„Jeder ist wie ein Buchstabe in der Tora“

„Jeder ist wie ein Buchstabe in der Tora“

Holocaust-Überlebende in Magdeburg, Hamburg, Kiel und Rostock tragen zusammen mit Sofer Yehuda Alon einen Buchstaben zu einer Tora-Rolle bei, die dem Andenken der Ermordeten des 7. Oktober 2023 gewidmet ist.
Holocaust-Überlebende in Magdeburg, Hamburg, Kiel und Rostock tragen zusammen mit Sofer Yehuda Alon einen Buchstaben zu einer Tora-Rolle bei, die dem Andenken der Ermordeten des 7. Oktober 2023 gewidmet ist. Foto: CSI

Magdeburg – Hamburg – Kiel – Rostock – vier Stationen für ein einzigartiges Projekt: In Kooperation mit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) ermöglichten Christen an der Seite Israels (CSI) zahlreichen Holocaust-Überlebenden im Norden Deutschlands, an einer Tora-Rolle mitzuwirken, die dem Gedenken der Ermordeten des 7. Oktober gewidmet ist. Ihr neues Zuhause soll sie im kommenden Frühjahr im wiederaufgebauten Kibbutz Kfar Aza finden.

Von Anemone Rüger

„Wenn ein Buchstabe fehlt, ist dann eine Tora-Rolle noch zu gebrauchen?“, fragt Sofer Yehuda Alon sein Publikum in der Synagogengemeinde zu Magdeburg. Der Tora-Schreiber ist eigens aus Israel angereist, um Holocaust-Überlebende in den jüdischen Gemeinden Norddeutschlands an seinem Herzensprojekt teilhaben zu lassen. Die Magdeburger kennen sich aus – erst vor wenigen Monaten wurde hier feierlich eine neue Tora-Rolle eingeweiht. „Nein, natürlich nicht – dann ist die Tora-Rolle nicht koscher!“, übersetzt Rabbiner Igor Mendel Itkin für den Ehrengast aus dem Russischen zurück ins Hebräische.

Es ist nicht irgendeine Tora-Rolle. Es fing an mit einer Freundschaft zwischen Yehuda Alon, der sich vor 20 Jahren nach einem der israelischen Kriege emotional mühsam ins Leben zurückkämpfte, und Ofir Libstein, zuletzt Landrat der Region Sha’ar HaNegev am Gazastreifen. Libstein glaubte, dass jeder im jüdischen Volk und letztendlich in der ganzen Schöpfung des Ewigen seinen Platz hat, den er einnehmen muss; sonst fehlt etwas. Genauso wie keiner der 304.805 Buchstaben in der Tora fehlen darf. „Ani ot echad, kulanu am echad“ – „Ich bin ein Buchstabe, wir sind ein Volk“ war sein Leitsatz. Die Beschäftigung mit der Tora und mit der Kunst des Tora-Schreibens brachte Alon ins Leben zurück und gab ihm eine Mission: Menschen aus verschiedenen Hintergründen mit der Tora in Verbindung zu bringen.

Hände führen den Stift über der Tora
Es ist ein bewegender Akt, gemeinsam mit dem Tora-Schreiber Buchstaben hinzufügen zu dürfen. Foto: Oleksandra Korotka | ZWST

Libsteins Vermächtnis

Libstein war der Erste, der am 7. Oktober aus dem Kibbutz Kfar Aza als gefallen gemeldet wurde. Er, der sich wie kaum ein anderer – landesweit bekannt – für eine Verbesserung der Lebensbedingungen für die palästinensischen Nachbarn in Gaza eingesetzt hatte, wurde von den Hamas-Terroristen gezielt ausgeschaltet, bevor der restliche Kibbutz verwüstet und seine Bewohner ermordet wurden. An seiner Leiche wurde ein Armband gefunden: „Ani ot echad, kulanu am echad“. Jeder ein Buchstabe, zusammen ein Volk.

Nun trägt es Sofer Yehuda Alon – und mit ihm mehr als 33.000 Menschen, die er in seine Mission mit eingebunden hat, vom Kindergarten bis ins Greisenalter: eine Tora-Rolle im Gedenken für seinen Freund Ofir Libstein zu schreiben. Heute sind es die Magdeburger Holocaust-Überlebenden der Synagogen-Gemeinde. Doch aus Magdeburg kommt eigentlich niemand.

Von Marx und Lenin zur Tora

„Wir sind ja alle sowjetisch aufgewachsen“, sagt Channa aus St. Petersburg. „Alles war verboten. Selbst das Wort ‚Synagoge‘ auszusprechen, war schon gefährlich. Und nun ermöglicht ihr uns diesen besonderen Tag, selbst an einer Tora-Rolle mitzuwirken!“

Diana aus Kiew ist glücklich über unser Wiedersehen – vor wenigen Monaten war ein kleines CSI-Team in der Gemeinde, um alle Überlebenden mit Blumen und Likör zu beschenken.

