Festmonat September: Von Rosch HaSchana bis Jom Kippur

Festmonat September: Von Rosch HaSchana bis Jom Kippur

Das Schofar wird von gläubigen Juden zum Neujahrsfest sowie zum Ende des Versöhnungstages Jom Kippur geblasen. Das Naturhorn ist das wohl älteste überlieferte Instrument aus der Bibel. Foto: Lightstock

Von Kees de Vreugd, Theologe und Redakteur des Magazins „Israel and the Church“, aus dem Englischen übersetzt von Marie-Louise Weissenböck

In den September fallen mit Rosch HaSchana und Jom Kippur einige der wichtigsten Feiertage des Judentums. Überlieferungen und Rituale legen fest, wie diese Tage zu begehen sind, die inhaltlich in engem Zusammenhang stehen. Eine Erläuterung mit aufschlussreichen Aspekten.

Neujahrsfest Rosch HaSchana

Das jüdische Neujahrsfest Rosch HaSchana (zu Deutsch „Kopf des Jahres“) wird zwei Tage lang gefeiert und beginnt am 1. Tischri, dem ersten Tag des jüdischen Jahres. Es ist der Jahrestag der Erschaffung von Adam und Eva, des ersten Mannes und der ersten Frau, und ihrer ersten Handlungen zur Verwirklichung der Rolle des Menschen in Gottes Welt. Rosch HaSchana betont somit die besondere Beziehung zwischen Gott und der Menschheit: Wir sind von Gott als unserem Schöpfer und Erhalter abhängig, aber Gott möchte, dass wir seine Gegenwart in seiner Welt bekannt und spürbar machen.

Himmlisches Gericht

Jedes Jahr an Rosch HaSchana gehen „alle Bewohner der Welt wie eine Schafherde vor Gott“ und im himmlischen Gericht wird entschieden, „wer leben und wer sterben soll (…), wer verarmen und wer reich werden soll; wer fällt und wer aufstehen soll.“ Aber dies ist auch der Tag, an dem Gott als König des Universums verkündet wird. Die jüdische Mystik lehrt, dass die Erneuerung von Gottes Wunsch für das Weiterbestehen dieser Welt und damit auch für die Existenz des Universums von der Frage abhängt, ob wir Gott als unseren König akzeptieren – was in ihm den Wunsch erweckt, diese Welt für ein weiteres Jahr zu erhalten.

Schofar-Blasen

Das zentrale Gebot an Rosch HaSchana ist das Blasen des Schofars, des Widderhorns, das auch das Trompetenblasen zur Krönung des Königs eines Volkes symbolisiert. Der Ruf des Schofars ist zudem ein Aufruf zur Buße: Denn Rosch HaSchana ist auch der Jahrestag der ersten Sünde des Menschen und seiner Reue darüber und dient als erster der „Zehn Tage der Buße“, die in Jom Kippur gipfeln, dem Tag der Versöhnung.

Eine weitere Bedeutung des Schofars ist die Erinnerung an die Fesselung Isaaks (1. Mose 22), die ebenfalls an Rosch HaSchana stattfand und bei der schließlich ein Widder den Platz Isaaks als Opfergabe für Gott einnahm. Abrahams Bereitschaft, seinen Sohn zu opfern, wird als Bitte heraufbeschworen, dass das Verdienst seiner Tat Israel beistehen möge, während für ein Jahr voller Leben, Gesundheit und Wohlstand gebetet wird. Insgesamt hören gläubige Juden im Laufe des Rosch-HaSchana-Gottesdienstes einhundert Schofartöne.

In Honig getauchte Apfelstücke symbolisieren den Wunsch nach einem süßen neuen Jahr. Foto: Unsplash

Apfel und Honig

Zu Rosch HaSchana gehören weitere Rituale:

  • Das Essen von in Honig getauchten Apfelstücken, das den Wunsch nach einem süßen Jahr symbolisiert sowie anderer besonderer Speisen, die den Segen des neuen Jahres symbolisieren.
  • Sich gegenseitig mit den Worten „Leshana tovah tikatev v’tichatem“ zu segnen: „Mögest du für ein gutes Jahr eingeschrieben und versiegelt sein.“
  • Taschlich, ein besonderes Gebet, das in der Nähe eines Gewässers (Ozean, Fluss, Teich) gesprochen wird, in Anlehnung an den Vers „Und du wirst ihre Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.“ (Micha 7,19).

