 43,6 finden wir den Aufruf, bei der Rückkehr von Gottes Volk nach Israel zu helfen. Es gibt viele weitere Bibelverse zur Heimkehr der Juden. Als Christen an der Seite Israels sind wir dankbar, bei dieser großen Aufgabe mithelfen zu dürfen.

Mit 135 Euro können Sie die Rückkehr eines ukrainischen Juden nach Israel ermöglichen. Der Betrag deckt die Beratung im Vorfeld, Fahrten zum Konsulat, den Transport zum Flughafen, sowie Übernachtungskosten ab. Jede Spende ist willkommen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf: https://www.c4israel.org/news/update-from-ukraine-a-year-of-war/

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