„Ich weiß, wann man besser verschwindet“

„Ich weiß, wann man besser verschwindet“

Ljowa, ein ukrainischer Holocaust-Überlebender, mit seiner Schwester nach dem 2. Weltkrieg.

Moldawien ist für unseren Dienst in und um die Ukraine inzwischen zu einer Art Drehscheibe geworden. Von der Hauptstadt Chisinau aus machen die Juden, die unser Team aus den Krisengebieten in der Ukraine evakuiert hat, Alijah nach Israel. Hier haben wir Kontakt zu jüdischen Gemeinden bekommen, deren Überlebende und Bedürftige wir jetzt mit in unser Patenschaftsprogramm aufnehmen konnten. Und hier ist auch der Ausgangspunkt für meine erste Reise in die Ukraine seit einem Jahr.

Ljowa 2022 mit einer deutschen Reisegruppe in seiner Wohnung in Uman. Foto: CSI

Als er mich sieht, fällt mir Ljowa um den Hals. “Ich bin so froh, dich zu sehen! Dass ihr noch an mich denkt!”

Ljowa war einer der ersten Holocaust-Überlebenden, die wir vor fünf Jahren in unser Patenschaftsprogramm aufgenommen haben. Bisher hat er im südostukrainischen Uman gelebt. Jetzt wartet er in Chisinau auf seinen Abflug nach Israel.

„Ich wollte nie weg aus meiner Wohnung. Ich lebe schon so lange dort. Aber dann haben sie die Getreidesilos bombardiert, nur ein paar hundert Meter von meinem Wohnblock entfernt. Die Druckwelle hat auch meinen Balkon erwischt. Weißt du, ich habe schon mal einen Krieg mitgemacht, und ich weiß, wann man besser verschwindet.“

Ljowa mit seiner Schwester nach dem 2. Weltkrieg. Foto: privat.

Der Kriegsausbruch Ende Februar hat alles wieder hochgebracht. Ljowa war sieben Jahre alt, als die Wehrmacht in seiner Heimatstadt Lubny bei Charkow einmarschierte. „Ich weiß noch genau, wie wir alle in dem Keller gehockt haben. Er hatte oben so schmale Fenster, die auf die Straße rausgingen. Plötzlich sehe ich ausländische Soldatenstiefel.”

Ljowa und seine Schwester überlebten, weil eine ukrainische Nachbarin sie auf dem Weg zur Erschießung zur Seite nahm und als ihre eigenen Kinder ausgab. Nun hat Ljowa seine Wohnung in Uman verkauft und will sich in Israel um seine bettlägerige Schwester kümmern. Nächstes Jahr sind wir zum Geburtstag nach Haifa eingeladen – Ljowa wird 90.

Ljowa ist einer von den wenigen seiner Generation, die im vorgerückten Alter noch den Absprung in ein neues Leben schaffen. Die meisten sind in ihrer alten Sowjetwohnung geblieben und warten jenseits der Grenze auf mich.

Ljowa kurz vor dem Abflug nach Israel. Foto: CSI
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