Zeitzeugen zum Jom-Kippur-Krieg: Der Overall und die Lebenswende (2)

Zeitzeugen zum Jom-Kippur-Krieg: Der Overall und die Lebenswende (2)

Alon Kruger – sein Vater überlebte einen schweren Angriff. Foto: privat

Der Jom-Kippur-Krieg 1973 hat sich als tiefer Schmerz in die israelische Seele eingegraben. Für Israel völlig unerwartet hatten syrische und ägyptische Truppen den jüdischen Staat an seinem höchsten Feiertag überfallen. Israel stand am Abgrund. Christen an der Seite Israels (CSI) hat Zeitzeugen gefragt, wie sie diesen Tag erlebt haben. In dieser dreiteiligen Serie erzählen sie ihre bewegenden Geschichten.

Alon Krugers Vater

Alon wuchs in einer ultraorthodoxen Familie auf, aber das war nicht immer so. Seine Eltern wurden erst ultraorthodox, als Alon schon einige Jahre alt war. Alons Vater, der seinen Vornamen nicht veröffentlicht wissen möchte, hat den Jom-Kippur-Krieg miterlebt. Er erzählt seine Erlebnisse mit einem Bild, das er über diese Zeit gemalt hat:

„1972 war ich für ein dreimonatiges Trainingsprogramm in der israelischen Verteidigungsarmee (IDF). Ich war nie Soldat der IDF, da ich erst 1967 aus Südafrika nach Israel einwanderte. Im Oktober 1973 wurde ich zum Jom-Kippur-Krieg eingezogen. Am neunten Kriegstag wurde ich verletzt. Die Erlebnisse dieser neun Tage markierten den Beginn eines neuen Kapitels in meinem ‚Lebensbuch’. Mit dem Hubschrauber wurde ich in das nächstgelegene Krankenhaus gebracht. Nach wenigen Tagen wurde ich in eine Rehabilitation entlassen. Dieser Ort in Aschkelon war für mich genau der richtige Platz. Hier konnte ich all die unaufhörlichen Erinnerungsfragmente sortieren, die pausenlos in meinem Kopf schwebten. Es war, als würde ich ein Puzzle mit vielen einzelnen Teilen zusammenfügen.

Alons Vater erzählt seine Erlebnisse aus dem Krieg unter anderem mit dieser Skizze. Foto: privat

Am achten Tag des Krieges (im Rückblick war es ein Schabbat), kam mir ohne erkennbaren Grund der Gedanke, meine Kleider zu wechseln. Wir hatten zwei Uniformen, eine gewöhnliche sowie einen unbequemen feuerfesten Overall, viel zu heiß und warm für diese Tage in der Sinai-Wüste. Mit viel Mühe habe ich es im engen Panzer geschafft, diesen Overall zu finden und anzuziehen. Zwei Stunden später explodierte der Panzer. Weißes und blaues Feuer erfüllte sein Inneres und verschlang den gesamten Inhalt. Eine Stahltür wurde aus den Angeln gerissen. Es fühlte sich an, als packte meine Seele meinen Körper und sprang mit ihm heraus, ich landete in einiger Entfernung auf dem kalten Nachtsand und rollte mich darauf hin und her, um das Feuer zu löschen, das an mir haftete.

Im Krankenhaus erfuhr ich, dass ich der Einzige war, der überlebt hatte. Und dies nur aufgrund des feuerfesten Overalls. Durch dieses Erlebnis hat sich mein Leben verändert. Ich wusste, dass es etwas Höheres im Leben gibt. Gott hatte mein Leben geschützt. Von nun an wollte ich mein Leben in Verbindung mit Gott leben.”

Isaac Sarig: Der Unfall, der sein Leben rettet

Als Isaac Sarig seine Erlebnisse während des Jom-Kippur-Kriegs erzählt, wird schnell klar, dass seine Geschichte nicht für sich steht. Sie ist verwoben mit der Geschichte seines Bruders, seiner Ehefrau, seines Kibbutz‘, seiner Freunde und Kameraden. Wir machen miteinander aus, dass wir bei einem späteren Treffen auch diese Geschichten aufschreiben wollen.

