Vergebung am Rande der Ewigkeit – wie drei Tage alles veränderten

Vergebung am Rande der Ewigkeit – wie drei Tage alles veränderten

Es ist immer möglich, aufeinander zuzugehen. Foto: Shutterstock

Ein Gastbeitrag von Brigitte B. Nussbächer

Die Zeit zwischen dem jüdischen Neujahrsfest Rosch HaSchana und dem Versöhnungstag Jom Kippur ist eine Zeit der Buße. Ganz gleich, wie lange eine Beziehung zwischen zwei Menschen zerstört ist und wie verloren sie erscheint: Es gibt immer – solange ein Mensch lebt – die Möglichkeit von Vergebung und Zueinanderfinden. So wie in dieser wahren Geschichte von Vater und Tochter.

Der tiefe Sinn von Jom Kippur

Über Verfehlungen nachdenken und um Vergebung bitten, das ist der Fokus für die Zeit zwischen dem jüdischen Neujahrsfest Rosch HaSchana bis zum Versöhnungstag Jom Kippur. Während dieser Tage versuchen Juden mit Menschen Frieden zu schließen, indem sie anderen vergeben und auch selbst um Verzeihung bitten.

Wenn die Sonne untergeht, Jom Kippur beginnt und die ersten Sterne funkeln, legt sich eine heilige Stille über das Land. Weißgekleidete Israelis machen sich auf den Weg zur Synagoge. Jüdische Gebete und Sühnelieder ergreifen die Seele. Zum Abschluss und Ausklang des Tages erklingt das Schofar-Horn. Es ist der Ruf nach Vergebung für die Sünden. Denn: Wer einem Menschen vergibt, dass dieser ihn verletzt hat, ist von der damit verbundenen Last befreit. Zudem geht der Vergebung durch Gott das gegenseitige menschliche Verzeihen voraus.

Zum Abschluss von Jom Kippur erklingt das Schofar. Foto: Shutterstock

Welcher Segen durch Vergebung freigesetzt werden kann, erfuhr ich während der drei letzten Tage meines Vaters, am Rande der Ewigkeit.

Der Preis der Vergebung

In meiner Jugend wusste ich nichts von Jom Kippur. Als Kind hatte ich gelernt, dass man um Verzeihung bittet, wenn man einen Fehler begangen hat oder eine Schuld entstanden war. Ich assoziierte damit primär das Eingeständnis des eigenen Missverhaltens und die Reue darüber. Es gehörte für mich zum zwischenmenschlichen Umgang, war eine Frage guten Benehmens und sozialer Kompetenz.

Später lernte ich dann, dass Vergebung auch mit Gott zu tun hat. Vor Gott sammelt sich unsere Schuld; eine ganz andere Dimension, denn es heißt in der Bibel: „Der Sünde Sold ist der Tod“ – des Schuldigen. Das war hart und es war hoffnungslos.

Dann hörte ich, dass Gott seine Menschenkinder so liebt, dass er selbst für ihre Schuld bezahlt hat. Damit ist der ganze Inhalt von Vergebung umrissen: dass Schuld niemals einfach vergeht oder verjährt, sondern immer eine Sühne fordert. Dass Gnade nichts anderes bedeutet, als dass ein anderer die Schuld begleicht.

Ich verstand auch die Alternative: Dass Vergeltung der Versuch ist, dem Anderen diese Sühne mit Gewalt aufzuzwingen oder abzuringen. Ich erfasste das Perpetuum, das damit ausgelöst wird, sowie die Ausweglosigkeit des Teufelskreises, der dadurch entsteht, dass Sühne immer weiter Sühne fordert.

Und langsam fing ich an zu begreifen, dass Vergebung von dem Vergebenden verlangt, genau darauf zu verzichten, sein Recht auf Vergeltung abzugeben beziehungsweise das Defizit, die Schuld selber zu begleichen. Was manchmal schwer fiel, sehr schwer. Vor allem, wenn man eigentlich nicht vergeben wollte, weil das, was der andere getan hatte, so schwerwiegend und so schmerzlich war. Und weil man vielleicht auch davon ausging, dass er es wieder und wieder tun würde.

Mein Vater,

so war es mir mit dir ergangen. Du hattest mich zu oft und zu tief verletzt. Du warst zwar mein Vater – aber wir hatten ein Leben lang wie zwei Parallelen gelebt, die sich nicht berühren: in Sichtweite, aber niemals gemeinsam.

