Ukrainische Kriegsflüchtlinge in Israel: Ankommen trotz Heimweh

Ukrainische Kriegsflüchtlinge in Israel: Ankommen trotz Heimweh

CSI-Mitarbeiterin Anemone (r.) hat in Israel Juden besucht, die vor dem Krieg in der Ukraine geflohen sind.

Zu Friedenszeiten endete unsere Mission der Begleitung und Unterstützung ukrainischer Juden im Großen und Ganzen am Flughafen, wenn wir sie für ihr neues Leben im Verheißenen Land in die Hände der israelischen Einwanderungsorganisation „Jewish Agency“ übergaben. Doch seit Februar 2022 ist alles anders. Viele Senioren aus unserem Patenschaftsprogramm sind mit kleinem Gepäck nach Israel geflohen. Wir möchten diesen Menschen, mit denen wir seit Jahren eine Beziehung aufgebaut haben, auch weiterhin zur Seite stehen und ihnen zeigen, dass sie in ihrer neuen Heimat, in die sie so unvorbereitet hineinkatapultiert wurden, nicht allein sind. Anfang dieses Jahres haben die CSI-Mitarbeiterinnen Anemone und Alina mehrere neueingewanderte Senioren in Israel besucht.

Wir biegen am südlichen Ende von Aschkelon Richtung Meer und Nationalpark ab. Soll hier ein Altenheim sein? Schließlich werden wir an ein Tor dirigiert. Es öffnet sich und gibt den Blick auf ein Paradies frei. Der Weg vor uns ist von Palmen und Blumentöpfen gesäumt. Wir befinden uns in einer Art Feriendorf, das aus lauter kleinen kibbutzartigen Häuschen besteht. Zwischen den Unterkünften erstreckt sich eine großartig angelegte Parklandschaft aus Palmen, Bougainvillea, blühendem Aloe, Blumen und Blumen und Grün und mehr Blumen und nochmal Palmen. Und direkt dahinter rauscht das Meer.
Das Seniorennheim befindet sich in einem reich bepflanzten Park am Mittelmeer. Inna vermisst ihr Zuhause in der Ukraine, doch sie ist auch stolz auf ihre neue Nachbarschaft.

„Am 8. März haben die Soldaten uns Frauen noch Blumen überreicht. Das ist alles in ein paar Wochen vorbei, haben sie gesagt. Aber leider ist es anders gekommen.“ Inna kommt aus Krementschug. Auch sie packte schnell eine Plastiktüte mit den dringendsten Sachen – und ihren Pass. „Sie haben uns gesagt, wir können sowieso kein Gepäck mitnehmen. Es ist Krieg – da gibt es keine Kapazitäten, um großes Gepäck zu transportieren. Also habe ich fast nichts mitgenommen.“

„Und dann kam Yair Lapid uns besuchen!”

In einem überteuerten Taxi verließ Inna mit einer Freundin und deren Mutter die Stadt. Sie bekamen die letzten Plätze in einem Evakuierungsbus. Aber an der moldawischen Grenze herrschte Chaos. Sie mussten weiter. Der Bus bracht sie nach Rumänien. Dort wurden sie erst in einem Zelt notversorgt, dann drei Wochen in einem schönen Hotel untergebracht. „Und dann kam Yair Lapid uns besuchen! Ja, wirklich! Er hat gesagt, wir sollen uns keine Sorgen machen, Israel wird sich um uns kümmern.“ In Rumänien feierte die Fluchtgemeinschaft noch Purim, dann war der Weg frei nach Israel. Und durch wunderbare Fügungen fand sich Inna in diesem Ferienparadies wieder.

„Warte, ich mache mir noch Lippenstift drauf!“ sagt Inna, bevor wir unsere Freundschaftsfotos machen. Ihre Tochter ist vor einigen Jahren auf tragische Weise umgekommen. Einen Enkelsohn gibt es noch im israelischen Aschdod, der in großen Abständen nach ihr schaut. Inna wischt eine Träne weg. „Ich vermisse mein Zuhause…“ Aber dann schnappt sie sich doch ihren Rollator und zeigt uns mit sichtbarem Stolz ihre neue Nachbarschaft.

Inna (l.) mit den beiden CSI-Mitarbeiterinnen Anemone …
… und Alina (2. v.l.) sowie mit anderen geflüchteten Damen.

Jakow: „Ich habe nicht gewusst, dass es solche Deutsche gibt!“

Jakow wollten wir vor einem Jahr im Norden der Ukraine als Neuzugang in unserem Programm besuchen. Doch er kam uns zuvor und ging gleich zu Kriegsbeginn nach Israel. Nun lernen wir ihn in dem einzigartigen Park in Aschkelon am Meer kennen.
Sein Zimmerchen ist picobello aufgeräumt. Er ist erst seit ein paar Wochen hier. Seinem Bruder in Bat Yam wollte er nicht länger zur Last fallen, und so hat er sich eine eigene Bleibe gesucht. Jakow ist Geschichtslehrer von Beruf. Sein ganzes bisheriges Leben hat sich in dem Städtchen Sosniza bei Tschernigow abgespielt.