Isaac (l.) und sein Bruder Yoseph, der mit 29 Jahren im Krieg fiel. Foto: privat

Isaac war 1973 Soldat in der israelischen Armee. Er und seine Einheit hatten gerade Urlaub, sie waren am Mittelmeer in Akko. Für Militärübungen auf dem Golan wurden sie aus ihrem Urlaub zurückgeholt. Dort geschah während der Übungen ein schrecklicher Unfall. Isaac wurde dabei so schwer verletzt, dass er zu Beginn des Jom-Kippur-Krieges, drei Wochen später, noch immer nicht bei Bewusstsein war.

Im Jom-Kippur-Krieg verlor Isaac nicht nur viele seiner Kameraden, sondern auch seinen älteren Bruder Yoseph, und Ilan, seinen besten Freund. Isaac ist sich sicher, dass der Unfall vor dem Krieg sein Leben gerettet hat. Aus seinem Kibbutz Beit HaShita mit 1000 Einwohnern kamen elf junge Männer ums Leben. Es waren seine Freunde. Alles, was er noch für sie tun kann, ist ihre Erinnerung am Leben zu halten. Und dies bedeutet ihm sehr viel.

Hintergrund: Der Jom-Kippur-Krieg 1973

Am 6. Oktober 1973 hielt Israel seinen höchsten Feiertag Jom Kippur. Das gesamte öffentliche Leben stand still, auch Rundfunk und Fernsehen sendeten nicht. An diesem Tag griffen ägyptische und syrische Truppen Israel an – der Angriff traf den jüdischen Staat völlig unerwartet und unvorbereitet. Ziel der Allianz war es, die von Israel im Sechs-Tage-Krieg 1967 eroberten Golanhöhen und die Sinai-Halbinsel zurückzugewinnen. Verhandlungen über eine Rückgabe lehnten arabische Staaten kategorisch ab.

Aufgrund des strengen Feiertages und einer Fehleinschätzung der Vorzeichen durch ihre Regierung erlitten die Israelis zunächst hohe Verluste – Israel stand einen Moment lang am Rande einer Niederlage. Doch nach zwei Tagen kontrollierte die israelische Armee wieder die Golanhöhen und drang zudem auf ägyptisches und syrisches Staatsgebiet vor.

Jom-Kippur-Krieg: israelische Panzer überqueren den Suez-Kanal. Foto: Israel Defense Forces/flickr (CC BY-NC 2.0)

Der Krieg endete am 24. Oktober 1973 mit einem Waffenstill stand. Auf Druck der USA nahmen Israel und Ägypten im Oktober des gleichen Jahres Friedensverhandlungen auf, die am 11. November 1973 mit einem Waffenstillstandsabkommen besiegelt wurden und 1979 zu einem Friedensabkommen führten. In der Folge gab Israel die Sinai-Halbinsel an Ägypten zurück und wurde im Gegenzug von Ägypten als Staat anerkannt – es war die erste offizielle Anerkennung Israels durch einen arabischen Staat.

Ein nationales Trauma

Der Jom-Kippur-Krieg war der vierte arabisch-israelische Krieg im Nahostkonflikt und auf beiden Seiten mit hohen Verlusten verbunden. Etwa 2700 Israelis sowie mehr als 18.000 Ägypter und Syrer starben. Israels damalige Premierministerin Golda Meir trat aufgrund dessen und der Vorwürfe der außenpolitischen Fehleinschätzung im April 1974 von ihrem Amt zurück. Es blieb eine tiefe Traumatisierung der israelischen Öffentlichkeit, die ihre Armee bis dahin für unbesiegbar gehalten hatte.

Der Versöhnungstag Jom Kippur gilt als der höchste Feiertag des Judentums. Er ist ein Tag der Einkehr und Besinnung und beendet eine zehntägige Zeit der Buße, in der die jüdische Gemeinschaft aufgerufen ist, sich mit ihren Mitmenschen zu versöhnen. An Jom Kippur wird streng gefastet und das öffentliche Leben steht für rund 25 Stunden still.

Nach dem jüdischen Kalender wird Jom Kippur am 10. Tag des Monats Tischri begangen und fällt im gregorianischen Kalender auf einen Tag im September oder Oktober.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 134. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

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