„Ich habe damals mit meinem Mann angefangen, Hebräisch zu lernen. Erst wollten wir nach Israel“, so Diana. „Aber das war zu kompliziert. Also haben wir uns auf Amerika eingestellt und einen Monat Englisch gelernt. Letztendlich sind wir dann vor 23 Jahren nach Deutschland gekommen, nach Magdeburg. Wir haben gut hier gelebt. Inzwischen bin ich verwitwet. Die Veranstaltung heute bedeutet viel für mich. Meine Eltern waren Atheisten, wie das so war in der Sowjetunion. Mein Opa David ist im Krieg umgekommen, ich bin zu seinen Ehren Diana genannt worden. Aber meine Oma, sie hat ihren Glauben behalten. Jedes Mal zu Pessach hat sie heimlich Matzen gebacken. Sie hat alle Feiertage gehalten.“

Eine Holocaust-Überlebende und der Tora-Schreiber fügen Buchstaben hinzu.
Die fertige Tora-Rolle soll ihren Platz im Kibbutz Kfar Aza finden, der schwer vom Terror-Überfall der Hamas getroffen wurde. Foto: CSI

Zusammenstehen in herausfordernden Zeiten

„Danke an unsere Freunde von CSI – dass ihr so mit uns steht, uns verteidigt! Das bedeutet uns so viel, gerade jetzt!“, sagt Gemeindeleiterin Inessa Myslitska. „Das ist kein Zufall, diese Veranstaltung nach dem Wahlsonntag gestern“, sagt Rimma Fil, Geschäftsführerin des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden Sachsen-Anhalt. „Alle sind irgendwie sprachlos, wie erstarrt. Diese Veranstaltung hier ist unsere Antwort.“

Die Tora als verbindendes Element zwischen Juden und Christen, die Einbindung der Holocaust-Überlebenden und die Verbindung zum Kibbutz Kfar Aza, wo die Tora-Rolle nach Rückkehr der Gemeinschaft im nächsten Jahr ihr Zuhause finden soll: „Wenn wir ein umfangreiches Brainstorming gemacht hätten, um ein Projekt zu finden, das alle unsere Herzensthemen miteinander vereint, hätten wir nicht bessern landen können“, so der neue CSI-Vorsitzende Christian Frach.

Juden und Christen – verbunden durch die Tora

„Nach der Veranstaltung in Kiel saßen wir noch zu fünft bei einem koscheren Abendessen zusammen“, erzählt Raquel Schwärzler, CSI-Mitarbeiterin im Bereich Hilfsprojekte. „Ein Rabbiner, zwei weitere jüdische Menschen, eine Christin, die aus der Ukraine nach Deutschland gekommen ist, und ich. Fünf Menschen aus unterschiedlichen Ländern, Kulturen und Lebensgeschichten. Im Gespräch ging es darum, wie verschiedene Religionen und Gesetzlichkeiten Menschen voneinander trennen können. Dabei dachte ich: Was für ein besonderes Bild, Juden und Christen gemeinsam an einem Tisch. Wie schön, dass wir zusammensitzen, einander zuhören und ganz selbstverständlich ein Abendessen miteinander teilen können.

Für mich war genau das die Botschaft dieses Abends mit Rabbiner Yehuda Alon: Jedes Leben ist so wertvoll wie ein Buchstabe in der Sefer Tora. Jeder Mensch hat seinen Platz im Buch des Lebens. Was für ein Geschenk Gottes.“

Zwei Männer schreiben an einem Buchstaben in der Tora.
Auch die Vertreter von CSI dürfen mitschreiben, hier der CSI-Vorsitzende Christian Frach. Foto: CSI

„Nachdem ich einen Buchstaben mitgeschrieben hatte, sagte Yehuda zu mir: ‚Jetzt bist du auch ein Teil davon.‘ Das war für mich sehr bewegend“, so CSI-Vorsitzender Christian Frach. „Wir haben die Tora als verbindendes Element zwischen Juden und Christen erlebt. Dass wir stellvertretend für CSI ein Teil dieser Tora-Rolle werden durften, die in Kfar Aza ihren Platz finden wird, verbindet uns auf intensive Weise – mit Israel, der Tora und auch der Community von Kfar Aza.“

Gastgeber der Tournee Magdeburg – Hamburg – Kiel – Rostock war die Zentrale Wohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland ZWST. Finanziell unterstützt wird sie von Christen an der Seite Israels (CSI).

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