Du gingst deinen Weg, unbeirrt. Du hattest dir zum Ziel gesetzt, den Siebenbürgern, einem Volk, das aufhört zu sein, ein historisches Denkmal zu setzen. Dafür investiertest du jede freie Minute und nichts anderes schien dir wichtig. Du lebtest in deiner Welt und ich fand keinen Zugang.

Egal womit uns das Leben konfrontierte: Ob es die politische Ausgrenzung durch den rumänischen Geheimdienst Securitate war oder die schwere Krankheit, wegen der meine Mutter fortgebracht wurde – wir beide haben diese Last nicht zusammen getragen, sondern jeder für sich. Ich kannte tausende äußerliche Details deines Alltags, aber wir sprachen nie darüber, was der andere dachte oder fühlte.

Gernot Nussbächer wurde das goldene Ehrenzeichen der Republik Österreich für seine Verdienste als Historiker, Schriftsteller und Archivar verliehen. Foto: privat

Als du anfingst, internationale Ehrungen für dein historisches Lebenswerk zu erhalten, freute ich mich zu sehen, dass du deinem Ziel sehr nahegekommen warst: Es war dir gelungen, etwas Überdauerndes für die Zukunft zu schaffen. Wenn ich schon mein Leben lang auf dich verzichten musste, so war doch etwas Wertvolles im Gegenzug entstanden, das ich achten und schätzen konnte.

Aber die Leere zwischen uns konnte auch das nicht füllen. 48 Jahre lang. Inzwischen trennten uns tausende Kilometer und Grenzen. Du schienst mich vergessen zu haben: Du verschenktest unser Familienhaus und setztest einen Fremden als Generalerben ein; sowohl für deine wissenschaftlichen Arbeiten als auch für dein gesamtes materielles und finanzielles Vermögen. Dein Testament mit dem du mich enterbtest, war das finale forte der Botschaft, die ich mein Leben lang von dir gehört hatte: Dass ich dir nichts bedeutete.

Die Nachricht

Eines Tages hörten wir, dass du krank seist und nur noch wenige Wochen zu leben hattest. Nicht von dir, sondern über andere. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es mich berühren würde. Ich hatte erwartet, dass es für mich eher eine Befreiung sein würde, weil dieser bittere Teil meines Lebens wegfallen würde und die Wunden langsam heilen würden. Ich hoffte, endlich die Türe hinter diesem schmerzlichen Kapitel meines Lebens schliessen zu können.

Doch als diese Nachricht kam, umgab mich auf einmal ein Imperativ mit unglaublicher Klarheit: Dass ich mich auf den langen Weg zu dir machen würde – und dass ich dir verzeihen musste. Alles und voraussetzungslos. Ich verband keine Hoffnung damit – ich wusste nur, dass es keine Alternative gab. In den wenigen Tagen bis zu meiner Reise nach Siebenbürgen in Rumänien versuchte ich mich innerlich vorzubereiten: zu sagen, dass ich dir vergebe und dies auch zu fühlen und dahinter zu stehen. Aber der Schmerz und der Zorn im meinem Inneren blieben.

Gernot Nussbächer, Historiker und Schriftsteller. Foto: privat

Ich verzeihe dir

Dann stand ich vor deinem Bett und du lagst vor mir, so erschütternd abgemagert und klein, dass es wirkte, als wären nur noch ein paar Reste von dir da. Trotzdem war ich nicht zu spät gekommen. Aber obwohl du mental völlig klar warst, herrschte zwischen uns Schweigen und eine Unbeholfenheit, die in 48 Jahren gewachsen war: Es stand zu viel zwischen uns.

Aber ich versuchte dir zu zeigen, dass ich da war, dass ich für dich da war. Und schliesslich sprach ich es aus: Ich sagte dir, dass ich dich mein Leben lang vermisst hatte und wie sehr es mich verletzt hatte von dir vergessen zu werden, aber dass ich dir alles vergebe: freiwillig und bedingungslos. Und danach bat ich dich um Verzeihung.

Du wirktest überrascht, du wirktest betroffen. Dann meintest du wie nebenbei, dass du mich ein Leben lang sträflich vernachlässigt hättest und dass ich lange nicht so viel Negatives in deinem Leben bewirkt hätte, wie du in meinem. Wir brachen nicht in Tränen aus, wir umarmten uns auch nicht, aber wir hatten einander auf der Schwelle des Todes getroffen und wir hatten die Dinge bereinigt. Schliesslich verabschiedete ich mich von dir – unsicher, ob du die Nacht überleben würdest.