Wie an jedem jüdischen Feiertag werden auch an jedem der Neujahrsabende die Kerzen angezündet und der entsprechende Segen aufgesagt. Nach dem Abend- und Morgengebet jedes Festtages wird ein Kiddusch (Segensspruch) über dem Wein gesprochen, ein Segen über die Brote rezitiert und ein Festtagsmal genossen.

Jom Kippur

Jom Kippur ist der heiligste Tag des Jahres – der Tag, an dem sich Juden Gott am nächsten fühlen. Es ist der Tag der Versöhnung: „Denn an diesem Tag wird er euch vergeben, um euch zu reinigen, damit ihr von all euren Sünden vor Gott gereinigt werdet.“ (3. Mose 16,30). Fast sechsundzwanzig Stunden lang – von einigen Minuten vor Sonnenuntergang des 9. Tischri bis nach Einbruch der Dunkelheit am 10. Tischri – „betrüben gläubige Juden ihre Seelen“: Sie enthalten sich des Essens und Trinkens, waschen und salben ihre Körper nicht, tragen keine Lederschuhe und enthalten sich ihrer ehelichen Pflichten.

Vorbereitung

Am Tag vor Jom Kippur gibt es zwei festliche Mahlzeiten: eine tagsüber, die andere kurz vor Feiertagsbeginn. Frühmorgens gehen manche Juden zum Kapparot-Sühnedienst. Ein weiterer Brauch dieses Vortages ist das Empfangen eines Stücks Honigkuchens in Anerkennung dessen, dass alle Menschen nur Empfänger in Gottes Welt sind und betend auf ein süßes Jahr hoffen. Alle, denen man etwas Unangemessenes angetan haben könnte, werden um Vergebung gebeten. Auch wird eine Extrasumme für wohltätige Zwecke gespendet und die Kinder werden feierlich gesegnet.

Zu Sonnenuntergang werden an Jom Kippur Kerzen angezündet. Foto: Unsplash

Vor Sonnenuntergang zünden Frauen eine Gedenkkerze sowie die Festtagskerzen an. Dann ist es an der Zeit, zum Kol Nidrei-Gottesdienst in die Synagoge zu gehen. Im Laufe von Jom Kippur werden fünf Gottesdienste mit besonderen Gebeten abgehalten:

  • Ma‘ariv mit dem feierlichen Kol Nidrei-Gottesdienst am Vorabend von Jom Kippur.
  • Schacharit: Das Morgengebet, welches eine Lesung aus dem 3. Buch Mose und den anschließenden Jizkor-Gedenkgottesdienst umfasst.
  • Musaf, welches eine detaillierte Beschreibung des Jom Kippur-Gottesdienstes im Heiligen Tempel enthält.
  • Minchah mit der Lesung aus dem Buch Jona.
  • Zu Sonnenuntergang Ne‘ilah mit dem Versiegelungs-Gebet: Die den ganzen Tag über offenstehenden Himmelstore werden jetzt verschlossen, jeder ist mit dem Ewigen allein und hat Zugang zur wesentlichsten Ebene seiner Seele.

Das Sündenbekenntnis (hebräisch: Al Chet) wird im Laufe des Jom Kippur achtmal gesprochen und bei jeder Gelegenheit werden Psalmen rezitiert. Dieser Tag ist der feierlichste des Jahres und doch ist er von einem Unterton der Freude durchdrungen: einer Freude, die in der Spiritualität des Tages schwelgt und die Zuversicht zum Ausdruck bringt, dass Gott die Reue eines jeden annimmt, die Sünden vergibt und das Urteil für ein Jahr voller Leben, Gesundheit und Glück besiegelt.

Der abschließende Ne‘ilah-Gottesdienst gipfelt in den schallenden Rufen „Höre, Israel … Gott ist einer.“ Dann bricht die Gemeinde in ein freudiges Singen und Tanzen aus, gefolgt von einem einzigen Schofar-Stoß und der Verkündigung „Nächstes Jahr in Jerusalem“. Anschließend nehmen alle an einem festlichen Nach-Fasten-Mahl teil. Die Nacht nach Jom Kippur wird damit in einem eigenständigen Jom Tov (Festtag) verwandelt.

Adaptiert aus www.chabad.org

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 134. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

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