„Zu Kriegsbeginn standen zwei Tage lang die russischen Panzer bei uns im Stadtzentrum. Am Anfang haben sie bei uns noch keinen Schaden angerichtet. Sobald sie weg waren, wollte ich die Gelegenheit nutzen und Alijah machen.“
Jakow lässt eine schwere Familiengeschichte zurück. Sein Vater Sjama wuchs als Waise auf – beide Eltern waren jung an schweren Krankheiten gestorben. Seine Mutter hingegen kam aus einer großen jüdischen Familie mit drei Jungen und drei Mädchen.

Die CSI-Mitarbeiterinnen Anemone (l.) und Alina zu Besuch bei Jakow.

„Mama war die Jüngste“, erzählt Jakow. „Ihr Vater, mein Großvater, war Fuhrmann. Er hat immer die Leute vom Bahnhof abgeholt. 1921 ist er in den Unruhen der schweren Jahre nach der Revolution ermordet worden.“ Nun war die Großmutter allein mit sechs Kindern.
„Sie war eine begabte Frau“, fährt Jakow fort. „Sie hat für viele genäht, und sie hat wunderbar gekocht. Sie hat den Leuten auf Bestellung Challah-Brote für den Schabbat gebacken. Als der Krieg begann, gab es Aufrufe in Sosniza, dass die Juden sich in Sicherheit bringen und in die Evakuierung gehen sollten. So ist Mama mit ihrer Mutter geflohen.“ Die Brüder sind gefallen, von den Schwestern hat eine überlebt.

Jeden Tag liest Jakow in der Tora.

„Papa hatte schon mal eine Familie gehabt. Chawa hieß seine erste Frau, das bedeutet Leben; und drei Kinder – zwei Mädchen und ein Junge. Dann musste er an die Front. Als er nach Kriegsende zurückkam, hat keiner mehr gelebt von ihnen. Sie waren alle ermordet worden. Er hat es den ganzen Krieg hindurch nicht gewusst.“ Dann lernte Jakows Vater seine zweite Frau kennen, Jakows Mutter.

Jakow ist seit vielen Jahren Witwer. Er hat noch zwei Angehörige – seinen Bruder in Cholon und seinen Sohn Bat Yam.
Auf dem einzigen Tisch im Zimmer liegt neben den Kaffeetassen und Teebeuteln eine russisch-hebräische Tora-Ausgabe. Ich bin neugierig und frage Jakow danach. Sein ganzes Leben lang hat er ja die Welt durch die Brille der sowjetischen Geschichtsschreibung gesehen.

„Meine Frau war Russin“, erzählt Jakow. „Aber sie stand dem Judentum sehr nahe. Eines Tages war sie in Kiew in der Synagoge und hat sich die Tora-Ausgaben angesehen. Die Frau des dortigen Oberrabbiners, Moshe Assmann, hat gefragt, ob sie ihr helfen kann. Dann hat sie ihr die Tora geschenkt, für mich. Bisher kann ich sie nur auf Russisch lesen. Aber ich lese jeden Tag darin.“ Das Jiddische ist Jakow immerhin vertraut – es war die Sprache seiner Kindheit, in der sich Mutter und Großmutter unterhielten.
Auf dem Weg zwischen den Kibbutzhäuschen finden wir Inna, die uns zu Jakow begleitet hat und inzwischen eine ganze Reihe Damen um sich gesammelt hat. Mit einer von ihnen hat sie in Rumänien auf die Ausreise gewartet. Eine aus Kiew, eine aus Weißrussland, eine aus Lettland. Alle sprechen Russisch.

In der Ukraine kümmerte sich Jakow ehrenamtlich um jüdische Massengräber

Während meine Kollegin Alina die Damen unterhält, erzählt mir Jakow von seiner ehrenamtlichen Arbeit, die er bis zuletzt in Sosniza für die jüdische Gemeinde geleistet hat. „In Sosniza gibt es drei Massengräber. Ich habe mich darum gekümmert, dass sie immer ordentlich gepflegt waren. Heute ist der 27. Januar. Und zum ersten Mal seit vielen Jahren bin ich nicht da. Ich bin immer den Weg zu den Massengräbern zu Fuß gegangen. So wie die Juden zu Fuß zur Erschießung getrieben wurden…“
Als ich Jakow erzähle, warum ich Israel liebe und dass besonders mein Vater die Liebe zum jüdischen Volk in mein Herz gelegt hat, sagt er mit belegter Stimme: „Das berührt mich sehr. Ich habe nicht gewusst, dass es solche Deutsche gibt!“

Jakow, hier mit CSI-Mitarbeiterin Anemone, ist über den Besuch aus Deutschland besonders gerührt. Alle Fotos: CSI

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