Der Segen der Vergebung

Und dann begann das Wunder: In den drei Tagen danach setzte, zunächst unmerklich, eine völlige Veränderung ein. Du mobilisiertest ungeahnte Energiereserven und wolltest mich nicht weglassen. Wir, die wir nie kommuniziert hatten, sprachen auf einmal stundenlang. Die Zeit verging wie im Flug. Du machtest Witzchen, lachtest, sangst sogar. Ich erfuhr in diesen Stunden mehr von dir und über dich als je zuvor. Aber du hörtest mir auch zu und versuchtest mir kleine Freuden zu bereiten. Wir waren uns so nahe wie nie zuvor.

Lag es daran, dass meine Vergebung die Mauer niedergerissen hatte, die uns jahrzehntelang getrennt hatte? Hatte es uns beide freigesetzt, aufeinander zuzugehen und einzugehen? War dadurch Liebe möglich geworden?

War es möglich, durch Vergebung zu innerer Freiheit zu gelangen? Frei von Ballast und frei für neue Dimensionen? Wenn ja, dann rang Vergebung dem Vergebenden nicht nur etwas ab, sondern gab ihm auch selber etwas. Konnte es sein, dass Vergebung nicht nur einen hohen Preis forderte, sondern auch einen hohen Gewinn brachte?

Stunden wie Diamanten

Wir wussten es wohl beide, dass diese wenigen Tage alles waren, was wir je zusammen hatten und haben würden und sie verannen unwiederbringlich. Wir konnten die Zeit nicht festhalten oder verlängern, wir konnten sie nur nutzen, sie so schön wie möglich für einander gestalten und mit jeder Pore in uns aufnehmen.

Du hattest dich entschieden, mir ein Abschiedsgeschenk zu machen und du riskiertest dafür das Wohlwollen des Menschen, den du als deinen Generalerben bestimmt hattest. Denn da du ihm bereits alles von dir gegeben hattest, konntest du mir nichts mehr schenken, ohne ihm etwas wegzunehmen. Aber dann tatest du genau das. Du hattest entschieden, aktiv zu werden und dich für mich einzusetzen in einer Art, wie du es nie zuvor getan hattest. Es war, als würde sich auf einmal eine Lücke schliessen, die immer geklafft hatte und das Wort „Vater! Mein Vater!“ war für mich erstmalig mit Bedeutung erfüllt.

Wir können die Zeit nicht aufhalten, sondern sie nur nutzen und so schön wie möglich füreinander gestalten. Foto: Shutterstock

Aber schon brach der letzte Tag an. Es waren Stunden wie Diamanten, voll ungeweinter Tränen, unter ungeheurem Druck – aber auch von unfassbarer Schönheit und Klarheit. Plötzlich sagtest du mir, dass du jahrelang geglaubt hattest, ich sei nicht deine Tochter. Heute stand mir die Ähnlichkeit zu dir zwar ins Gesicht geschrieben, aber als Kind war das nicht unbedingt so. Und dass meine Mutter alles getan hatte, um mich von dir fernzuhalten. Es war ihr nur zu gut gelungen.

Aber du erzähltest auch, wie du und meine Mutter euch auf wunderbare Weise in den letzten Jahren und in den letzten Monaten ihres Lebens nahegekommen wart. Du hattest ihre letzte Zeit in einem Tagebuch festgehalten und batest mich, dir daraus vorzulesen. Es war ein seltsamer Moment: Als ob durch mein Vorlesen die Zeit zurück gedreht wäre und ich diese letzte Zeit von ihr mit euch erleben würde. In Gedanken standen du und ich Hand in Hand am Grab meiner Mutter und verabschiedeten uns von ihr. Aber es fühlte sich nicht an wie Abschied, es fühlte sich an, als hätten wir uns auf der Schwelle zur Ewigkeit getroffen. Als ich aufhörte zu lesen, meintest du mit tränenüberströmten Gesicht, aber lächelnd: Das war unser Finale con brio.

