Dass es viele verschiedene Bibelübersetzungen gibt, ist ohne Frage ein Segen. So ist für jeden Bedarf und Sprachgeschmack etwas dabei. Doch obwohl sich alle Übersetzungen auf denselben Urtext beziehen, finden sich Unterschiede. Manchmal reicht ein Wort und ein Text bekommt eine ganz andere Bedeutung. Zum Auftakt dieser Serie setzt sich Dr. Tobias Krämer kritisch mit der Bibelstelle Römer 11,28 auseinander.
Von Dr. Tobias Krämer
Warum nur, so kann man sich fragen, können Bibelübersetzer nicht einfach übersetzen, was dasteht? Ich weiß: Übersetzen ist vielfach ein Vorgang subjektiven Ermessens, weil man Entscheidungen treffen muss. Das ist klar, ist hier aber nicht gemeint. Meine Frage ist – und das werden wir an Römer 11,28 sehen –, warum Übersetzer einfach Wörter hinzufügen müssen, die im Urtext schlicht nicht zu finden sind. Das finde ich ungeheuerlich.
Zunächst zum Kontext. Am Ende von Römer 11 bricht Paulus zu einer Heilsgewissheit für Israel durch: „Ganz Israel wird gerettet werden.“ (V. 26) Das ist gewaltig! Es ist aber auch ‚Zukunftsmusik‘. Deshalb fragt sich Paulus: Was ist denn über das jüdische Volk heute zu sagen? Diese Frage beantwortet er mit zwei Blickrichtungen/Perspektiven (V. 28). Denn im Blick auf das Evangelium ist etwas anderes zu sagen als im Blick auf die Erwählung (V. 28a+b).
Der Text: „Hinsichtlich des Evangeliums sind sie [die Juden] zwar Feinde um euretwillen, hinsichtlich der Erwählung aber Geliebte um der Väter willen.“ Zwei Blickrichtungen, zwei Aussagen. Hinsichtlich des Evangeliums sind die Juden, die Jesus ablehnen, „Feinde“ (ἐχθροί); im Blick auf die Erwählung aber sind sie „Geliebte“ (ἀγαπητοί).
Anders gesagt: Schaut man durch die Evangeliumsbrille, sieht man unter den Juden viele „Feinde“; denn viele wollen vom Evangelium nichts wissen. Schaut man aber durch die Erwählungsbrille, sieht man noch immer „Geliebte“. Die Juden sind und bleiben also Geliebte Gottes, obwohl viele von ihnen das Evangelium ablehnen. Das ist erstaunlich! Die Frage ist: Wenn sie Geliebte Gottes sind, sind sie dann auch Feinde Gottes? Im Urtext steht das nicht; das Wort „Gottes“ fehlt in beiden Fällen.
Im ersten Fall ist die Sache klar. Geliebte sind die Juden natürlich von Gott her, also sind sie Geliebte Gottes. Doch wie verhält es sich im zweiten Fall? Worauf bezieht sich jene „Feindschaft“? Muss man parallel übersetzen und von Feinden Gottes sprechen oder gerade nicht?
Interpretation statt Übersetzung
Verschiedene Übersetzungen verstehen Vers 28a so und ergänzen deshalb das Wort „Gottes“. So die Gute Nachricht und die Hoffnung für alle. Exemplarisch die Neue Genfer: „Ihre Einstellung zum Evangelium macht sie zu Feinden Gottes“. Da haben wir´s. Das ist eindeutig Interpretation, nicht Übersetzung, denn das Wort „Gottes“ steht da nicht. Die Frage ist: Trifft diese Interpretation den Kern der Sache?
Tatsächlich sind die beiden Vershälften nicht streng parallel konstruiert. Die Liebe, von der in Vers 28b die Rede ist, ist natürlich die Liebe Gottes. Sie bezieht sich auf Israel. Die Feindschaft in Vers 28a hingegen geht von Menschen, von Juden aus und bezieht sich auf das Evangelium. Diese Feindschaft – die Ablehnung des Evangeliums – hat Paulus dutzendfach erlebt. An ihr leidet er, sie macht ihm Not, sie löst theologische Fragen aus und führt dazu, dass er die große Israelpassage Römer 9–11 überhaupt schreibt.
Historisch gesehen sind viele Gründe denkbar, warum Juden das Evangelium ablehnten. Eines aber ist klar: Sie haben das nicht aus Feindschaft gegenüber Gott getan. Eher aus Mangel an Erkenntnis oder gar aus falsch verstandenem Eifer für Gott, wie der ‚alte’ Paulus, bevor er Jesus begegnete (vgl. Römer 10,2–3). Aus der Ablehnung des Evangeliums eine Feindschaft gegenüber Gott zu machen, ist Konstruktion. Und man kann sich fragen, was die Übersetzer motiviert, diese Konstruktion vorzunehmen. Im Urtext sind die Juden eben nicht Feinde Gottes, sondern nur Feinde, und dass sich jene Feindschaft auf das Evangelium bezieht, ist textlich klar. Dabei sollte man es belassen.
Viele Übersetzungen tun das auch. Elberfelder und Schlachter übersetzen schlicht und präzise: „Hinsichtlich des Evangeliums sind sie zwar Feinde um euretwillen.“ Andere Übersetzungen stellen die Verbindung zwischen Feindschaft und Evangelium ausdrücklich her. Die Neues-Leben-Bibel übersetzt frei, aber treffend: „Viele Juden sind jetzt Feinde der guten Botschaft …“ – hier wird die Feindschaft klar auf das Evangelium bezogen. Die Volx-Bibel wiederum ist nah an den historischen Gegebenheiten dran: „Viele Juden haben überhaupt keinen Bock auf diese neue Nachricht …“ Genau so war es.
Ein Gnadenerweis Gottes
Die Juden, von denen Paulus spricht, sind nicht Feinde Gottes. Sie lehnen nicht Gott, sondern das Evangelium ab. Punkt. Das schmerzt Gott zwar, bringt ihn aber nicht von seiner grundsätzlichen Haltung ab. Für Gott bleibt es dabei: Er hat Israel erwählt, er steht im Bund mit Israel (Väterbund), er liebt sein Volk – obwohl viele von Jesus nichts wissen wollen. Das ist die Botschaft von Vers 28.
Aus diesem Grund wird Gott dafür sorgen, dass ganz Israel gerettet werden wird (Römer 11,26+27), so dass am Ende Gottes Erbarmen über sein Volk das letzte Wort hat (Römer 11,31). Was für ein Erweis der Liebe und Gnade Gottes!
Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 145. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.