Ich bat dich um deinen Segen. Wir hatten jahrelang zum gleichen Gott gebetet, aber niemals gemeinsam. Die Kluft, die uns trennte, hatte alle Bereiche durchzogen. Aber jetzt segnetest du mich und mir war, als ob sich unsichtbare Hände schützend um mich legten. Und dann umarmtest du mich. In 48 Jahren hatten wir das niemals getan. Es war das erste und das letzte Mal zugleich. Völlig fremd, aber wunderschön. Wir waren – ganz am Ende – bei einander angekommen. Ich hatte für drei Tage meinen Vater erlebt und das fand in dieser sehr bewussten Geste Ausdruck.

Vergebung und Zueinanderfinden am Rande der Ewigkeit. Foto: privat

Am 21. Juni , dem Tag der Sommersonnenwende, dem dritten Jahrestag nach dem Tod meiner Mutter, hast du schliesslich diese Erde verlassen. Du hattest keine Angst vor dem Tod. Du hattest deinen Frieden mit Gott und den Menschen gemacht und sahst voll Gelassenheit in eine andere Zukunft. Und ich stellte mir dein verschmitztes Lächeln vor, als du erkennen konntest, dass Gott deinen Wunsch, genau an diesem Tag zu ihm zu kommen, erfüllt hatte.

Für immer

Mich zerriß ein wilder, erbarmungsloser Schmerz. Wir hatten doch gerade nur die ersten Schritte miteinander gemacht, am Kelch der Verbundenheit genippt. Das konnte doch nicht alles gewesen sein! Was würde überdauern, was und wie konnte ich es bewahren? Ich wollte meinen Vater nicht wieder verlieren.

Schliesslich tröstete mich der Gedanke, dass ich die Ähnlichkeiten und das Gerüst der Eigenschaften, die er mir vererbt hatte, hinter meiner Persönlichkeit und damit ihn in mir erkannte. Und so schrieb ich in dieser Nacht:

Lieber Gernot,
nein, ich werde mich nicht von dir verabschieden – ich werde dich in meinen Armen festhalten, wie jemanden, den man gefunden hat und nicht wie jemanden, von dem man sich trennt.

Als ich zu dir kam, dachte ich: Von echten Parallelen sagt man, dass sie einander in der Unendlichkeit berühren, weil der Raum ein anderer wird und es einen Perspektivwechsel gibt. Und so hatte ich nur die Hoffnung auf die Ewigkeit … Aber wir haben einander erreicht und berührt – jetzt! hier! – nicht erst in der Ewigkeit.

Nein, ich werde mich nicht von dir verabschieden! Ich werde deinen Segen, den du mir beim Abschied gabst, immer bewahren – und einen Teil von dir. Denn was auch mit deinem irdischen Erbe geschieht, ich, als dein einziges Kind, trage in meinen Genen dein anderes, unvergängliches Erbe und so wirst du ein Teil von mir sein und ich werde dich behalten – für immer!
Brigitte

Der Ring

In der Zeit danach wuchs in mir der Wunsch, etwas Reales, Konkretes von meinem Vater in meinem Leben zu haben; etwas, was mich begleitete. Ich hatte zwar das „Goldene Ehrenzeichen der Republik Österreich für seine Verdienste als Historiker, Schriftsteller und Archivar“, welches ihm vom Bundespräsidenten Östereichs verliehen worden war, aber das war mir zu unpersönlich. Es war nichts, was ich wie einen Teil von mir empfinden konnte.

Zwei Monate später stieß ich auf einen Goldring aus Israel mit hebräischer Inschrift, die lautete: „Ich fand den, den meine Seele suchte“. In dem Augenblick wo ich ihn sah, wusste ich: Das ist es! Ein Ring aus diesem Land, das mir nahesteht wie kein anderes. Aus Gold, dem Symbol der Beständigkeit, mit einem eingestanzten Text, der für mich unser Zusammentreffen ausdrückte: Endlich hatte ich ihn, meinen Vater, den meine Seele immer gesucht hatte, gefunden.

Der goldene Ring aus Israel mit der Inschrift „Ich fand den, den meine Seele suchte.“

Ich beschloss den Ring mit dem Abschiedsgeschenk meines Vaters zu bezahlen: Damit wurde er zu einem posthumen Geschenk von ihm, ein Zeichen der Verbundenheit über den Tod hinaus. Seither begleitet der Ring mich … und erinnert mich an das Wunder, welches durch Vergebung möglich wurde: Dass ich für drei wunderbare Tage einen Vater hatte!

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